Rundmail Pfingsten 09.06.2014

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Musikfreunde,

hier finden Sie Links der Besprechung meiner letzten dienstlichen Musikveranstaltung an Karfreitag sowie Artikel zu meiner Verabschiedung am Ostersonntag:

https://erbacher-hof.de/karfreitag/meditation_2014_rezension

https://erbacher-hof.de/texte/das-ende-einer-aera

https://erbacher-hof.de/texte/innere-erfuellung-gesucht

Ich spielte Bachs Präludium und Fuge D-dur – sowie große alte und besonders neue Choralvorspiele.

Allen, die mich an diesem Ostersonntag, 20. April 2014, im Gottesdienst und beim nachfolgenden Umtrunk mit ihrem Besuch beehrt haben und mir Worte und Geschenke mit auf den Weg gaben, möchte ich hier von ganzem Herzen danken.

Wie alles begann mit Kelsterbach, können Sie in meinem Nachruf auf Pfr. Lichtenthaeler nachlesen (siehe https://erbacher-hof.de/texte/pfarrer-wolfgang-lichtenthaeler-10-april-1934-21-januar-2014-zum-80-geburtstag).

Die ersten Tage meines Ruhestandes, die ersten Maitage also, verbrachte ich in Bad Bayersoien im Hause von Frau Anni Maier. Ihr schrieb ich u. a. ins Gästebuch (wie immer in Versform):

Seit ersten Mai ich Rentner bin,
drum steht nach Dichten nicht mein Sinn
(andre mögen’s richten
und bessre Verse dichten).
Am „Tag der Arbeit” war’s so weit,
dass ich von „Arbeit” ward befreit.

Auch „Rentners Weisheit” offenbarte sich mir dort in der herrlichen Voralpenlandschaft:

Man muss nichts mehr, darf alles, kann‘s aber immer weniger

(letzteres allerdings – noch – mehr in die Zukunft blickend als die Gegenwart beschreibend).

Streiflicht über 42 Jahre Kelsterbach

„Suchet der Stadt Bestes.” (Jeremia 29,7) Dies von Kommunalpolitikern gern zitierte Wort war in den 42 Jahren meiner Kelsterbacher Tätigkeit immer mein Ziel. Es kann aber doppeldeutig verstanden werden.

Einmal etwa: suchet das Beste, das in der Stadt zu finden ist (Erkennen). Dies muss dann nicht unbedingt „gut” sein, wenn das Niveau der Stadt niedrig ist – es ist dann eben das Beste, was dort existiert.
Zum anderen: suchet das Beste für die Stadt (Wollen). Dann gibt man sich nicht mit dem status quo zufrieden, sondern versucht das Niveau anzuheben, wo immer es geht. Tut man dies nicht und passt sich nur an die niedrigen Verhältnisse an (Motto als Entschuldigung: anderswo ist’s ja auch nicht besser), um dort „anzukommen” statt „aufzubrechen”, dann sucht man nicht „der Stadt Bestes”, sondern nur seinen bequemen momentanen Erfolg. Das eigentlich Schlimme ist nicht das vorgefundene Niveau der Menschen, sondern dass sie sich sträuben gegen dessen Anhebung, ja das Bessere nicht mal erkennen und die helfende Hand ausschlagen – das Recht, dies zu sagen, glaube ich nach 42 Jahren Erfahrung zu haben. Alle Liebe half da nichts, auch nicht das gelebte Beispiel. Der beste Samen fiel auf kulturell-geistig steinigen Untergrund. Außerhalb wunderte man sich, dass da nicht einmal das stetige liebevolle Bemühen erkannt wurde (allein schon organisatorisch, dann in der Akribie des Musizierens, den oft für ein Taschengeld engagierten namhaften Künstlern oder den hinführenden Programmheften, auch den Gottesdiensten, die mir ein Herzensanliegen waren usw.). Gilt hier: „…denn sie wissen nicht, was sie tun.” (Lukas 23,34)?

