Albert Schweitzer – Leben und Denken

Rainer Noll beim Vortrag

Dem Andenken an Dekan Hans Keller (1900 – 1986), der uns im Geiste der Freiheit in Nordenstadt zur Konfirmation führte

Albert Schweitzer – Leben und Denken

Vortrag von Rainer Noll zum 35. Todestag von Albert Schweitzer am 3. September 2000 in der Ev. Kirche Wiesbaden-Nordenstadt

Es war vor genau 35 Jahren in den letzten Augusttagen, als die Meldung von Albert Schweitzers zunehmendem Erschöpfungszustand um die Welt ging. Damals war ich tagtäglich bereits seit Jahren mit Schweitzers Gedankengut beschäftigt. Sein Bach-Buch und die Kulturphilosophie hatte ich längst studiert. Ich sammelte gerade alle von Schweitzer eingespielten Schallplatten, von denen selbst damals nur noch wenige im Handel zu haben waren.

Die Zeitungsnachrichten berührten mich, als ginge es um einen nahen Verwandten. Und ein solcher war mir Schweitzer geistig auch und ist es bei aller kritischen Distanz bis heute.

Vergegenwärtigen wir uns die Ereignisse in Lambarene Ende August bis Anfang September 1965.

Am 14. Januar 1965 hatte Schweitzer in erstaunlicher Rüstigkeit seinen 90. Geburtstag gefeiert. Im Sommer dieses Jahres wurde dann der Verfall seiner Kräfte immer unübersehbarer. Immer noch arbeitete er auf dem Bauplatz und am Schreibtisch. [Berichte nicht einheitlich wie Evangelien] Von Mitte Juli an verzichtete er auf die Bibellesung und -auslegung nach dem Abendessen, wie er es jahrzehntelang getan hatte. Dies übernahm nun die langjährige holländische Helferin Ali Silver, wobei er den Schlusschoral mit vorangehender Intonation noch bis zum 20. August selbst begleitete. Am 18. August hatte man ihn zuletzt an seinem Schreibtisch gesehen. Am 23. August war er gestürzt und musste ruhen. Er erteilte verschiedene Anweisungen für den Fall seines Todes, aber am 25. erschien er wieder zum Abendessen. Am 27. August bestimmte er den Platz für sein Grab und schrieb seinen letzten Brief. Sein Sarg war schon ein Jahr zuvor nach seinen Angaben gefertigt worden. Am 28. August war er das letzte Mal beim Frühstückstisch. Danach ließ er sich mit einem Jeep durch sein ganzes Spitaldorf fahren, um Abschied zu nehmen. Dann verfiel er in einen komatösen Erschöpfungzustand, aus dem er überraschend am 31. August erwachte. Am 1. September hatte er die Kraft aufzustehen, wollte einen Brief schreiben und verlangte nach einem Buch. Aber seine Hand versagte ihm den Dienst, und wie abwesend wendete er die Seiten des Buches. Die folgenden Tage lag er im Koma, aus dem er gelegentlich erwachte. Am 2. September traf der Herzspezialist Dr. David Miller aus den USA ein, der jedoch nichts mehr zu tun hatte (er wurde später der zweite Ehemann von Schweitzers einziger Tochter Rhena). Am 3. September spielte man dem Sterbenden Musik von Bach und Beethoven vor, die ihm sichtlich wohltat. Zuletzt hörte er das Andante aus Beethovens 5. Symphonie, das er so oft in den ersten Lambarenejahren mit seiner Frau Helene vierhändig auf dem Klavier gespielt hatte. Er starb am Samstag, dem 4. September 1965, eine halbe Stunde vor Mitternacht.

Bevor ich nun auf das Leben und Denken Albert Schweitzers im Einzelnen eingehe, spiele ich Ihnen auf der von Heinrich Voigt im Jahre 1886 erbauten Orgel, an der ich von 1964-68 Organist war, das Choralvorspiel „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ von Johann Sebastian Bach. Damit begeben wir uns bereits unvermittelt in die geistige Welt Schweitzers, aber auch in meine eigene. Denn dieser Orgelklang, den wir hier gleich hören werden, entsprach weitestgehend dem Orgelideal Schweitzers. Kenner unter Ihnen mag dies vielleicht erstaunen, da man mit Schweitzer fälschlicherweise meist die sogenannte Orgelbewegung und deren „Barockorgel-Ideal“ verbindet, das dem, was Sie gleich hören werden ablehnend, ja feindlich gegenüber steht. Auch in Bezug auf die Wahl der Register und die Ausführung der Verzierungen werde ich mich an Schweitzers Intentionen halten, und zwar nicht, weil ich diese generell für die ideale Interpretationsart halte, sondern weil eine Orgel wie diese hier auf diese Weise am expressivsten zum Klingen gebracht wird. Den Umgang mit einer solchen Orgel hätte ich bei keinem anderen besser lernen können, als bei Albert Schweitzer. Wer weiß, wovon ich hier spreche, wird nun meinen Orgelvortrag mit anderen Ohren hören.

J. S. Bach: „O Mensch bewein…“ BWV 622

„Albert Schweitzer – Leben und Denken“: Diesen Titel für meinen Vortrag wählte ich in Anlehnung an Schweitzers autobiographisches Buch „Aus meinem Leben und Denken“. Thema soll hier weniger die Biographie Schweitzers, als vielmehr sein Denken mit „Sitz“ in seinem Leben sein. Deshalb werde ich heute nicht über den Musiker und Orgelfachmann Schweitzer reden. Das ist ein eigener Vortrag, den ich im Oktober in Regensburg halten werde. Da aber Schweitzer ohne Musik nicht zu denken ist, soll doch die Orgel dieser Kirche erklingen und vor allen Dingen Schweitzer als Musiker und Redner selbst zu Wort kommen.

