Von Bach bis Kelsterbach – die Orgel der St. Martinskirche

Im Jahre 1754 erhielt die aus dem 16. Jahrhundert stammende Vorgängerkirche, die um diese Zeit renoviert wurde, eine Orgel, über die wir weiter nichts wissen (Martin Balz, Reinhardt Menger: „Alte Orgeln in Hessen und Nassau“,  Kassel 1997, S. 134). Nach der Wende zum 19. Jahrhundert wurde diese Kirche immer baufälliger. 1808 musste sie abgesprießt werden, die Gottesdienste fanden in der Schule und den oberen Pfarrhausräumen statt. Nach den Wirren der Napoleonischen Kriege 1813-15, die einen Neubauplan verzögerten, wurde sie 1817 abgerissen. 1819-23 wurde die heutige Kirche im klassizistischen Stil nach Entwürfen von Georg Moller (1784 – 1852), seit 1810 Oberbaurat und Hofbaurat des Großherzogtums Hessen-Darmstadt, erbaut.

1822 schloss man mit dem Orgelbauer Johann Hartmann Bernhard (1773 – 1839) aus Romrod einen Vertrag über den Neubau einer Orgel, die bei der Einweihung der neuen Kirche am Martinstag 1823 (11. November) erstmals erklungen ist. Sein Vater Johann Georg Bernhard (1738 – 1803) hatte die renommierte Werkstatt in Romrod gegründet, die sein Sohn Friedrich Wilhelm Bernhard (1804 – 1861) weiterführte –  er arbeitete an der Orgel in Kelsterbach bereits mit.Auf die Gestaltung der Disposition (Gesamtheit der Register) nahm der Großherzoglich-Hessisch-Darmstädtische Hoforganist und Kammermusiker Johann Christian Heinrich Rinck (1760 – 1846) persönlich Einfluss (vermutlich hat er auch die Orgel nach Fertigstellung abgenommen, wie sich dies z.B. für die Stadtkirche Rüsselsheim belegen lässt). Gegenüber dem Entwurf des Orgelbauers wünschte er mehr Grundstimmen zu 8′ und 4′, eine terzhaltige gemischte Stimme (Sesquialter) und eine Vox humana im Diskant des zweiten Manuals.

Dispositionsvorschlag Hartmann Bernhards vom 22. Mai 1822:

Haupt Manual

Principal 8′

Quintadön 16′

Flötraver 8′

Violdegambe 8′

Octav 4′

Supperoctav 2′

Cimpel 1′ 2fach

Mixtur 1 ½‘ 4fach

Trompet 8′

Ober-Clavier

Principal 4′

Gedact 8′

Quintadön 8′

Flöte 4′

Octav 2′

Mixtur 1′ 3fach

Waldflöt 2′

Pedal

Posaun 16′

Subbaß 16′

Octavbaß 8′

Quint-Baß 12′

Nebenzüge: Koppel I/II, Koppel I/P, Octavkoppel im Pedal 

Disposition der 1823 gebauten Orgel:

Hauptmanual, C – f³

Principal 8′

Viola di Gamba 8′

Quintatoen 16′

Floete 8′

Salicional (Gemshorn) 4′

Octave 4′

Quinta 3′

Octave 2′

Mixtur 4fach 1 ½‘

Trompete 8′

Gedackt 4′ (wohl 8′ gemeint)

Zweites Manual, C – f³

Principal 4′

Gedackt 8′

Lieblich Gedackt 4′

Waldflöte 2′

Sesquialter 3fach 1′

Rohrflöte 8′

Vox humana Diskant 8′

Pedal, C – c‘

Subbass 16′

Principalbass 8′

Quintbass 6′

Posaune 16′

Schleifladen, Nebenzüge: Manualkoppel, Pedalkoppel I/P, Oktavkoppel im Pedal, Windablass

Rinck war ein berühmter und hochdekorierter Musiker seiner Zeit (seine zahlreichen Kompositionen atmen Bachs Geist und erleben heute eine Auferstehung, so z.B.  nicht nur beim Rinck-Fest 2003 in Köln). 1786 – 89 hatte er in Erfurt bei Johann Christian Kittel (1732 – 1809) studiert, einem Schüler Johann Sebastian Bachs (1685 – 1750). Somit führt über Bachs Enkelschüler Rinck eine direkte Spur von Bach bis Kelsterbach, und Bachs Geist weht bis in die Orgel von St. Martin, wenn auch nur als ein Hauch. Rincks Dispositionswünsche dürften Bachs Intentionen entsprochen haben. Ich selbst spiele auf dieser Orgel Bach als Mitte und Heimat meines Musizierens – ein Kreis schließt sich.

