Zum 100. Geburtstag von Kurt Fiebig

Kurt Fiebig (29.2.1908 – 12.10.1988)

Kurt Fiebig – Wer nur den lieben Gott lässt walten, letzter Satz der Orgelpartita „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ (Toccata – Con fuoco)

gespielt von Rainer Noll 1978 anlässlich des 70. Geburtstages von Kurt Fiebig in St. Martin, Kelsterbach


Rainer Noll schrieb folgende Würdigung seines Hamburger Kompositionslehrers in Der Kirchenmusiker 2/83 zum 75. Geburtstag von Kurt Fiebig, die auch zum 100. Geburtstag am 29.2.2008 nichts an Aktualität verloren hat:

Am 28. Februar 1983 feierte Kirchenmusikdirektor Professor Kurt Fiebig in Hamburg-Jenfeld seinen 75. Geburtstag. Da er am 29. Februar geboren ist, pflegt der gebürtige Berliner in seinem typischen Humor zu sagen, eigentlich sei er ja erst 18.

Wer sich über den bisherigen Lebensweg des immer noch schöpferisch tätigen Kirchenmusikers Fiebig von Berlin über Quedlinburg, Aschersleben und Halle bis Hamburg informieren möchte, kann dies leicht in MGG oder Riemann tun. Auch die Würdigungen zu seinem 70. Geburtstag im „Kirchenmusiker“ (2/78, S. 56-57) und in „Musik und Kirche“ (2/78, S. 101-102) sei verwiesen. Besonders empfehle ich die Lektüre seiner Selbstdarstellung „Selbstbildnisse schaffender Kirchenmusiker IV“ in „Musik und Kirche“ (1948, S. 110 ff.).

„Musik wird nur als schön empfunden, wenn sie mit viel Geräusch verbunden, denn erst der Lärm macht populär, und die Musik, ob leicht, ob schwer, schleicht hinterher.“ So parodiert Walter Fischer das berühmte Wort Wilhelm Buschs und fährt wenig später fort: „Solide Arbeit kommt an, aber nur wer zu blenden versteht, ist im Vorteil.“[1] Zu „blenden“ versteht Kurt Fiebig nicht, dazu ist er ein zu aufrechter Charakter. Er will überzeugen, nicht überreden. Seine charakterliche Lauterkeit „verdirbt“ ihn für alle unlauteren Spielarten; für Intrigen (die es bekanntlich gar nicht gibt) ist er unbrauchbar. So bewundert Johannes Piersig, dass es bei ihm „kaum Konzert- und vor allem keine Konzernmusik“ gäbe und wünscht ihm 1957: „… möge er weiterhin dem prominenten Funktionieren fernbleiben.“[2] Er ist es geblieben. Und er ist sich selbst dabei treu geblieben. Nie schaut er verächtlich auf seine Jugendwerke herab, er bekennt sich zu sich selbst, zu seinem Stil in seiner historischen Bedingtheit.

Es bleibe dahingestellt, ob „viel Geräusch“ wirklich als „schön“ empfunden wird. Doch sicher hat mancher Lärm in einer und dann auch um eine Komposition der Popularität ihres Schöpfers nicht geschadet. Das kompositorische Schaffen Kurt Fiebigs hat nichts Spektakuläres an sich, weder im Sinne von sensationeller Artistik und bloßem Nervenkitzel noch im Sinne aggressiver Provokation. Es ist schlicht Bekenntnis, Profession. Und damit in unserer Zeit doch wieder ungewollt provokativ. In seiner Haltung hat Fiebig den Mut, unpopulär, unzeitgemäß zu sein, was vielleicht übersehen lässt, dass er in der Substanz seiner Werke beides nicht ist.