Beides hatte ich im Blick, und in diesem Spannungsfeld zwischen Erkennen und Wollen vollzog sich mein Tun. Ich aber wollte immer das Bessere für die Stadt. Auch die Jahreslosung 2013 passt gut hierher: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.” (Hebräer 13,14) Ausdruck der Sehnsucht nach Vollendung!

Jeremia schreibt das zitierte Wort in einem Brief an die von König Nebukadnezar aus dem eroberten Jerusalem nach Babylon ins Exil verschleppte jüdische Bevölkerung. Mit der „Stadt” ist hier also nicht die Heimatstadt Jerusalem gemeint, sondern die Stadt des Feindes, Babylon, die Stadt der Fremde, des Unvertrauten, der Entwurzelung, wo man alles andere als „zuhause” ist (Keimzelle des Feindesliebegebotes?). Auch dies trifft ein wenig meine Situation in Kelsterbach, was sich vom ersten bis zum letzten Tag belegen ließe. Immer war ich dort ein „Fremdling” mit all meinem Anspruch und Bemühen, das keine „Ruhe” gab, immer auch wie im „Exil”, da ich mich nicht gemein machte durch Anbiedern auf der Suche des Besten, das ich dieser Stadt anbot. Man konnte einfach nichts mit mir anfangen, suchte mich nicht (bei aller Offenheit meinerseits: immer bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen), fand mich deshalb nicht und wird mich so auch nicht vermissen – Kelsterbach hat mich in 42 Jahren einfach verpasst. Dies, obwohl vereinzelt schon geistig hochstehende Persönlichkeiten existieren, die sich aber aus allem (resigniert?) heraushalten (der Wahrheit halber sei gesagt, dass es leider viele „Kelsterbachs” in der Welt gibt!).

Als 23jähriger, noch Student und alleinstehend, trat ich mein Amt an: ein einziges Mal wurde ich z. B. nach dem Gottesdienst (aber auch ansonsten kaum) zum Essen eingeladen (vom Küster!), was sich ja anbietet, während ich als Student in Hamburg wie selbstverständlich regelmäßig mit dem jeweiligen Pastor oder dem Kantor sonntags zum Mittagstisch ging. Ähnlich war dies nur im Hause der aus Kiel stammenden Sängerin und späteren Stimmbildnerin der Kantorei St. Martin, Karla Härtl, mit der ich in den ersten beiden Jahrzehnten Konzerte und unzählige Gottesdienste gestaltete (unbeachtet, ja bespöttelt von denen, denen dies Musizieren eigentlich galt!) – sie verließ Kelsterbach mit ihrem lebensfrohen, in Prag gebürtigen Mann bei erster Gelegenheit und lebt heute verwitwet in Idstein, glücklich, noch rechtzeitig der „Perle am Untermain” entkommen zu sein, wie sie immer wieder betont.

