Vita Rainer Noll

Hier eine Kurzbiographie des Kantors Rainer Noll aus Anlass seiner Verabschiedung nach fast 42jähriger hauptamtlicher und insgesamt 46jähriger kirchenmusikalischer Tätigkeit in den Ruhestand im Gottesdienst am Ostersonntag, dem 20. April 2014, um 9:30 Uhr in der St. Martinskirche Kelsterbach, den Dekan Kurt Hohmann hielt und in dem Noll Bachs Präludium und Fuge D-dur als Hauptwerk spielte:

Rainer Noll wurde am 29. Januar 1949 in Wiesbaden geboren. 1964 – 1968 erste Organistenstelle in Wiesbaden-Nordenstadt während seiner Gymnasialzeit an der Gutenbergschule Wiesbaden; nach dem Abitur zunächst Physik- und Mathematikstudium in Mainz und Hamburg, zeitlich überschneidend Musikstudium in Siena/Toskana (1967) bei Fernando Germani (1906 – 1998), Organist am Petersdom in Rom, sowie Hamburg, u. a. Harmonielehre, Kontrapunkt, Generalbass und Chorleitung bei Jürgen Jürgens (1925 – 1994), Andreas Meyer-Hermann (Klavier) und Komposition bei Kurt Fiebig (1908 – 1988), und Frankfurt am Main (A-Prüfung/Staatsexamen für Kirchenmusiker, u. a. Chorleitung bei Helmuth Rilling). Daneben Meisterkurse u. a. bei Daniel Roth, Organist an St. Sulpice (Paris), sowie bei Edouard Nies-Berger (1903 – 2002), Organist der New Yorker Philharmoniker und Freund und musikalischer Mitarbeiter Albert Schweitzers.

Seit 1972, 23jährig, hauptamtlicher Kantor an St. Martin in Kelsterbach (seit 2003 auch auf Dekanatsebene, u.a. musikalische Betreuung der Altersheime und Redaktion des Kirchenmusikflyers); 1979 – 1993 Gründung und Leitung der „Kantorei St. Martin“. Seit 1974 Dozent für Orgel, Klavier und Theorie an der Musikschule Kelsterbach; 1976 liturgiewissenschaftliche Arbeit über „Die Entwicklung des Eucharistischen Hochgebetes“; 1979 – 1992 zunächst stellvertretender, dann Vorsitzender der Mitarbeitervertretung des Dekanates Rüsselsheim sowie Gründungs- und Vorstandsmitglied der „Historischen Werkstatt Nordenstadt“ (Verein für historische Forschungen). 1981/82 künstlerischer Leiter der „Airport Chapel Concerts“ des Rhein-Main Flughafens Frankfurt (dabei selbst aktiv als Organist und Dirigent). Seit dem 10. Lebensjahr intensive Beschäftigung mit Albert Schweitzer; 1972/73, inspiriert vom Orgelideal Schweitzers, Entwurf der neuen Steinmeyer-Orgel der Evangelischen Kirche in Wiesbaden-Bierstadt und Begründung der dortige Konzerttradition. 1987 – 1993 Gründungsmitglied und Mitglied des „Wissenschaftlichen Beirates“ der „Wissenschaftlichen Albert-Schweitzer-Gesellschaft“; 1990 Leitung des Chores der Oranier-Gedächtnis- und Albert-Schweitzer-Gemeinde in Wiesbaden-Biebrich (Abschluss: dort großes Chorkonzert zusammen mit der Kantorei St. Martin und dem Singkreis der Christuskirche Kelsterbach, das in der Christuskirche in Kelsterbach wiederholt wurde); seit 1995 projektweise Leiter der „Idsteiner Vokalisten“, die er zu vielbeachteten Höhepunkten führte.
Konzerte, Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen, Vorträge und Veröffentlichungen (u. a. über Philosophie, Theologie und Musikauffassung Albert Schweitzers) im In- und Ausland (Europa, USA, Japan). 1982 – 1989 Katalogisierung des nachgelassenen Notenbestandes in Schweitzers Haus in Günsbach/Elsass, 1991 und 1992 die gleiche Arbeit an den von Schweitzer eingespielten Schallplatten.

1977, gleich nach seinem A-Examen in Frankfurt, startete er in Kelsterbach die Reihe der Konzerte zu Bachs Todestag, jeweils am oder um den 28. Juli (Bachs Todestag) in St. Martin Kelsterbach. Zunächst waren es reine Orgelkonzerte auf der 1970 von Förster & Nicolaus (Lich) erbauten „idealen Bach-Orgel in idealer Akustik“ (so Noll) – auch prominente Gastorganisten aus Holland, Tschechien, England, Israel, Japan und den USA hatte der musikalische Hausherr eingeladen. Werke aller Gattungen des Bachschen Orgelschaffens interpretierte Noll hier in der ihm eigenen beseelt-atmenden Weise, wie er sie bei seinen Forschungen über Albert Schweitzer kennengelernt hatte. Aber auch Kompositionen von Bach-Söhnen, Bach-Schülern und der weiteren Bach-Familie standen auf dem Programm, bis hin zu Uraufführungen von verschiedensten Bearbeitungen über die Tonfolge B-A-C-H, die Noll bei Kurt Fiebig (1908 – 1988), Harald Heilmann (*1924) und dem französischen Komponisten Gaëtan Santa Maria (*1957) in Auftrag gegeben hatte – bei den beiden letztgenannten Komponisten in Verbindung mit dem A-SCH-Motiv für A. Schweitzer. Auch Christoph Weinhart (*1958) schrieb für Noll ein großes Orgelwerk über diese Motiv-Kombination, das er am 8.9.2013 in Wiesbaden-Bierstadt zum 40jährigen Jubiläum der Steinmeyer-Orgel in einem Schweitzer-Gedenkkonzert uraufführte. Ebenso widmeten Lothar Graap (*1933) und der holländische Komponist Dick Troost (*1949) ihm Partiten für Orgel.

