Brief Albert Schweitzers an die Stadt Kelsterbach 1956 – Transkription

An den Herrn Bürgermeister
der Stadt Kelsterbach am Main,
Herrn Scherer

Dr. Albert Schweitzer
Lambarene. Gabun
Franz. Aequatorial[a]frika
Juni 1956

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

Sie und der Magistrat der Stadt tun mir die Ehre an, eine Strasse im neuen Umlegungsgebiet nach mir zu benennen zu wollen [sic!]. Ich danke Ihnen dafür und gebe Ihnen gerne meine Einwilligung. Ich finde es schön, dass die Strasse der Kirchen nach mir heißt. Wenn man fern in der Welt lebt, wo keine Kirchen sind, dann weiss man es zu schätzen, dass in der europäischen Heimat, die Häuser sich um die Kirche schaaren [sic!] und am Sonntag die Glocken zum Kirchgang einladen. Mögen die Kirchen dem neuerstehenden Stadtteil zum Segen gereichen.

Ich schreibe in der Nacht nach einem schweren Tag. Wollen Sie, bitte, den Herren des Stadtrats, den Herren der Geistlichkeit und der Einwohnerschaft meine besten Grüsse ausrichten. Nun hab ich den grossen Atlas vom Schaft gelangt und auf den ersten Blick Kelsterbach gefunden. Die Strecke Frankfurt Mainz habe ich so manchesmal zurück gelegt, als ich noch Zeit hatte zu reisen. Die liebliche Landschaft ist mir in Erinnerung geblieben. Lassen Sie mich, bitte wissen, wann die Strasse eingeweiht wird, damit ich in der Ferne in Gedanken dabei bin. Mit besten Gedanken, gestern hier angekommen:

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Fachwerktraum in Ochsenblutrot

Der Erbacher Hof in Nordenstadt wird 400 Jahre alt / Jubiläumskonzert am Samstag Frankfurter Rundschau, 12.8.2011

Es ist das älteste Haus im Dorf, wenn man einen Stadtteil von Wiesbaden wie Nordenstadt noch als Dorf bezeichnen darf. Es ist, liebevoll renoviert, in Privatbesitz. Aber es gibt am Samstag trotzdem eine quasi offizielle Vierhundertjahrfeier, wie es sich gehört mit Musik. Denn der Inhaber Rainer Noll ist Dirigent und Kirchenmusiker, der sein Eigentum auch gern bespielt. Er ist ihm ein Anliegen, die Tradition des Erbacher Hofes an der Heerstraße hochzuhalten. Deshalb sorgt er nun bereits zum 22. Mal für das Konzert, das unter dem Namen Torhauskonzert in Nordenstadt ein Begriff geworden ist.

Noll, das muss man immer hinzufügen, ist Hausherr im Erbacher Hof in Nordenstadt – um Verwechslungen vorzubeugen. Denn einen Erbacher Hof gibt es auch in Mainz. Noll kann auch den Namen erklären. Denn der stammt vom Kloster Eberbach. Der Erbacher Hof, vom mundfaulen Volk so verkürzt, meint Noll, war ein Sammel- und Verwaltungszentrum für die Ländereien und Erträge des Klosters.

Nachweislich wurde 1611 das Wohnhaus errichtet, das heute noch besteht und damit das älteste Haus in Nordenstadt sein dürfte. Im Haus wurde eine entsprechende Jahreszahl entdeckt, die auf das Entstehungsjahr deutet. Außerdem ergaben Untersuchungen der Hölzer die gleiche zeitliche Einordnung.

Das Schmuckfachwerk mit seiner repräsentativen Ornamentik deute auf die Funktion als Herr- schaftshauses hin. Nicht alle Bewohner sind bekannt, aber vereinzelt sind die urkundlich erwähnt -wie im 17. Jahrhundert der Amtmann der Herrschaft Eppstein, Adam Reinhardt Heroldt.

„Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Gehöft im Besitz meines Ururgroßvaters Johann Georg Stemler“, berichtet Rainer Noll. Dieser Urahn sei es auch gewesen, der 1849 das Torhaus errichtete, das jetzt den Konzerten seinen Namen gibt.

Noll fiel das Erbe des Anwesens in der Heerstraße 15 im Jahre 1984 zu. Da sei für ihn der Zeitpunkt gekommen gewesen, das Erbe als „anvertrautes Gut“ zu werten , in der „die Arbeit von Generationen steckt“. Mit der Übernahme des Traditionsgehöfts, so berichtet Noll, sei auch ein Funktionswandel verbunden gewesen. Er sei der erste Besitzer gewesen, der „den Hof nicht mehr als landwirtschaftliches Produktionsmittel“ genutzt habe.