Ich muss da an den Prolog des Johannes-Evangeliums denken, der da beginnt: „Im Anfang war das Wort (griechisch: logos)…”, wobei Goethes Faust logos bekanntlich mit „Tat” übersetzt – ich würde heute „Information” (besonders im physikalischen Sinne) dafür setzen. Weiter heißt es da: „…das Licht scheinet in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen … es war in der Welt … und die Welt erkannte es nicht … er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.” Natürlich ist dies hier auf die Menschwerdung Gottes in Christo gemünzt, mit der ich mich in keinster Weise vergleichen oder gar gleichsetzen kann und will, aber als Bild wecken diese Aussagen doch treffende Assoziationen – besonders nach 42 Jahren anhaltender intensiver Hingabe an das „Beste”, das ich zu geben hatte, das aber vor Ort leider so gut wie fruchtlos blieb, ohne jede echte Resonanz oder Nachklang. Selbst in musikalischen oder liturgischen Fragen wendete man sich nicht an mich als Fachmann, ja ich wurde selbst in diesem meinem „Eigensten” nicht einmal als solcher wahrgenommen und musste mir manchmal fast gewaltsam Gehör verschaffen! Für die Kirchenvorsteher war ich keineswegs ein Künstler und Wissenschaftler, sondern „nur” der kleine Angestellte, als dessen „Dienstherr” sie sich fühlten und dessen Persönlichkeit wahrzunehmen nicht in den Rahmen ihres Horizontes passte („Der Noll hat an der Orgel genau so zu klimpern, wie wir das hier wollen,” sagte einer einmal – das Amt als Kirchenvorsteher ersetzte dabei jede Kompetenz). Leider gab’s da auch „von oben” keine Hilfe, die hier dringend angebracht wäre (ein einziger Versuch von Wolfgang Kleber veranlasste mich immerhin Ende der 90er Jahre, endlich – spät! – dem Kirchenmusikerverband beizutreten, dessen rühriger Vorsitzender er war). – Dies entsprach aber einer allgemeinen Stumpfheit und Dumpfheit des Geistes, was sich schon daran zeigt, dass in meinen 42 Jahren dort nie auch nur einmal etwa über eine Predigt gesprochen wurde (auch nicht z. B. über Zeitungsrezensionen usw., und seien sie noch so brillant formuliert, was nicht einmal erkannt wurde) – Versuche dieser Art meinerseits wurden sofort abgewürgt, ein geistiges oder geistliches Leben gab es eigentlich nicht (wozu leider die Geistlichen ihren Teil beitrugen).

So setzte sich auch mein treues Konzertpublikum, das aus ca. 100 km Umkreis kam, überwiegend durch Auswärtige zusammen. An der Spitze fängt das schon an: Manfred Ockel, seit 2008 Kelsterbacher Bürgermeister, ist seit meinem Amtsantritt 1972 der erste Bürgermeister der Stadt, der jemals ein Konzert von mir besuchte und immer kam, wenn er konnte (und dies, obwohl z. B. der langjährige Bürgermeister Fritz Treutel Jahrzehnte auch im Kirchenvorstand war!). Das zeigt die Gewichtung (abgesehen vom Desinteresse): die paar Kelsterbacher, von denen man da gesehen wird, bringen keine Wählerstimmen. Dennoch erwähne ich dankbar, dass die Stadt bis zuletzt das Konzert zu Bachs Todestag und die Abendmusik zum Weihnachtsmarkt finanziell unterstützte, was nicht zuletzt dem tatkräftigen Einsatz von Stadtrat Ernst Freese zu verdanken ist (nicht zu vergessen die gute Zusammenarbeit mit dem Leiter des Kulturamtes, Frank Niedermann und seinem Team, die wohlwollender war als in der Kirchengemeinde selbst). Ich glaube, nicht einmal alle Kirchenvorsteher waren jemals in einem Konzert in St. Martin, ja nicht einmal bei großen Jubiläen wie 450 Jahre evangelisches Kelsterbach (worüber selbst der allzufrüh verstorbene Kirchenvorsteher Horst Laun als Organisator tief enttäuscht war) oder bei meinem 25jährigen oder 40jährigen Jubiläum und anderen mehr. Einmal verstieg sich ein Pfarrer sogar nach einem Samstagskonzert im Sonntagsgottesdienst und der folgenden Taufe zu der Äußerung: „Die Kirche ist heute nicht so sauber und ordentlich wie sonst [was nicht stimmte!], sie ist gestern als Konzertsaal missbraucht [!]  worden.” (7.12.1997 – schriftlich bezeugt)

Dazu gehört auch, dass kein einziger amtierender Kelsterbacher Pfarrer/in es jemals zu meinen 22 Torhauskonzerten (oder den musikalischen Weinproben) im Erbacher Hof schaffte, trotz persönlicher Einladung mit Freikartenangebot (dafür aber Dekan Kurt Hohmann gleich zweimal)! Und gerade mal drei Personen aus Kelsterbach besuchten in 42 Jahren meine oft großen Kirchenkonzerte in der näheren Umgebung (einschließlich des Konzertes zu meinem 50. Geburtstag hier in Nordenstadt!), während andere mir bis nach Hamburg, Frankreich und Tschechien nachreisten, um mich zu hören (Eckard Gandela sogar um aufzunehmen)!

