Die Voigt-Orgel (1886) zu Nordenstadt

(erschienen in „Ars Organi”, 2/1987,  mit leichten Abweichungen)

Nordenstadt liegt östlich von Wiesbaden, links der Autobahn (A 66) von Wiesbaden nach Frankfurt. Fast bis zur Eingemeindung zu Wiesbaden im Jahre 1977 war Nordenstadt eine kleine Landgemeinde bäuerlichen Charakters.

Heinrich Voigt mit ältestem Sohn

Die evangelische Barock-Kirche des Dorfes wurde in den Jahren 1718-1738 erbaut. Lehrer Maurer berichtet unter der Jahreszahl 1885-86 in der Schulchronik, die erste Orgel sei um 1709 erbaut worden. Wie die Schulchronik, so nennt auch Bösken als Erbauer den sächsischen Orgelbauer Georg Friedrich Weißhaupt [aus Friedenstein], der sich in Idstein/Ts. niedergelassen hatte. Als Entstehungszeit gibt Bösken um 1713 an [1]. Nach diesen Angaben müsste also diese Orgel kurz vor dem Kirchenneubau noch für die nach dem 30jährigen Krieg notdürftig wiederhergestellte vorherige Kirche angeschafft worden sein. Sie besaß 11 Register auf einem Manual und Pedal. In den Jahren nach 1800 war sie öfter reparaturanfällig. Im Jahre 1876 erhielt sie ein neues „Magazingebläse”, wie es im Vertrag mit den Orgelbauern Gebrüder Voigt aus dem benachbarten Igstadt heißt. Schon in den Jahren davor hatte die Werkstatt Voigt das Instrument in Pflege. So lag es nahe, sich auch an diese Werkstatt zu wenden, als man schließlich doch des altersschwachen und dazu längst dem Zeitgeschmack nicht mehr entsprechenden Barockinstrumentes überdrüssig war. Heinrich Voigt (inzwischen nicht mehr Gebrüder Voigt) unterbreitete der Gemeinde einen detaillierten, auf den 19. Juli 1884 datierten Kostenvoranschlag für eine neue Orgel mit 20 klingenden Stimmen, zwei Manualen und Pedal.

Karl Heinrich Voigt wurde am 4. Oktober 1845 in Igstadt (heute Wiesbaden-Igstadt) geboren, wo sein Vater, der Orgelbauer Christian Friedrich Voigt (geb. 4.12.1803 zu Oberlosa im Vogtland, gest. 23.8.1868 zu Igstadt), im Jahre 1832 seine Werkstatt gegründet hatte. Wo und wie Heinrich seine Lehrzeit verbrachte, erfahren wir durch das Zeugnis[2], das der Orgelbauer F. W. Voigt in Eisleben (sicher ein Verwandter) dem fast 19jährigen am 12. August 1864 ausgestellt hat: „Der Orgelbauergehülfe Herr Heinrich Voigt aus Igstadt im Herzogthum Nassau hat bei mir vom 7. August 1860 bis 7. August 1864 die Orgelbaukunst erlernt und sich während dieser Zeit neben seinem musterhaften gesitteten Betragen stets so sehr der Arbeit befleißigt, daß er sich ziemliche Kenntnisse und die Fähigkeit, alle in diesem Fache vorkommenden Arbeiten gut auszuführen, erworben hat. Sicher steht zu hoffen, daß er, im Falle er sein fleißiges Streben nach immer größerer Vervollkommnung fortsetzt, künftig etwas Tüchtiges leisten wird.” Dass diese Hoffnung seines Lehrmeisters nicht unbegründet war, sollte 22 Jahre später auch Adolf Wald, der Gutachter seiner Arbeit in Nordenstadt, bestätigen.

Am 28. August 1884 kommt es auf der Basis des Kostenvoranschlags vom 19. Juli zum Vertragsabschluss zwischen dem Kirchenvorstand und Heinrich Voigt. Es ist sehr aufschlussreich, dieses Dokument gewissenhafter Planung wenigstens auszugsweise kennen zu lernen:

„Disposition u. Kostenanschlag […]
Umfang der Manuale C-f”’ 54 Töne, Umfang des Pedals C-d’ 27 Töne, Stimmung neue Pariser Tonhöhe [3].
A. Hauptwerk, kräftige Intonation, weite Mensur