Versteckte Inschrift von Friedrich Wilhelm Bernhard, dem damals 18jährigen Sohn des Orgelbauers Hartmann Bernhard, auf der Innenseite einer alten Windlade der Kelsterbacher Orgel, die er offenbar am 13. März 1823 in Romrod angefertigt hat.

Die Jahre nach den Napoleonischen Kriegen waren, wie fast alle Nachkriegszeiten, vom Mangel geprägt. So verwendete man 1823 nicht in allen Teilen die besten Materialien für den Neubau der Orgel. Nach 125 Jahren war sie fast nur noch zur Hälfte spielbar. 1948 nahm Orgelbauer Richard Schmidt (1889 – 1951) aus Gelnhausen eine weitgreifende Überholung und Umgestaltung vor. Wieder herrschte in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg Mangel an guten Materialien, und so überdauerte eine solchermaßen „geflickte“ Orgel nur gut zwei Jahrzehnte, bis das Instrument praktisch unspielbar war.

Pfr. Wolfgang Lichtenthaeler (1934 – 2014) erreichte schließlich mit großem Verhandlungsgeschick und zähem, kunstsinnigem Willen für eine künstlerisch und handwerklich hochwertige Ausführung (wie später auch beim Geläut) einen Orgelneubau, den die Orgelbauwerkstatt Förster & Nicolaus aus Lich 1970 ausführte. Er verhinderte so eine Billiglösung mit einer Elektronenorgel, zu der der Kirchenvorstand zunächst tendierte, was einer akustischen Verschandelung des herrlich klingenden Kirchenraumes gleichgekommen wäre. Die neue Orgel wurde hinter dem originalen Prospekt (Schauseite der Orgel) von 1823 errichtet, so dass das Kircheninnere optisch in keiner Weise beeinträchtigt wurde. Sogar die originalen Prospektpfeifen blieben erhalten und gehören zum Principal 8′ und Principal 4′ aus der alten Orgel, aus der auch das Gemshorn 4′, das ursprünglich Salicional 4′ hieß, übernommen wurde. Diese drei alten Pfeifenreihen zählen zu den schönsten Registern der Orgel, besonders der einmalig singende, runde Principal 8′, der den Vergleich mit den Principalen der berühmtesten historischen Orgeln nicht zu scheuen braucht.

Die neue Disposition integriert ungefähr die alte und erweitert deren Möglichkeiten (heutiger Zustand):

Hauptwerk (I. Manual, C-g³) Oberwerk (II. Manual, C-g³) Pedal (C-f‘)
Quintade 16′

Prinzipal 8’*

Rohrflöte 8′

Oktave 4′

Gemshorn 4’*

Nasard 2 2/3′

Nachthorn 2′

Mixtur IV-V

Trompete 8′

Tremulant

Holzgedackt 8′

Prinzipal 4’*

Rohrquintade 4′

Oktave 2′

Terz 1 3/5′

Gemsquinte 1 1/3′

Zimbel III

Krummhorn 8′

Tremulant

Subbass 16′

Oktavbass 8′

Rohrgedackt 8′

Choralflöte 4′

Flöte 2′

Pedalmixtur IV

Posaune 16′

* Register von 1823

(3) Normalkoppeln (als Wippen und Pistons in Wechselwirkung)

4000 Setzerkombinationen, Zungeneinzelabsteller als Wippen, Tutti als Piston

Zimbelstern (siehe dazu „Der Martinsbote“, Dezember/Januar 2011/12, S. 4f)

Schleifladen, mechanische Spieltraktur, elektrische Registertraktur

Orgelbaumeister Manfred Nicolaus (1926 – 2014), der damalige Inhaber der Firma, leitete die Arbeiten am Neubau und schickte seine besten Intonateure. Sein Urgroßvater Johann Georg Förster (1818 – 1902) hatte die Orgelbauwerkstatt 1842 gegründet, nachdem er seine Lehre bei dem erwähnten Hartmann Bernhard in Romrod absolviert hatte, dem Erbauer der ursprünglichen Orgel in St. Martin von 1823 – wieder schließt sich ein Kreis.