Als ich 2008 ein Orgelkonzert anlässlich der Internationalen Albert-Schweitzer- und Erich-Fromm-Tage in Königsfeld in Schwarzwald gab, war der überschwänglich begeisterte Bürgermeister Fritz Link als erster auf der Orgelempore zur Gratulation, und später bestellte er bei mir die Live-CD des Konzertes als Weihnachtsgeschenk für die gesamte Rathausbelegschaft – welch eine Wertschätzung, während in Kelsterbach das Interesse an den CDs der Konzerte in der eigenen Kirche weniger als gering ist!

Gleichzeitig gehen viele Kelsterbacher, die etwas auf sich halten, zu teuren Konzerten in die Alte Oper Frankfurt oder haben sogar ein Abonnement – an sich und vordergründig positiv. Aber die „Unterscheidung der Geister” gelingt hier dennoch nicht: es fehlte das Erkenntnis- und Urteilsvermögen, dass in St. Martin oftmals mit den selben namhaften Solisten und Ensembles und manchmal besser als dort musiziert wurde („…das Licht scheinet in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen”). Darauf einmal angesprochen, meinte ein langjähriger Kelsterbacher Pfarrer, der noch nie in einem Konzert in St. Martin zu sehen war (auch nicht bei Freikartenangebot!), fast vorwurfvoll: „Jetzt hören Sie aber auf: Sie wollen doch nicht Ihre kleine Kirche [durchaus nicht nur räumlich gemeint!] mit der ALTEN OPER FRANKFURT vergleichen!” Der Arme merkte nicht einmal, als wes Geistes Kind er sich hier outete! Aber ich mache mir nichts vor: auf dieser Ebene basieren selbst die größten Festivals in der Welt, je teuerer sie sind, desto mehr. Selbst unsere hochkarätigsten Konzerte waren dagegen mit maximal 10 € Eintritt (und hochsubventioniert) einfach nur „billig”, und dies für viele Ignoranten leider im doppelten Sinn des Wortes. Es stimmt eben nicht, dass die Eintrittspreise die einzigen Schwellen für einen Konzertbesuch sind und die Menschen herbeiströmen, wenn sie es sich nur leisten können.

Der lange verstorbene Arzt Dr. Dettler sen. gestand mir einmal seine Probleme bezüglich Kelsterbach: „Ich habe inzwischen meinen Frieden mit diesem Kaff geschlossen – Kranke kann ich überall heilen. Und so fahre ich zu meinen Patienten und höre dabei im Auto meinen geliebten Chopin.” Musik kann ich auch überall machen, dachte ich da, und die Menschen würden es überall schätzen…

 

Die letzten Wochen war ich mit dem Umzug aus meiner Kelsterbacher Dienstwohnung in der Pfarrgasse 4, wo Flügel, Klavier und die Möbel meiner Großeltern standen, hier in den Erbacher Hof beschäftigt (und bin es noch), wo ich alles neu zurüsten muss, um die Sachen einigermaßen unterzubringen (das Dekanat Rüsselheim, mein offizieller letzter Arbeitgeber, will dankenswerter Weise die Kosten für den Instrumententransport übernehmen). Immer wieder ging mir dabei der Beginn des ersten Liedes der Schubertschen „Winterreise” durch den Kopf: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus.” Nichts trifft die Sachlage besser.