Dank städtischer finanzieller Unterstützung kam später eine stattliche Zahl Bach-Kantaten und Instrumentalkonzerte hinzu, aufgeführt mit namhaften Solisten, den „Idsteiner Vokalisten“ und verschiedenen Orchestern wie „Schwanheimer Kammerorchester“, „Heidelberger Kantatenorchester“, „Kammerphilharmonie Rhein-Main“, „Collegium Piccolo Frankfurt“, „Junge Kammersinfoniker Hessen“, „Main-Barockorchester Frankfurt“ und „Mainisches Collegium Musicum“ in einer eigenständigen Interpretation, die das Beste aus historischer und traditioneller Aufführungspraxis zu vereinigen suchte. Auch einige persönliche Kontakte zu Bach-Forschern und -Interpreten wie Ton Koopman, Christoph Wolff, Albert Clement und Schweitzers Freund Erwin R. Jacobi (1909 – 1979) in Zürich vertieften seine Auffassung. Zu erwähnen wären hier noch Nolls profunde Programmhefte. Das 36. und letzte Konzert dieser Bach-Konzerte fand am 28.7.2013 statt.

Dazu kamen einige Orgelkonzerte zum Todestag von Albert Schweitzer (jeweils um den 4. September, Schweitzers Todestag).
1979 begründete Noll die Karfreitagsmusiken (letztes Konzert dieser 35jährigen Reihe: 18.4.2014), 1982 die „Abendmusik zum Weihnachtsmarkt“ (31. und letztes Konzert: 7.12.2013).

Die Konzerte wurden von einem zahlreichen Publikum aus einem Einzugsgebiet von ca. 100 km Umkreis und weiter besucht.
Die gesamte Reihe dieser Konzerte ist in Tonaufzeichnungen dokumentiert (aufgenommen bis ca. 1990 von Herbert von Hoeßle, dann von Eckard Gandela), und es spricht für ihr Niveau, dass in einer Live-Edition eine Folge von ca. 100 CDs daraus entstanden ist (von Noll selbst tontechnisch und grafisch betreut). Der Hamburger Musikprofessor Martin Nitz, der in Nolls Konzerten seit 1979 regelmäßig als Blockflötensolist und Continuoorganist/-cembalist mitwirkte, schrieb in der Kritik zum letzten Bach-Konzert über den Kantor: „Seine Konzerte hätten an allen Spielorten und in allen großen Städten bestehen können, er hob den Rang dieser Stelle [St. Martin Kelsterbach] damit weit über ihre örtliche Bedeutung hinaus, sein Name ist durch seine Auftritte und Publikationen im In- und Ausland ein Begriff.“ Noll selbst schrieb einmal, dass nie äußeres Karrieredenken ihn leitete: „Deshalb machte ich es mir nicht bequem und hörte nie auf die verlockenden, aber vom Künstlerischen her teuflischen Einflüsterungen ,für Kelsterbach reicht’s doch’ bezüglich der Qualität meiner Musikausübung (bis heute!), sondern verlangte mir unter engen, oft widrigen Umständen das Äußerste nach meinen inneren Maßstäben ab (über Jahrzehnte!).“
Seit 2007 organisierte und leitete Noll für das Dekanat Rüsselheim die sehr beliebten Orgelfahrten: zweimal ins Elsass, nach Kiedrich und Oppenheim, nach Schmalkalden und Erfurt, nach Miltenberg, Hardheim (Orgelbauwerkstatt Vleugels) und Amorbach, nach Lich (Orgelbauwerkstatt Förster & Nicolaus) und Nieder-Moos, und zuletzt nach Regensburg und Ebrach im Steigerwald.

Daneben gestaltete und restaurierte er in eigener Regie den prämierten „Erbacher Hof“, seinen Wohnsitz in Wiesbaden-Nordenstadt mit Fachwerkwohnhaus von 1611 (ältestes Haus am Ort), ein stattliches Anwesen, das einmal im Mittelalter zum Kloster Eberbach im Rheingau gehörte und der Stammsitz seiner Familie mütterlicherseits ist (vorbildlich: Solaranlage und intensive Regenwassernutzung für alle Brauchwässer). Hier gründete und organisierte er als reine Privatinitiative die beliebten „Torhauskonzerte“ (1990 – 2011: 22 Konzerte in Folge mit großer Bewirtung!) und die „Musikalischen Weinproben“ (2000 – 2013), die beide fast immer ausverkauft waren. Die Stadt Wiesbaden verlieh ihm für seine kulturellen Verdienste – nicht nur in Nordenstadt – die silberne Bürgermedaille zum 21. Torhauskonzert 2010