Als ich 1972 meine Stelle als Kantor an St. Martin antrat, fand ich eines der klangschönsten Instrumente vor, die ich je gespielt habe – und vielleicht sogar die klanglich vollkommenste Orgel aus der Werkstatt Förster & Nicolaus. Mehr noch als die Einzelklänge sind es deren Mischungsfähigkeit und Ausgewogenheit (begünstigt durch die hervorragende Akustik), die hier das Ganze zu mehr machen als nur zur Summe seiner Teile. Durch glückliches Zusammentreffen mehrerer Faktoren entstand hier ein Kleinod der Orgelkunst, das noch gar nicht seinem Rang nach gewürdigt und beachtet wird, den es verdient, würde er denn nur erkannt.

Natürlich hat dieses Instrument auch seine stilistischen Grenzen – französische Romantik (die ich schon gerne spielte, als dies noch verpönt war) lässt sich hier nicht stilgerecht interpretieren, desto besser aber z.B. alle Barockmusik, Klassik und vieles der deutschen Romantik bis zur Moderne. Wer diese Grenzen respektiert, dem erschließt sich die edle Seele und der noble Charakter dieser Orgel (für anderes gibt es andere Orgeln, wie z.B. die nach meinen durch Albert Schweitzer inspirierten Entwürfen gebaute Steinmeyer-Orgel der Evangelischen Kirche in Wiesbaden-Bierstadt, die ich am 6. Mai 1973 konzertant einweihte, siehe https://erbacher-hof.de/orgel/bierstadt). Jede Orgel ist, wie jeder Mensch, ein Individuum – man kann auch nicht alles mit einem einzigen Menschen teilen, alles von einem einzigen erwarten, und keiner ist für alles geeignet – Gleiches gilt für eine Orgel. Anerkennung seiner Begrenztheit (und nicht grenzenlose Überforderung) ist ein Zeichen des Respektes vor der Würde eines Individuums – auch einer Orgel. Oder schlicht mit Goethe: „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.“

Seit meinem Amtsantritt wurden nur kleine Verbesserungen vorgenommen, die das Klangkunstwerk nicht antasten (was aus Achtung vor diesem auch so bleiben sollte):

1973: das gerade Pedal wurde durch ein gemäßigt radial geschweiftes ersetzt, das meiner 1967 in Italien beim Organisten des Petersdomes in Rom, Prof. Fernando Germani (1906 – 1998), erlernten körpergerechten Pedaltechnik entgegenkommt (Germani-Technik), auf die mich KMD Peter Schumann (1933 – 2022) in Wiesbaden schon exzellent vorbereitet hatte.

1987: das Krummhorn 8′, das noch von der Umgestaltung durch Richard Schmidt von 1948 stammte und aus Kostengründen beim Neubau übernommen worden war, wurde durch ein neues aus hochwertigerem Metall und anderer Bauart ersetzt.

1994: die Choralflöte 4’+2′ (auf einer Schleife) wurde getrennt in Choralflöte 4′ und Flöte 2′ (auf zwei Schleifen), die nun einzeln erklingen können.

2002: die zwei „deutschen“ freien Kombinationen wurden durch eine Setzeranlage mit 4000 Speicherplätzen ersetzt, was eine unschätzbare Unabhängigkeit von Registranten ermöglicht, mit denen oft noch lange geprobt werden muss (besonders für Konzerte). Bei seitlich an der Brüstung liegendem Spieltisch sind die oberhalb der Manuale angeordneten Registerwippen ohnehin für den Registranten unbequem und fast nie ohne Behinderung des Spielers zugänglich. Sollte für sehr komplizierte Registerwechsel doch ein Registrant nötig sein, so kann dieser die Sequenztasten (für vor und zurück in den Kombinationsnummern) bequem über einen mobilen Schalter in seiner Hand betätigen, der durch ein einsteckbares Kabel mit der Orgel verbunden wird. Seit dem Jahr 2012 sind die Kombinationen auch extern abspeicherbar.