Er ist nicht der Berufskomponist, der selbst nicht mehr reproduziert und sich am Schreibtisch kompositorischen Höhenflügen hingibt, ohne ganz konkret an deren Realisierbarkeit zu denken, nicht das „romantische Genie“, das sich ohne Rücksicht auf sich und andere von seinem Genius getrieben fühlt. Wohl innigst vertraut mit der Leitung von Chor und Orchester,[3] wohl zu Hause auf Orgel, Klavier, Cembalo und Klavichord, ist er doch auch nicht der hochspezialisierte Interpret und Virtuose, der nicht mehr komponiert. Interpretieren ist für ihn als Reproduzieren Sekundärkunst: Interpretatorische Unterschiede interessieren ihn weniger als die kompositorische Substanz. Dies hat ihn davor bewahrt, den Wert einer Musik nach dem technischen Aufwand und Schwierigkeitsgrad zu beurteilen, wie es in unserem technisch orientierten Zeitalter bei vielen Virtuosen hoch im Kurs steht. Sein der Ganzheit und der Wahrheit verpflichtetes Wesen lässt sich nicht blenden. Als Kirchenmusiker, der sein Handwerk beherrscht, ist er Schaffender, Ausführender und Lehrender in einer Person, ein ganzheitlicher Musiker, wie er bis zur Zeit Bachs und in der Regel auch noch lange darüber hinaus eine Selbstverständlichkeit war, heute aber die Ausnahme ist. Dazu kommt eine gediegene universelle Bildung: theologisch, poetisch, kulturgeschichtlich, sogar mathematisch.

Fiebigs kompositorische Tätigkeit beschränkt sich nicht auf die Kirche allein. Neben kirchenmusikalischen Vokal- und Instrumentalwerken von kleinster bis zu größter Besetzung[4] schuf er Klavier- und Kammermusikwerke, Liederzyklen[5] Bühnen-, Hörspiel- und sogar Filmmusiken[6]. Fiebigs Musik ist nicht von Aufgaben und Zwecken losgebundene „l’art pour l’art“, nicht „hehres Bildungsgut“, sondern funktionell verankerte „wertvolle Gebrauchsmusik“[7] aus der Praxis für die Praxis, Musik aus Fleisch und Blut also, die ihren „Sitz im Leben“ nicht verleugnet: „Ohne Auftrag habe ich nie komponieren mögen; … Wir glauben nicht mehr, dass man die Kunst ‚um ihrer selbst willen‘ treiben soll, und die letzten anderthalb Jahrhunderte haben uns gelehrt, dass sie auf die Dauer nicht allein von der Genialität großer Persönlichkeiten leben und gedeihen kann. Sie braucht den Auftrag und sie will im Dienst stehen.“[8] Fiebig spricht selber aus, wo das Zentrum seines Schaffens verwurzelt ist: „Unsere Gottesdienste sind mein wichtigster Auftraggeber.“[9]
Eine weitere Äußerung seiner in heutiger Zeit ungewöhnlichen Haltung: Kurt Fiebig, Schüler Franz Schrekers, scheut sich nicht, sich in der Nachfolge Paul Hindemiths zu sehen, ohne sich gleich als Epigone zu fühlen. Es entspricht der Offenheit und Bescheidenheit Fiebigs, wenn er auch Namen anderer zeitgenössischer Komponisten voller Bewunderung nennen kann, wie z.B. Strawinsky, Bartók, Britten, Prokofjeff, Schostakowitsch, Ibert, Distler, Pepping. Erweiterte Tonalität, herbe Linearität und Integration geistlichen Liedgutes von der Gregorianik bis zur zeitgenössischen Melodie kennzeichnen Fiebigs Stil. Eine Kompositionstechnik hat für Fiebig Gültigkeit, wenn man damit auch ein Kinderlied komponieren kann. Die natürliche Tendenz zu tonalen Zentren vergleicht Fiebig mit der Gravitationskraft, der man sich nur künstlich entziehen kann. Atonalität ist für ihn ein brauchbares Ausdrucksmittel, insofern sie als komplementärer Gegensatz zur Tonalität gebraucht wird, diese aber nicht ersetzt. Ihre Verselbständigung sieht er wie die Verselbständigung eines Teils der komplementären Paare Konsonanz – Dissonanz in der Musik oder Licht – Schatten in der Malerei: eines verliert ohne das andere die bewusste Wahrnehmbarkeit seiner spezifischen Wirkung und damit seine Existenz.