1. Prinzipal 8′, ganz von 14 löth. [engl.] Zinn [4], kommt soweit thunlich in den Prospect zu stehen. Die Größeren bekommen aufgeworfene, die Kleineren gedrückte Labien und wird poliert, Mensur V, […], Ton singend mit vernehmbaren Strich.
2. Bordun 16′, Holz, mit außwärts gestochenen Labien, gedeckt, von C-h Tannenholz vom c’ Deckel von Birnbaum, vom c” an ganz von Birnbaumholz, Mensur III,
[…], Ton voll und weich.
3. Viola di Gamba 8′, von 12 löth. Zinn [5], Mensur II,
[…], Ton scharf streichend.
4. Hohlflöte 8′, Holz, offen, von C an bis h ganz von Tannenholz, vom c’ an Deckel Birnbaum, von c” an ganz Birnbaumholz, Mensur IV,
[…], Ton weich und klar.
5. Trompete 8′, aufschlagend, Kehlen und Zungen von Messing, Stiefel und Körper von 12 löth. Zinn, mittlere Mensur,
[…], Ton stark und rund.
6. Octave 4′, von 12 löth. Zinn, Mensur V,
[…], Ton etwas stärker wie Prinzipal.
7. Flöte travers 4′, von C-H Kiefern, von c bis h Deckel von Birnbaum, vom c’ an ganz Birnbaumholz, überblasend,
[…], Mensur II, Intonation der Orchesterflöte nachahmend.

8. Quinte 2 ²/³’, von 12 löth. Zinn, Mensur V, […], Ton dumpf und voll.
9. Octave 2′, von 12 löth. Zinn, sonst wie Octave 4′
[wurde als Piccolo 2′ ausgeführt].
10. Cornett-Mixtur 4fach [auf Registerzug Mixtur-Cornette], von 12 löth. Zinn, von C-fs Prinzipalmensur, von g an 2 Töne weiter, ist wie folgt zusammengesetzt:
Auf C steht g-c’-g’-c” 8′ Ton
auf c steht c’-g’-c”-g” 8′ Ton
auf g steht g’-d”-g”-h” 8′ Ton
und so fort, ohne zu repetieren.

B. Oberwerk, sanfte Intonation, enge Mensur.
11. Geigenprinzipal 8′, von C-H Tannenholz, offen, Fortsetzung 12 löth. Zinn, Mensur III […], Ton etwas zärter wie Prinzipal im Hauptwerk u. mit mehr Strich.
12. Salicional 8′, tiefe Octave Kiefernholz, offen, Fortsetzung 12 löth. Zinn, Mensur I,
[…], Ton fein streichend.
13. Vox-celeste 8′, tiefe Octave Tannenholz, offen, Fortsetzung 12 löth. Zinn, Mensur I,
[…], Ton sehr streichend [schwebend mit Salicional].
14. Gedackt 9′, Holz mit auswärtsgestochenen Labien, von C-h Kiefern, vom c’ an Birnbaumholz, Mensur III, […], Ton weich.
15. Flöte-Dolce 4′, von C-H Kiefern, von c-h Deckel von Birnbaum, vom c’ ganz von Birnbaumholz,
[…], Mensur II, Intonation etwas weicher wie Flöte-travers.
16. Harmonieflöte 8′, von C-h Kiefern, von c’-h’ Deckel von Birnbaum, vom c” ganz von Birnbaumholz,
[…], Mensur II, Ton stark überblasend.

C. Pedal, starke Intonation, weite Mensur
17. Subbass 16′, von Tannenholz, gedeckt, [nach außen labiert], Mensur VI, […], dicke, volle Intonation.
18. Violon 16′, von Tannenholz, ganz offen und in natürlicher Länge von C an, Mensur III,
[…], Ton rund streichend.
19. Tuba 16′, durchschlagend, Platten, Zungen und Krücken von Messing, Stiefel und Körper von Holz, Ton rund und voll.
20. Cello 8′, von C-e Tannenholz mit eingesetzten Labien von Birnbaumholz, von f an von 12 löth. Zinn, Mensur II,
[…], Intonation sanft strechend.”

Die tatsächliche Reihenfolge der Register auf den Windladen, wobei das „Oberwerk” unter das Hauptwerk, das Pedal hinter beide zu stehen kam und nur die Hauptwerkslade eine C/Cis-Teilung erhielt, ist folgende:
HW: 1, 2, 3, 4, 7, 6, 8, 9, 10, 5. OW: 11, 12, 13, 14, 16, 15. P: 19, 20, 18, 17. Auch in anderen Einzelheiten weicht die Ausführung leicht vom Kostenvoranschlag ab.