Als ich einzog, bot mir niemand seine Hilfe an, ebenso nun beim Auszug. Selten lag ich einmal krank danieder, aber wenn, dann pflegten mich Freunde von außerhalb. Niemand kondolierte zum Tod meiner Eltern, die öfter mit in Kelsterbach waren – einmal u. a. mit meinem hochmusikalischen Großonkel Karl Kern, Bauer wie mein Vater, der zum ersten Mal im Leben in einem meiner Konzerte Bachs „O Lamm, Gottes, unschuldig” aus dem „Orgelbüchlein” hörte und anschließend ganz naiv meinte, dass ich’s kaum fassen konnte: „Das war doch ein Kanon!” (Kanon zwischen Tenor und Alt, selbst für Musiker auf Anhieb kaum hörbar ohne Noten!) – er spielte in Musikkapellen mehrere Instrumente, ohne je Unterricht gehabt zu haben, und sang alle Stimmlagen sicher und sauber im Männerchor wie schon sein Vater (also mein Urgroßvater, ebenfalls Bauer), der dazu noch ein begnadeter Schauspieler war und Vizedirigent dieses Chores. Sein Bruder Heinrich Kern (Bauer) schenkte mir zu Weihnachten 1962 Schweitzers Bach-Buch, meine Eltern Bachs „Wohltemperiertes Clavier”.

Die Begegnungen in Kelsterbach gerade nach meiner Verabschiedung bestätigten mir diese Fremdheit unausweichlich – kaum eine tiefere menschliche Verbindung bleibt nach 42 Jahren (wie fast im ganzen Dekanat), während ich rundherum und in aller Welt Freundschaften auch mit den schwierigsten, aber geistvollen Menschen jeden Alters pflege, bei vielen bisher bis zu deren Tod.

Von diesen Freunden wurde ich oft gefragt: „Wie haben Sie es denn über 40 Jahre in diesem Kelsterbach ausgehalten, ohne sich umzubringen?” Andere sagten mir: „Eine schwächere Persönlichkeit wäre nach diesen 40 Jahren entweder zerbrochen und Alkoholiker oder tot.” Es war nicht immer einfach und manchmal wirklich zum Umbringen (anderer … oder letztlich sich selbst).

Nach meinem A-Examen fehlte es allerdings meinerseits nicht an Bewerbungsversuchen auf andere Stellen von Süd- bis Norddeutschland. Hier biss sich aber die Katze in den Schwanz: Man erwartete andernorts vom Bewerber, mindestens die großen Bach-Werke wie Weihnachtsoratorium, Johannes- und Matthäuspassion oder gar die h-moll-Messe aufgeführt zu haben (wie, ist dabei zweitrangig). Konzerte dieser Größenordnung waren aber in Kelsterbach schon rein finanziell unmöglich. Nachdem ich jedoch 1984 die Verantwortung für den Erbacher Hof übernommen hatte, bewarb ich mich nur noch auf Stellen in der Nähe, zuletzt 1992 in Mainz.

 

Ich wage hier abschließend nur die Andeutung eines Erklärungsversuches, und dies natürlich nur in schwarz/weiß.

Da nenne ich natürlich zuerst die wunderbare Förster & Nicolaus-Orgel in St. Martin (in einer Minute von der Wohnung aus zu erreichen, siehe https://erbacher-hof.de/orgel/kelsterbach_stmartin), deretwegen ich überhaupt hierher gekommen war und die mir „Heimat” bot (ich bin dankbar, dass mir die Gemeinde zum Abschied den Schlüssel überlassen hat – keine Selbstverständlichkeit unter den genannten Umständen!). Als mich der für Orgelmusik zuständige Redakteur des NDR, Felix Otto, in den siebziger Jahren in Kelsterbach besuchte, war auch er von der Orgel begeistert und schrieb mir sofort eine Empfehlung an den HR (vergeblich!). Seine eindringliche Warnung schlug ich allerdings in den Wind: „Eine so schöne Orgel ist aber noch lange kein Grund für einen Mann wie Sie, Ihr Leben in so einem Kaff zu verträumen.”