Den Kompositionsstil Fiebigs möchte ich einen Stil komplementärer Kontraste nennen. Er verliert sich nicht ins Dunkle, Willkürliche, Grenzenlose; der Gebrauch der Mittel bedroht nie das Gleichgewicht der Aussage: ein Romantiker ist Fiebig kaum. Eher schon ein Klassiker im modernen Gewande, der sein gutes Augenmaß für Mitte und Ziel nicht verliert.

Rainer Noll


Kompositionen von Kurt Fiebig

Verlag Merseburger, Berlin, Kassel

Kantate „Etwas unam sanctam“. S, A, B, Chor, Orchester (60′).
Messe in a (Missa secunda). S, S, A, T, B, Orgel oder S, A, B, Chor, Orchester (25′).

Hallische Kantate vom Wort Gottes. S, T, B, Chor, Orchester (25′).

Markus-Passion. 2 Chöre a cap., T- und B-Solo (60′).

Die Introiten für die Festtage des Kirchenjahres. Chor a cap.

Acht kleine Choralkantaten für gem. Chor (Solo) und Instrumente:
Nun freut euch, lieben Christen gmein – Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen –
Sollt ich meinem Gott nicht singen – Wachet auf, ruft uns die Stimme – Nun lob‘ mein
Seel‘ den Herren – Nun danket all‘ und bringet Ehr‘ – O Gott, du frommer Gott –
Halleluja Lob Preis und Ehr.

Verlag Peters, Leipzig und Erfurt

Konzert für Cembalo und Streichorchester
Vier Liebeslieder. S-Solo, Fl., Viol., Vc., Klav.
Zwei Lieder von Britting für Kinderchor und Schulorchester.

Sonatine in a für Violine und Klavier.

Klaviersonate in e.

Sonatine für Klavier in c.

Praeludium und Fuge für Cembalo.

Praeludium und Fuge in b für Orgel.

Triosonate für Orgel g.

Verlag Breitkopf & Härtel, Wiesbaden

Paul-Gerhardt-Kantate. S, A, B, Chor, Orchester (35′).

Missa „Media Vita“. Chor a cap. (20′).

Concertino für Violine und Streichorchester (20′).

Verlag F. E. C. Leuckart, München

Die Verkündigung, Adventsoratorium (Luk. 1). S, S, B, B, Chor, Orgel (50′).

Deutsches Magnificat. Chor a cap.

Des Lebens Ruf (H. Hesse). Chor a cap.

Martinslied (S. Dach). Chor a cap.

Verlag Heinrichshofen

Herr Gott, dich loben alle wir, Choralmotette. Chor a cap.

In Dich hab ich gehoffet, Herr, Choralfantasie für Orgel

Bärenreiter-Verlag, Kassel und Hänssler-Verlag, Stuttgart

Kirchenliedsätze für Chor mit und ohne Instrumente.

Hüllenhagen und Griehl, Hamburg

Osteroratorium nach Lukas. T, B, B, 3 Chöre a cap. (45′).

Wie nach einer Wasserquelle, Kantate. S, A, B, Chor, kl. Orchester (20′).

Geistliches Konzert für Solostimme(n) mit Orgel: Ps. 148 – Sei getreu – Trauspruch –
O Gott, du König (S, A) – So ziehet nun an (S, S, A).

Orgelchoralbuch. 48 leichte Choralvorspiele für Orgel.

Chantry Music Press Inc., Wittenberg University Springfield – Ohio – USA

Hallelujah, Let Praises Ring, Cantata Foramen Choir, Brass and Organ.

Organ Partita „Wer nur den lieben Gott läßt walten“.

Hans-Martin Majewski Musikverlag, Berlin – Hamburg

Zwei Duette nach Texten von Irma Brandes. (S, B) und Klavier: „Stockrosen“,
„Champignon Capriccio“.

Verlag für Musik und Kunst

„Drei Conrapuncte zu B-A-C-H“ für Orgel (Rainer Noll gewidmet und von diesem uraufgeführt am 14.1.1984 in der Marktkirche Wiesbaden).