Unter D. folgen Angaben zu den Nebenzügen: Manualkoppel und Windablassventil als Züge und Pedalkoppel zum Hauptwerk, Piano, Forte und Tutti als Tritte. Bezüglich der Koppeln wird gefordert, dass sie während des Spielens betätigt werden können. Die ursprüngliche Zusammensetzung der festen Kombinationen ist erhalten geblieben. Sie weicht allerdings von der merkwürdigen Angabe im Kostenvoranschlag ab, nach der durch Piano das gesamte Oberwerk durch Forte das gesamte Hauptwerk und durch das Tutti Hauptwerk, Oberwerk und Pedal erklingen sollen. Das Piano zieht Viola di Gamba 8′, Hohlflöte 8′, Salicional 8′, Harmonieflöte 8′, Subbass 16′. Das Forte zieht zusätzlich. Principal 8′, Flöte travers 4′, Octave 4′, Gedackt 8, Flöte dolce 4′ und Cello 8′, der Tutti-Tritt zieht alle klingenden Register außer Voix céleste 8′.
„Nähere Bestimmungen” schließen sich in zwölf Paragraphen an (Gehäuse, den seitlich platzierten Spielschrank, Windladen, Traktur, Bälge, Windkanäle, Pfeifenwerk, Aufstellungs- und Garantiebedingungen sowie den Festpreis betreffend). In Paragraph II heißt es: „Die Manual- und Pedalwindladen werden nach Art der Kegelladen construiert. Dieselben bekommen anstatt einschlagende, aufschlagende Kegel, wodurch der Wind nicht so verführt zu werden braucht.” Zur vollmechanischen Traktur, § VI: „Die Abstractur aus hängenden Wellbretter u. Winkel bestehend, wird von leichten geraden Tannenholz, die Winkel von überzinntem Eisen in Kapsel gehend gefertigt.” Die Gesamtzahl der Pfeifen wird mit 1112 angegeben (§ X). Die Aufstellung wird bei drei Mann auf 16 Tage Dauer veranschlagt (§ XI), die Garantie für solide Ausführung für 10 Jahre übernommen, und für die regelmäßige jährliche Stimmung werden 20 Mark vereinbart (§ XII), was im Vertrag noch einmal bestätigt wird.

Spieltisch

Der Kostenvoranschlag erhält einen Nachtrag vom 16. Okt. 1884, dass die Front des Gehäuses aus Eiche und nur das Seitengehäuse aus Tannenholz gefertigt werde, wodurch eine Verteuerung von 64o Mark entsteht, der Endpreis somit 6430 Mark beträgt (ebenfalls im Vertrag bestätigt).
Die Rechnung von Bautechniker Joseph Morr für die Bauzeichnungen trägt das Datum vom 31. Oktober 1884.
Am 30. November 1884 erhält auch der Vertrag einen Nachtrag, der die Bedingungen der am 7. November erteilten Baugenehmigung des „königl. preuß. Consistoriums” in Wiesbaden aufnimmt. Der wesentliche Punkt hierbei ist: „Bei der Detaillierung des Gehäuses sind die Profile des Prospektes der ev. Kirchenorgel zu Höchst aufs genaueste einzuhalten und darzustellen.” Diese Orgel war 1883 für die gerade fertig gestellte Stadtkirche in Frankfurt-Höchst von den Gebr. Voigt erbaut worden (1975 wurde sie nach mehreren Umbauten durch einen Neubau der Fa. Ahrend/Leer-Loga/Ostfriesland ersetzt).
Eine Beschreibung aus kunsthistorischer Sicht gibt Dieter Großmann: „Eines der m. W. seltenen Gehäuse von ausgesprochenem Renaissance-Charakter steht in Nordenstadt bei Wiesbaden […]. In Nordenstadt schließt über dem mittleren Rundbogen ein Gebälk ab, das von einem flachen, vasenbekrönten Dreiecksgiebel überfangen wird. Der Mittelteil stützt sich mit Voluten auf die Obergesimse der kleinen Felder; die Gesimse sind zugleich oberer Gebälkteil des Hauptbogens, laufen aber auch nach außen durch und umrunden die stark nach vorn, etwas aber auch nach der Seite vorspringenden Türme, die von geschuppten Kuppeln bekrönt werden, auf denen sich obeliskenartige Baluster erheben. Korinthisierende Säulen mit Balusterschaft rahmen die Türme seitlich. Obwohl sämtliche Felder des Ornaments ermangeln, wirkt die eigenwillige Gesamterscheinung mit ihrer Architektonik recht ansprechend.” [6]