Eine weniger die Orgel selbst als das Musizieren mit ihr betreffende Verbesserung war der direkte Wanddurchbruch von der Orgelempore zur rechten Seitenempore, deren vorderer Teil zur Musikempore umgestaltet wurde – alles im Zuge der Kirchenrenovierung von 1979. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die Orgelrückwand auf die volle Breite der Orgelnische erweitert und mit zwei Türen versehen. Hierdurch konnte der offene „Klangsack“ hinter der Orgel geschlossen werden, was die Klangabstrahlung in den Kirchenraum verbessert und gleichzeitig das empfindliche Instrument besser vor den Witterungseinflüssen des dahinter liegenden Fensters schützt (ebenso aus klanglichen Gründen war schon beim Neubau 1970 eine gewölbeartige Holzdecke über der Orgel eingezogen worden, die der Form der Rundbogenöffnung zur Kirche hin entspricht).

Auf eine bauliche Besonderheit in St. Martin sei noch hingewiesen, die voller Symbolik steckt: Altar, Kanzel und Orgel stehen hier in einer Linie im Angesicht der Gemeinde, während in den meisten Kirchen die Orgel auf der Westempore im Rücken der Gemeinde platziert ist und die Kanzel irgendwo seitlich angebracht ist. Dieser Aufbau findet sich bereits in (hauptsächlich) Dorfkirchen der Barockzeit (besonders im Bergischen Land als „Prinzipalaufbau“ bekannt). Hier wurde quasi vorweggenommen, was in der Baugeschichte viel später zum „Wiesbadener Programm“ erhoben wurde und erstmals als solches durch den Berliner Architekten Johannes Otzen 1892-94 beim Bau der Wiesbadener Ringkirche verwirklicht wurde. Dem Wissenden wird diese stumme Architektur sprechend: symbolisch werden das Sakrament (Altar), das Wort (Kanzel) und die Musik (Orgel) als die Elemente der Verkündigung in eine Linie gestellt. Das Sakrament (Altar) bildet die Basis. Das Wort (Kanzel) steht dabei gemäß lutherischer Lehre in der Mitte. Aber die Musik (Orgel) übersteigt noch einmal das nur gesprochene Wort, wie ja auch das gesungene Wort das gesprochene überhöht (Augustinus sagte:„Wer singt, betet doppelt“). Zugleich schallt die Musik von oben herab wie eine Stimme aus dem Himmel, in dessen Herrlichkeit und Fülle sie einen Blick gewährt, quasi ein klingendes Abbild des „himmlischen Jerusalem“. Sie ist, wie der Friede Gottes, „höher als alle Vernunft“: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ (Victor Hugo, 1802 – 1885)

Rainer Noll

Der Zimbelstern (in „Der Martinsbote“, Dezember/Januar 2011/12, S. 4f)

Psalm 150 : “Lobet den Herrn mit hellen Zimbeln! Lobet den Herrn mit klingenden Zimbeln!”

Oben in der Mitte unserer Orgel befindet sich ein Stern. Dahinter versteckt sich ein Glockenspiel. Wenn dieser Stern sich dreht, werden an einer rotierenden Welle kleine Glöckchen (Zimbeln) angeschlagen, die ein helles Geläut ergeben. Deshalb heißt dieser Stern „Zimbelstern“, den der Organist ein- und ausschalten kann – eine barocke Spielerei. Der an der Orgel sichtbare Stern ist natürlich ein Symbol für den Stern über dem Stall von Bethlehem. So erzeugt dieser Glockenklang besonders in der Weihnachtszeit eine feierliche Atmosphäre und legt sich wie glitzerndes Lametta über den Orgelklang. Deshalb wird er spätestens bei der 3. Strophe von „O du fröhliche“ eingesetzt, weshalb man ihn scherzhaft auch „Zimtstern“ nennt.

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