Selbstverlag

Kantaten:
Du meine Seele singe. S, Chor, Orchester.
Ist Gott für mich. 2 Chöre, Blechbläser, Pauken.
Nikodemuskantate. Chor, Fl., Ob., Fg., Str., Orgel.
Vom Himmel hoch. S., Chor, Fl., Clar., Horn, Viol., Vc.
Wie soll ich dich empfangen. S, Fl., Str.
Befiehl du deine Wege. S, A, Chor, Kammerorchester.
Die Widersprecherin. S, S, A, T, B, Fl., Viol., Vc., Klavier.

Chor a cappella:
Wenn wir in höchsten Nöten sein. Choralmotette.
Es wolle Gott uns gnädig sein. Choralmotette mit S-Solo.
Das alte Jahr vergangen ist.

Sologesang:
Jahrkreis der Liebe nach Ricarda Huch. 24 Lieder und Duette.
Geliebte Gefährten nach Irma Brandes.

Psalm 8. Tiefe Stimme, Viol., Orgel.

Hallelujasprüche für Advent, Weihnachten, Ostern, Pfingsten und Trinitatis.
S., Viol., Orgel.
Psalm 13. S, B, Viol., Orgel.
Bitte um Frieden. S, T, B, Orgel.

Weihnachtsliedersuite. Hohe Stimme, Fl., Vc., Cembalo (Klavier).

Orgel:
Praeludium und Fuge in f.
Fuge in c mit Vor- und Nachspiel.
Partiten: Wer nur den lieben Gott läßt walten – Nun laß uns Gott den Herren –
Komm, Gott Schöpfer – Gelobet seist du, Jesu Christ – Das alte Jahr vergangen ist.

Instrumentalmusik:
Sonate für Violine und Klavier.
Duo für Bratsche und Klavier.
Vorspiel und Fuge für Bratsche und Orgel.
Sonate für Oboe und Klavier.
Variationen über ein Thema von Clementi für Klarinette und Klavier.
Streichquartett.
Flötenquartett.
Vorspiel und Fuge für Orgel, 2 Trompeten, Pauken und Streicher.


[1] Walter Fischer: Zahnkranz – Nicht nur Sprüche, Hann.-Münden 1981, S. 6.

[2] Johannes Piersig: Zum Schaffen von Kurt Fiebig, in: Musica XI, 1957, S. 701 ff.

[3] Als Direktor der Kirchenmusikschule in Halle/Saale in den Jahren 1941 bis 1950 unterrichtete Fiebig Tonsatz, Chorleitung und Orgel, die gesamte Praxis des Kirchenmusikerberufs.

[4] Über seine „Markus-Passion“ siehe „Musik und Kirche“ 5/82, S. 265 f. Auch die Kantate „Et Unam Sanctam“ sei erwähnt, deren Aufführung in Hamburg unter Leitung des Komponisten vor mehr als zehn Jahren mir in lebhafter Erinnerung ist. Die Orgelpartita „Wer nur den lieben Gott läßt walten“ hat der Verfasser dieser Zeilen für die Schallplatte eingespielt (Motette Ursina, 9002-33), die weitere geistliche Werke sowie Lieder nach Gedichten von Irma Brandes enthält.

[5] Z.B. „Jahrkreis der Liebe“ nach Ricarda Huch; eine Aufführung in Wiesbaden, die der selbst am Flügel sitzende Komponist mit charmanten Erläuterungen versah, ist mir unvergesslich.

[6] Z.B. zum Luther-Film „Der gehorsame Rebell“ von Curt Oertel.

[7] So H.-J. Moser in: Die evangelische Kirchenmusik in Deutschland, Verlag Merseburger 1954, S. 292.

[8] K. Fiebig in: Musik und Kirche 1948, S. 113 f. Weitere Literatur: H. Hoffmann: Vom Wesen der zeitgenössischen Kirchenmusik, Kassel 1949, S. 44, 46, 104.

[9] Siehe 8.

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