Gemeinderat und Kirchenvorstand beschließen am 12. Juli 1885, die alte Orgel an die „früher schon im 12. Jahrhundert zur Mutterkirche in Nordenstadt eingepfarrte” Gemeinde Wildsachsen zu verschenken, die „ob dieses mütterlichen Geschenkes” hochbeglückt war [7]. Dort schmückt heute noch das reich ornamentierte Barockgehäuse den Chorraum der kleinen Kirche, das seit 1961 ein neues Orgelwerk (Fa. Bosch/Sandershausen) beherbergt.
Am 23. November 1885 schließt der Kirchenvorstand mit Lackierer Wilhelm Schmidt aus Igstadt den Vertrag betreffs der anfallenden Vergoldungsarbeiten an der neuen Orgel. Für diese Arbeiten liefert A. Lantz für 12 Mark den Entwurf in Form einer Wasserfarbenzeichnung (Rechnungsdatum 17.2.1886). Bei der Innenrenovierung im Jahre 1967 ging es darum, die Orgel als stilistischen Fremdkörper im barocken Raum möglichst neutral zu halten, so dass die heutige Farbgebung nicht der ursprünglichen entspricht.
Nach einigen Vorarbeiten (das gesamte Kircheninnere wird in diesem Zusammenhang für ca. 10 000 Mark einer gründlichen Renovierung unterzogen) kann endlich im November 1885 mit dem Orgelneubau begonnen werden – mit deutlichem Verzug, denn lt. Vertrag sollte die neue Orgel bis 30. September 1885 „fix & fertig” aufgestellt sein, wo die verschenke Orgel ihre auffällige Lücke hinterlassen hatte: auf der Empore im Chorraum, oberhalb des Altares.
Als musikalischer Sachverständiger prüft der „Pianist u. Organist der protest. Hauptkirche zu Wiesbaden”, Adolf Wald [8], das spielfertige Instrument am 29. Januar 1886 drei Stunden lang. Am 4. Februar legt er ein in Ausführlichkeit und Gewissenhaftigkeit dem Voigtschen Kostenvoranschlag in nichts nachstehendes schriftliches Gutachten vor. U. a. heißt es: „Es gereicht mir zum besonderen Vergnügen, Herrn H. Voigt, welcher mir schon seit einer Reihe von Jahren als ein äußerst strebsamer, reeller u. solider Orgelbauer bekannt ist, das ehrende Zeugniß ausstellen zu können, daß die neue Orgel in der Kirche zu Nordenstadt ihm in jeder Beziehung gelungen ist und einen außerordentlichen Fortschritt seiner Leistungsfähigkeit bekundet.” Das 8seitige Dokument hätte es verdient, ungekürzt wiedergegeben zu werden. Wald beschreibt ausführlich Kraft, Fülle und Majestät des vollen Werkes, die Klangschönheit besonders aller 8′-Stimmen des 1. Manuals und die Verschmelzungsfähigkeit der Streicher des II., die leichte Spielart, die gute gleichschwebende Temperatur der Stimmung, die gute Intonation und Windversorgung sowie die durchdachte, solide und gewissenhafte handwerkliche Ausführung. Lediglich den aus Zeitmangel als einziges Register nicht von Voigt selbst gefertigten Bordun 16′ wünschte er sich etwas weiter mensuriert. Aber gerade mit diesem Bordun in Verbindung mit Salicional 8′ des II. Manuals gewinnt er „feierlichernste Klänge (ich möchte sie ,Charfreitagsstimmung’ nennen) […], durch welche bei äußerst getragenem Spiel die andächtigen Zuhörer auf erhebende Weise sich erbaut fühlen werden.”
Im Pedal hebt er die durchschlagende Tuba 16′ besonders hervor, die „Herrn Voigt vorzüglich gelungen” sei: „Dieses Register, bezüglich der Intonation gehalten zwischen Posaune 16′ und Trompete 8′, zeichnet sich durch schönen, sonoren weichen Klang vorteilhaft aus, angenehm das Ohr berührend auch dadurch, daß es nicht auffällig und schnarrend erscheint, wie dies häufig bei Rohrwerken (Zungenstimmen) der Fall ist. Diese Tuba 16′ läßt sich auch bei sanfterem Spielen sehr gut gebrauchen, namentlich auch für Melodieführung im Pedal, wie z. B. in den kunstvollen contrapunktischen Choral-Vorspielen von J. S. Bach.”
Für Prüfung und Gutachten, Reisebemühungen bei bodenlosen, schlammigen Wegen und Rückkehr bei völlig dunkler Nacht, Auslagen für Reise und Porto sowie Verluste durch Ausfall seiner Musikstunden berechnet und quittiert Adolf Wald am 20. Februar 1886 90 Mark.
Auch der zuständige königliche Baubeamte, Baurat Moritz, gibt am 17. Februar 1886 seine Zustimmung zur Abnahme, nachdem die feierliche Einweihung der neuen Orgel bereits am Sonntag, dem 14. Februar „bei dichtbesetzter Kirche” stattgefunden hat [9].
Lange hat Heinrich Voigt nicht auf sein Geld warten müssen: er bescheinigt am 19. März 1886, die vertraglich vereinbarten 6430 Mark bar erhalten zu haben, wobei bereits vorher 5500 Mark als Abschlagszahlungen geleistet worden waren.
In den 100 Jahren ihres Bestehens erlebte die Orgel in Nordenstadt nur geringe Veränderungen. 1917 mussten „die zwei größten unserer Kirchenglocken und die Prospektpfeifen der hiesigen Kirchenorgel auf dem Altare des Vaterlandes geopfert werden”, berichtet Lehrer Wittgen in der Schulchronik. Diese Maßnahme betraf neben Blindpfeifen die Pfeifen der Töne C-d° des Principal 8′. Beim Spielen störte das den Lehrer weniger, aber das Äußere der „prächtigen Orgel” betreffend klagt er: „Wo ist jetzt ihr schönes Gesicht? Wie vom Feinde zerstört sieht sie aus.”
Erst am 21.6.1924 quittierte Orgelbauer August Hardt (Möttau), die Restzahlung für die gelieferten neuen Prospektpfeifen aus Zinkblech erhalten zu haben. Er hatte bereits seit 1912 einen Wartungsvertrag mit der Gemeinde.
Im Jahre 1927 schaffte man ein Motorgebläse an, so dass das Balgtreten – bisher von Konfirmanden besorgt – überflüssig wurde.
1933 begannen die Verhandlungen mit August Hardt zwecks Reparatur der schadhaften Trompete 8′ (durch Hartbleiköpfe geführte Messingstimmkrücken waren wegen Grünspanansatz unbeweglich geworden). Am 30. Juli 1934 teilt Hardt mit, das genannte Register sei leider nicht reparabel wie vorgesehen. Gleichzeitig unterbreitet er ein Angebot für eine neue Trompete, die noch im selben Jahr eingebaut wird (Kosten dafür nach Abzug von 65 RM Altmaterialvergütung für alte Trompete: 85 RM, Rechnung vom 17. Januar 1935).
In den ersten beiden Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg hatte die „Orgelbewegung” ihre volle Entfaltung erreicht: absolute Norm war inzwischen die „Barockorgel” und was man dafür hielt. Welche Ironie! Nun hätte fast das gleiche Schicksal die romantische Orgel von 1886 getroffen wie einst ihre barocke Vorgängerin: man wollte sie loswerden oder doch zumindest „verbessern” durch „Aufhellen” und „Barockisieren” des ganz und gar nicht barocken Klangbildes. Es blieb ihr erspart, was viele gleichaltrige Orgeln, sofern man sie überhaupt erhielt, zu entstellten Zwitterwesen machte. Sie blieb verschont, bis die Zeit reif war für ein neu erwachtes Verständnis der Romantik.
Nach dreijährigen Verhandlungen führte die Firma Förster & Nicolaus (Lich) im Jahre 1976 eine gründliche, stilgerechte Restaurierung für 73 200 DM durch. Dabei wurden u. a. auch die behelfsmäßigen Zinkprospektpfeifen der 20er Jahre durch neue aus 75 %iger Zinnlegierung ersetzt, und die leicht störanfälligen Tonkegelventile des 1. Manuals erhielten zur Beschwerung Bleigewichte, um einen besseren Fall bzw. Windabschluss zu erreichen (die Kegelventile des II. Manuals und Pedals, bestehend aus einem 8 mm starken, unterseits belederten Ring von Eichenholz, trugen bereits solche aufgestifteten Bleiplättchen). Ansonsten ist dieses Instrument auf uns gekommen, wie es die Hände seines Schöpfers verlassen hat: als lebendiges Zeugnis der in alter Handwerkstradition stehenden Orgelbaukunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als ein in sich geschlossenes Kunstwerk dieser Epoche. Aus diesem Geiste will es verstanden und geliebt werden.