Noll ergründete die historischen und architektonischen Zusammenhänge, um zu gestalten und zu erhalten. So nahm er an einem Lehrgang für Fachwerkrestaurierung in Herrstein im Hunsrück teil. Für das Fachwerk ließ er sogar ein Farbgutachten erstellen. Ergebnis: Das Fachwerk wurde wieder im ursprünglichen Ochsenblutrot gestrichen.

Das 22. Torhauskonzert im Erbacher Hof, Heerstaße 15, Nordenstadt beginnt am Samstag, 13. August, um 17 Uhr mit dem Pfeiffer-Trompeten-Consort, der Eintritt kostet 17 Euro.

Ein Querdenker, doch kein Querulant

09.08.2010 – NORDENSTADT – Von Joachim Atzbach

BÜRGERMEDAILLE Auszeichnung für Rainer Noll

„Begeisterung ist ein guter Treibstoff, doch leider verbrennt er zu schnell.“ Ob das Zitat seines großen Vorbildes Albert Schweitzer auf ihn zutrifft, darf doch bezweifelt werden. Eher liegt nah, dass damit Rainer Nolls Widerspruchsgeist herausgefordert wäre. Jedenfalls, wenn es um die Musik geht, der Noll sein ganzes Leben untergeordnet hat.

Kleider aufgetragen

„Mich verwundert manchmal, dass mir immerhin die materiellen Grundinteressen nicht völlig egal waren“, sagt der 61-Jährige und meint damit, dass ihm Geld als Wert an sich als so ziemlich die überflüssigste Sache der Welt vorkommt. Einem, der als Teenager ohne Murren die abgelegten Kleider seiner Brüder aufgetragen hat, glaubt man das. Man glaubt das auch dem Kantor, der seit 38 Jahren am doch recht überschaubaren Berufsstandort Kelsterbach festhält. Einerseits der „herrlichen“ Orgel wegen, wie er sagt. Andererseits würde er die mit der Anstellung einhergehende künstlerische Freiheit um keinen Preis der Welt missen wollen.

Nachdem er in Siena von dem großen Organisten Fernando Germani nach einem auswendigen Bach-Vorspiel spontan in dessen Klasse aufgenommen worden war, verlängerte Rainer Noll kurzerhand zum Entsetzen seiner Eltern und Lehrer die Sommerferien um einige Wochen. „Ich war nie ein Querulant, aber stets ein Querdenker“, kann er heute längst darüber schmunzeln, wie er als Musikstudent von der Hamburger Hochschule deswegen aus dem Studiengang Kirchenmusik „entfernt“ wurde und einfach zum Hauptfach Klavier wechselte. Bequeme Wege hat er auch weiterhin gemieden.

„Meine Musik hat nie imitiert. Ich habe immer meinen eigenen Stil verfolgt“, sagt Noll. Und hat damit immer wieder überzeugen können. Auch einen Kelsterbacher Pfarrer, der zufällig mitbekam, wie der Student die dortige Kirchenorgel „testete“. Danach wurde ihm sofort die Kantorenstelle angetragen. Das eigentlich hierfür notwendige Examen durfte er später nachreichen.

Mehr als 100 Aufnahmen

Inzwischen umfasst sein Werkarchiv über einhundert CDs mit ausschließlich Live-Aufnahmen. Natürlich wurden die meisten in der Kelsterbacher St. Martinskirche aufgezeichnet.

Am Samstag hatte Rainer Noll nun zum 21. Torhauskonzert in den von ihm restaurierten, bald 400 Jahren alten Familiensitz Erbacher Hof eingeladen. Der Frankfurter Gitarrist Tilman Steitz spielte Werke von Bach bis Astor Piazzolla. Als Dank der Landeshauptstadt für sein vielfältiges Wirken verlieh Stadtrat Manfred Laubmayer an Rainer Noll die Silberne Stadtplakette: „Das Kulturleben des Rhein-Main-Gebietes bis nach Amerika hat Ihnen viele künstlerische Höhepunkte zu verdanken.“

Die Steinmeyer-Orgel der Evangelischen Kirche in Wiesbaden-Bierstadt (1973)

inspiriert durch Albert Schweitzer

Mendelssohn: Fuga C-dur – Finale der 2. Orgelsonate op. 65,2 (live aus dem Konzert mit Rainer Noll am 8.9.2013 an der Steinmeyer-Orgel in Wiesbaden-Bierstadt)

(erschienen in „Ars Organi“, 62. Jhg., Heft 3, September 2014)