Ich nenne dann etwas ganz Äußerliches: Kelsterbach hatte in den vergangenen Jahrzehnten eine fast mediterrane „Kneipen-Kultur” durch die vielen Ausländer aus dem Mittelmeerraum (ein Drittel der Bevölkerung!), besonders in der Zeit, als auch die Jungen noch in ihrer Heimat geboren und aufgewachsen waren. Man denke nur an die griechischen Gaststätten „Onkel Paul”, „Grüner Baum”, „Kastanieneck”, „Anker”, „Drehscheibe” oder „Anglerheim” (einige existieren nicht mehr – heute findet man diese urgriechische Küche und Atmosphäre nur noch im BSC-Heim). Auch der Italiener in der „Feuerreiterschänke” oder der frühere „Spanische Club” seien erwähnt. Dort herrschte mediterranes Treiben pur, wie ich es von Siena kannte und liebte (siehe https://erbacher-hof.de/texte/interview-fernando-germani). Dort konnte ich mir leisten, fast täglich spätabends (denn da begann das Leben gegen Mitternacht aufzublühen) essen zu gehen nach Proben und Üben, dort wurde ich von Jung und Alt fast wie in Familie behandelt (im Gegensatz zur eigenen Gemeinde, was zu denken geben sollte), und dort fanden die Nachfeiern mit Freunden nach Konzerten oft bis zum frühen Morgen statt. Dort konnte man auch so gut wie sicher sein, niemandem aus der Gemeinde zu begegnen. Bei diesen Menschen südländischer Mentalität fand ich so etwas wie „Heimat” in Kelsterbach (und dies, obwohl auch die Ausländer nicht in die Konzerte kamen). Also gerade bei Menschen im „Exil” fern der eigentlichen Heimat – vielleicht gerade deshalb!?

Kunst und Kult gehörten seit frühester Vorzeit fast immer zusammen. Kult war fast immer identisch mit „Opferkult”, der aus einem Defizit, einer Ohnmacht gegenüber übermächtigen Naturereignissen entstand, deren Ursache Göttern zugeschrieben wurde, die gnädig gestimmt werden sollten.

Später entwickelten sich unabhängig davon verschiedene Künstlertypen. So ist auch bei dem einen Künstlertyp ein Defizit Ursache des Künstlertums: er steht dem Leben ohnmächtig gegenüber, was ihn lebensfremd und fast lebensunfähig macht – die kollektive Ohnmacht gegenüber der Natur ist hier ersetzt durch die Ohnmacht eines einzelnen gegenüber dem bedrohlichen Leben. Dieser Künstler kann wirklich nur eine Sache, nämlich seine Kunst und sonst nichts. Hier besteht eine absolute Einseitigkeit, die als defizitär empfunden wird und deshalb oft mit einem Minderwertigkeitskomplex verbunden ist. Dieses oft unbewusste Gefühl der Minderwertigkeit kompensiert der Künstler zu seinem Glück in seiner Kunst, ohne die er hilfsbedürftig im gesellschaftlichen Abseits leben würde (das Leben selbst wird hier der Kunst „geopfert”). Nur durch sie existiert er eigentlich, ohne sie ist er ein Nichts – Kunst wird hier zur Überlebenskunst, zur Therapie. Dieser Typ braucht vor allem eines – und immer wieder wie bei einer Sucht: den Beifall und den Applaus als Liebesersatz. Dahinter steht der Schrei nach nie zu erfüllender Liebe. Das Schlimmste ist, nicht beachtet zu werden, keine Aufmerksamkeit zu erregen (Nähe zum Borderline-Syndrom, besonders bei Pop-Stars, die früh enden – oft durch eigene Hand). Deshalb können viele ältere Künstler dieses Typs nicht aufhören, auch wenn sie es längst müssten: sie sterben (manchmal wörtlich) an „Liebesentzug” ohne immer wieder erneuerten Applaus (aus eigener Erfahrung und Interviews könnte ich viele Beispiele nennen).