Die Voigt-Orgel zeigt einen gewissen französischen Einfluss. Auch die Verwendung z. B. überblasender Register (hier Harmonieflöte 8′ und Flöte travers 4′) sowie auch die Intonation (besonders der Grundstimmen) erinnern an Cavaillé-Coll. Beziehungen der Familie Voigt zumindest zum elsässischen Orgelbau (Fa. Roethinger, Straßburg-Schiltigheim) lassen sich allerdings erst einige Jahre später nachweisen.
Im Jahre 1889 musste die Firma Voigt Konkurs anmelden. Vermutlich wurde Heinrich Voigt ein Opfer des Konkurrenzdrucks durch den industrialisierten und zunehmend fabrikmäßig betriebenen Orgelbau, der nicht mehr in erster Linie den Künstler und Handwerker, sondern den Kaufmann und Unternehmer forderte und förderte (dennoch blieb die Orgelbautradition bis in unsere Tage in der Familie Voigt). Er starb am 10.6.1906 (lt. Angabe seines Urenkels Gerhard Voigt in Wiesbaden-Igstadt). Sein wohl letztes größeres Werk überdauerte ihn und gereicht noch (und wieder!) nach 100 Jahren seinem Erbauer zur Ehre. Wie am ersten Tage erklingt es Sonntag für Sonntag zum Lob Gottes und zur Erbauung der Gemeinde.