Nach einem Orgelkonzert, das ich 1972 in der Hamburger Hauptkirche St. Nikolai u. a. mit Werken von Widor und Saint-Saëns gespielt hatte, kam der Hamburger Kirchenmusikdirektor Prof. Dr. Otto Brodde (1910 – 1982) mit den Worten auf mich zu: „Diese beiden Komponisten hätten Sie uns ersparen können.“ Das war typisch für diese Zeit, die immer noch stark geprägt war von der „Orgelbewegung“, und demgemäß baute man auch noch die Orgeln (von ganz großen Instrumenten vielleicht abgesehen, wie etwa in St Michaelis in Hamburg). In einem Artikel von Prof. Dr. Martin Weyer (geb. 1938) mit dem bereits programmatischen Titel „Von der Zimbel zur Vox coelestis?“ (Ars Organi, Heft 46, 1975, S. 2087 ff.) kündigte sich zwar schon eine Wende an. Er beginnt mit den Worten: „Wer noch vor 10 Jahren zu behaupten gewagt hätte, dass Orgelwerke von Komponisten wie z. B. Hesse, Ritter, Rheinberger ein ,Comeback‘ erleben würden, wäre wohl kaum ernstgenommen worden: Zwischen Bach und Pepping gab es offiziell allenfalls noch Krebs, Mozart, Mendelssohn, Reger – Ausnahmen, die eine damals allgemeingültige Regel bestätigten, dass nämlich in der Zeit von 1750 bis 1930 wenig Belangvolles für die Orgel komponiert worden sei.“ Romantik wurde wieder zunehmend gespielt, aber nur von wenigen. Allein, es fehlten meist die adäquaten Orgeln. „Die Steinmeyer-Orgel der Evangelischen Kirche in Wiesbaden-Bierstadt (1973)“ weiterlesen

Innere Erfüllung gesucht

Erschienen im Freitagsanzeiger am 24.04.2014

St. Martinsgememde verabschiedet Kantor Rainer Noll

„Wie kann denn einer mit den Füßen so spielen wie andere mit den Händen?“, hatte sich der Leiter des evangelischen Posaunenchors Ernst Freese oh gefragt. Denn die Germani-Fußtechnik beim Orgelspiel beherrschen nur wenige. Zu ihnen gehört Rainer Noll. Am Ostersonntag verabschiedete die St. Martinsgemeinde ihren langjährigen Kantor in den Ruhestand.

Den Gottesdienst hielt Dekan Kurt Hohmann. Musikalisch unterstützt wurde Nolls letztes Spiel als Kantor vom Posaunenchor. Eigentlich hatte Noll einen ruhigen Abschied geplant. Doch ganz so sang- und klanglos wollte sich die Gemeinde nicht von ihrem Kantor trennen, der zweiundvierzig Jahre lang das Gemeindeleben mitgestaltete. „Die Verkündigungdes Evangeliums in Wort und Musik ist nicht voneinander zu trennen“, sagte Hohmann.

Zwischen dem Kantor und der Förster 8x Nicolaus-Orgel sei es Liebe auf den ersten Blick beziehungsweise Ton gewesen, denn das Instrument sei „die ideale Bach-Orgel in idealer Akustik“, schwärmte Noll.

Nicht immer ganz so harmonisch war das Verhältnis zwischen dem Kantor und dem Kirchenvorstand. „Herr Noll ist halt ein Künstler. Den Anspruch, den er an sich selbst, an seine Musiker und auch an die Zuhörer hatte, war enorm hoch. Das haben eben nicht alle verstanden“, erklärte ein langjähriges Gemeindemitglied. Gerne erinnerten sich die Kirchgänger aber an die zahlreichen Konzerte, die Noll organisierte, und an die namhaften Künstler, die er nach Kelsterbach brachte, zurück. Besonders die Meditation zur Todesstunde Jesu wurde hoch gelobt

Auf den Gottesdienst folgte ein Umtrunk im Haus Feste Burg. Dort wurden viele Lobesworte gesprochen. Klaus Preußner, der Kirchenvorstandsvorsitzende, aber auch Bürgermeister Manfred Ockel, Joachim Bremer, ehemaliger Pfarrer der St. Martinsgemeinde, Katja Ehrlich von der Frauenhilfe und Ernst Freese sprachen Noll ihren Dank aus und wünschten ihm für den Ruhestand nur das Beste.

Noll zeigte sich sichtlich gerührt. aber auch nachdenklich. Seine Zusammenarbeit mit der Gemeinde fasste er in kurzen Worten zusammen: „Ich habe nie an Karriere im Sinne von äußerlicher Anerkennung oder einer hohen Position gedacht. Es ging nie darum. mal ein angesehener Organist in einem Dom zu sein. Mir ging es um die innere Erfüllung. Und die belohnt sich immer von selbst.“

Konkrete Pläne für den Ruhestand hat Noll noch nicht. Seine beiden Leidenschaften, die Beschäftigung mit Johann Sebastian Bach und Albert Schweitzer. werden aber sicher auch Zukunft eine wichtige Rolle in seinem Leben spielen.