Dann ist da der andere Typ, der ganz aus der Fülle, ja Überfülle seines reichen, vielfältigen Seins agiert: er betätigt sein Künstlertum ganz aus innerer Notwendigkeit, er ist einfach „wer”, vor seiner Kunst und selbst ohne sie. Sein Schöpfertum ist selbst wie eine gewaltige Naturkraft, die sich einfach ereignet, egal ob da jemand zuschaut oder zustimmt oder nicht – und die wiederum anderen bedrohlich erscheinen mag. Dieses Ereignis selbst gibt die innere Befriedigung. Hier ist keine Rechtfertigung der eigenen Existenz durch die Kunst nötig, dieser Künstler trägt seine existentielle Bejahung in sich und ist frei davon, um der Anerkennung willen jemandem etwa künstlerisch nach dem Munde reden zu müssen. Hier wird die Achse Erfolg-Misserfolg durchkreuzt von der Achse Erfüllung-Sinnverfehlung. Dies macht unabhängig von Beifall von außen (so heißt es auch in der Forkel-Biographie über Bach S. 125, dass er „mit seinem eigenen Beyfall am zufriedensten” war). Deshalb kann ein solches Künstlertum auch in einer fast klösterlichen Zurückgezogenheit und Stille reifen – ohne große äußere Position. Dabei muss der Künstler ganz in sich selbst ruhen, den Schwerpunkt seines Seins in sich über der eigenen Basis haben, die Mitte der Welt gleichsam in sich selbst erleben – kurz: mit sich im Lot sein (Goethe im „Werther”: „Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles.”).

Natürlich existieren die hier dargestellten Künstlertypen (und es gibt sicher noch andere) nie in Reinkultur und immer in Mischformen, die sich nicht gegenseitig ausschließen. Aber ich glaube doch, selbst eindeutig mehr dem zweiten Typ anzugehören, auch wenn Anerkennung immer stimulierend wirkt und Missachtung hemmend – wenngleich ich nicht „gefallen” will und allerdings weniger Anerkennung suche als einen Adressaten, Resonanz im Du, Dialog, Kunst als Kommunikationsmedium und nicht „gefällige”, sondern auch unbequeme Botschaft. Deshalb war mir Karriere und eine große äußere Position nie ein Hauptziel, gleichzeitig sind mir Neid und Eifersucht wesensfremd – ich hatte auch nie das Bedürfnis, mit jemandem tauschen zu wollen. Deshalb interessierte mich das Geld, das ich für meine Musik bekam, immer erst in zweiter Linie. Überhaupt war mir das Ziel „Broterwerb” immer ferner als die künstlerische Vollendung, für die ich auch Opfer zu bringen bereit war. Und die Noten in Schule und Hochschule waren mir fast schnuppe, besonders, als ich den Betrieb durchschaut hatte. Da ich nicht von außen meine Wertigkeit erfuhr, war ich frei in meinem Wesen und passte mich nie um niedriger Ziele willen an – was allerdings meine Benotung drückte und was viele Menschen überhaupt nicht vertragen können, weil diese Freiheit ihnen Angst macht. Denn sie fühlen ihre Macht durch die innere Unabhängigkeit des anderen schwinden, weshalb sie ihn dann manchmal seine äußere umso mehr spüren lassen. In Hamburg bekümmerte sich einmal der Theologe und Psychotherapeut Dr. Gerhard Bartning, bei dem ich einige Zeit wohnte, dass ich so kindlich-unbeschwert leben würde wie die biblischen „Lilien auf dem Felde”, nur meiner inneren Neigung nachgehend (wie übrigens auch Goethe es tat – der es sich im Gegensatz zu mir allerdings finanziell immer leisten konnte). Ein Wunder eigentlich, dass ich mit dieser Haltung überhaupt zu dem nicht gesuchten Broterwerb gekommen bin!