 

Disposition:

I. Manual (C-f”’)

 

Principal 8′

Bordun 16′

Viola di Gamba 8′

Hohlflöte 8′

Flöte travers 4′

Octave 4′

Quinte 2 ²/³’

Piccolo 2′

Mixtur-Cornette 4fach

Trompete 8′

II. Manual (C-f”’)

 

Geigenprincipal 8′

Voix celeste 8′

Salicional 8′

Gedackt 8′

Harmonieflöte 8′

Flöte dolce 4′

Pedal (c-d’)

 

Tuba 16′

Cello 8′

Violon 16′

Subbass 16′

Spielhilfen: Manual-Coppel (als Zug),

Pedal-Coppel, Tutti, Forte, Piano (als Tritte)

Vollmechanische Kegellade

 

Im Jahre 1999 lieferte die Fa. Förster & Nicolaus ein neues Gebläse und belederte den Blasebalg neu (beide auf dem Dachboden über der Orgel platziert). Gleichzeitig wurde ein Windkanal zum Ansaugen raumtemperierter Luft aus dem Kirchenraum geschaffen.


1 Franz Bösken, Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins, Mainz 1975, Bd. II, S. 677.

2 Im Besitz seines Enkels Heinrich Wilhelm Voigt [1904 – 1992], Orgelbauer in Frankfurt/Main-Unterliederbach.

3 435 Hz bei 15° C, auf Vorschlag der Académie des Scienses 1859 in Frankreich eingeführt, 1885 auf Wiener Stimmtonkonferenz allgemein beschlossen.

4 14lötiges Zinn = 87,5 %ige Zinnlegierung

5 12lötiges Zinn = 75 %ige Zinnlegierung

6 In welchem Style sollen wir bauen?, in: Acta Organologica, Berlin 1984, Bd. 17, S. 66. Großmann gibt hier irrigerweise 1888 als Erbauungsjahr an, was schon Bösken Bd. II, S. 677 tat. Der Fehler findet sich bereits im Inventarverzeichnis vom 15. September 1916 (Pfarrarchiv Nordenstadt unter Nr. 566).

7 Schulchronik Nordenstadt.

8 geb. 1837, gest. 1905, Studium in Leipzig, 1867-1905 Organist der Hauptkirche (heute Marktkirche) zu Wiesbaden. Damals einziger hauptamtlicher Kirchenmusiker im nassauer Land!

9 lt. Lehrer Maurer, Schulchronik Nordenstadt, S. 66. Der Gemeindepfarrer, Consistorialrat Herdt, gibt in der Kirchenchronik den 12. Februar 1886 an, einen Freitag – mit Sicherheit ein Irrtum!

 

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