Zusätzlich fand ich in Kelsterbach dieses „klösterliche Refugium” in meiner Dienstwohnung Pfarrgasse 4, die ganz einsam lag, sodass mich niemand störte und ich niemanden: Tag und Nacht konnte ich hier üben, hier erschuf ich von innen heraus Welten um mich, die kein Kelsterbach durchdrang – überlebenswichtig auch die fast täglichen nächtlichen Telefonate mit weit entfernten Freunden, bis zu drei Stunden und mehr. Nach außen war sie völlig abgeschlossen, vor allem wenn die Rollläden geschlossen waren, die ich selten öffnete (wie übrigens auch Rolf Liebermann es tat). Hier war gleichsam mitten im „Babylonischen Exil” exterritoriales Gebiet, eine Enklave, die Zuflucht, Schutz und Freiheit gewährte (desto schlimmer empfand ich es, dass gewisse Kirchenvorsteher sich das Unrecht herausnahmen, da ohne Notfall, ungefragt und unangemeldet heimlich einzudringen und niemand dagegen für das Recht aufstand – Behandlung wie „Freiwild”!). Zugleich gelangte man von der Wohnung ohne über eine Verkehrsstraße zu müssen in das ausgedehnte Schwanheimer und dann Frankfurter Waldgebiet, wo ohne Anfahrtsweg fast tägliche Langläufe und Spaziergänge (mit Lesen und Meditieren) möglich waren (im Herbst sammelte ich da Pilze für eine leckere Mahlzeit – die Möglichkeit, im Sommer auch fast täglich 1000 m im nahen Freibad zu schwimmen, war ebenso wichtig). Idealer kann ein solches Refugium nicht sein.

Mag dies alles zusammen ein wenig erklären, wie man 42 Jahre Kelsterbach überlebt, äußerlich sicher oft frustriert, aber innerlich erfüllt und gereift, gegen alle äußeren Widerstände. So sage ich Dank und Amen zu diesem nun vollendeten langen Lebensabschnitt, bis ein Höherer sein Amen zu meinem Leben spricht.

Rainer Noll

 

Nachtrag

Zur bestätigenden Ergänzung Zitate aus einem Gutachten, das Pastor Reinhold Becker (Hamburg/Kiel, siehe https://erbacher-hof.de/texte/pastor-reinhold-becker-20-juli-1932-4-mai-2012-zum-80-geburtstag) bereits 1982 erstellte:

„Rainer Noll gehört zu den künstlerischen Persönlichkeiten, die sich gegen die Einflüsse und Bedingungen ihrer Umwelt den Weg bahnen mußten. Der familiäre und soziale Rahmen konnte dem Kind unmittelbar keinerlei künstlerische Anregungen oder Anstöße vermitteln. Rainer Noll entstammt einer Bauernfamilie aus Nordenstadt vor den Toren Wiesbadens. Manche dumpfe Gebundenheit an unverstandene Gewohnheit und unaufklärbare Vorurteile bestimmte den dörflichen Hintergrund. Diese Umstände ließen den Jungen früh zu einem Außenstehenden werden. Ungewöhnlich früh wurde Noll zu einem überwachen Beobachter seiner Umgebung und seiner selbst. Welch ungewöhnliche Begabung in ihm angelegt war, zeigte sich an den Momenten, die genügten, sie aufleben zu lassen (…). Albert Schweitzers Genius hat in Rainer Noll einen kongenialen Erben gefunden.

Rainer Nolls Denken und Schaffen reiften vollkommen abseits der üblichen Bildungswege heran. Lehrer und Schulen waren der Entfaltung seiner Gaben eher hinderlich als förderlich. Das gilt auch für das Musikstudium in Hamburg und Frankfurt. Rainer Noll war eben von Anfang an als Musiker und denkender Mensch eine eigenständige Persönlichkeit, die den üblichen Rahmen sprengt. Es ist das Schicksal so angelegter Persönlichkeiten, auf viel Unverständnis, Mißverständnis und auch Mißgunst zu stoßen. (…) Eine weniger dynamische Persönlichkeit wäre daran zerbrochen. (…)”

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