Leben und Denken, das sind oft ein Paar ganz verschiedener Schuhe, und dies nicht nur im Alltagsleben, wie wir alle nur zu gut wissen, sondern auch – leider – bei bedeutenden Persönlichkeiten.

Nehmen wir einmal die Philosophen Friedrich Nietzsche – er ist ja gerade wieder wegen seines 100. Todestages in aller Munde – und Arthur Schopenhauer, die jeder auf seine Weise starken Einfluss auf Schweitzer hatten – der eine bezüglich der Lebensbejahung, der andere mit dem Leitbegriff „Wille zum Leben“, Lebensverneinung und der Ethik des Mitleids. Bei beiden klaffen Leben und Denken meilenweit auseinander. Nietzsche propagierte den hemmungslos sich auslebenden „Übermenschen“, der sich von den Ketten der „Sklavenmoral“ befreit hat. Er selber aber lebte als einsamer Zurückgezogener, als „Schwächling“ nach seiner eigenen Lehre, der nicht einmal ertragen konnte, wenn ein Pferd geschlagen wurde (Turin, 28. 12. 1888 – er warf sich dem Pferd weinend an den Hals; mit „Der Gekreuzigte“ unterschrieb er hier seine Briefe). Das spricht nicht gerade gegen ihn, aber gegen die Glaubwürdigkeit seiner Verkündigung des „Herrenmenschen“ jenseits aller Moral, den man dreiunddreißig Jahre nach seinem Tod zum staatlichen Menschenideal der „Herrenrasse“ zu erheben begann. Schweitzer dazu in einem Brief: „…ihm fehlte die Aktivität; deshalb wanderte sein «Stolz» im Käfig herum wie ein eingesperrter Löwe, anstatt aus seiner Höhle herauszukommen und die Beute zu schlagen, und zerfetzte sich am Ende selbst.“ (AS+HB, S. 42) – Schopenhauer lehrte buddhistische Lebensverneinung und Askese zur Überwindung allen Leides, dessen Ursache im „Willen zum Leben“ zu suchen sei, er selbst aber war ein Bonvivant und dazu ein Ekel von Mensch. Einmal gefragt nach den Differenzen zwischen seiner Lehre und seinem Leben, soll er geantwortet haben: „Muss ein Wegweiser denn auch den Weg gehen, den er anzeigt?“

Eine solche Äußerung wäre bei Schweitzer undenkbar. Seine Antwort lautet: „Bruder Mensch – Ich kann dich nur den Weg lehren, den ich selbst gegangen bin.“ (Kulturphilosophie III 1+2, nach Günzler, S. 172) Er kommt zu einer ganz anderen ethischen Haltung als Nietzsche und Schopenhauer. Er kann, wenn er wahrhaftig und glaubwürdig sein will, den Weg nur selbst gehen, um ihn zu weisen. So hat er sich um größtmögliche Kongruenz von Leben und Denken abgemüht mit all seinen Kräften, sei es in tätiger Hingabe oder durch Verzicht. „Ich glaube, weil ich handle“, schreibt er in einem Brief vom 25. 9. 1903. Ohne das Handeln sind ihm Denken und Glauben wertlos wie ein Baum, der keine Früchte trägt. Selbst beim Predigen quält ihn die Angst, „Dinge zu sagen, die ich nicht genügend vertieft habe … eine Predigt zu halten, die «nicht gelebt» ist! (…) Das sind furchtbare Krisen…“ (AS+HB, S. 197). Für Schweitzer gilt, was er über Goethe schreibt: „Das Größte an einem Denker wird immer bleiben, dass seine Gedanken und sein Leben eine Einheit bilden“ (GR, S. 68). Hierin liegt sicherlich einer der Gründe für die Kraft und Glaubwürdigkeit, die seine Persönlichkeit und sein Wirken ausstrahlten. Dies sei gleich vorweggenommen.

Wer war nun dieser Albert Schweitzer? Diese Frage hier beantworten zu wollen, wäre vermessen. Bei der Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit Schweitzers kann ich nur versuchen, Ihnen einige Facetten dieser reichen Persönlichkeit zu beleuchten, bzw. vielleicht sogar in neuem Lichte erscheinen zu lassen. Wenn ich damit erreiche, dass vielleicht der eine oder andere selbst angeregt wird, wieder nach diesem Albert Schweitzer zu fragen – und dies zu tun lohnt sich allemal -, dann habe ich nicht umsonst gesprochen, auch wenn zwangsläufig das meiste unerwähnt und viele Fragen offen bleiben werden.

Die biographischen Eckdaten des Lebens von Albert Schweitzer habe ich Ihnen in die Hand gegeben und kann sie deshalb hier voraussetzen.

Lassen Sie mich Ihnen die ungeheure Lebensleistung dieses Mannes einmal versuchen anzudeuten, die hinter diesen bloßen Jahreszahlen steht. Sie sehen hier diesen Stapel Bücher – alles Werke Albert Schweitzer, die er alle mit der Hand geschrieben hat in einer Zeit, als es weder Kopierer noch Computer gab. Viele dieser Bücher waren seinerzeit epochemachend in ihrem Fachgebiet (Theologie, Bach-Forschung, Orgelbau und Philosophie). Es fehlen hier noch einige Bände aus dem Nachlass, die erst demnächst erscheinen werden: die „Geschichte des chinesischen Denkens“ (Hinweis: 1935 war bereits „Die Weltanschauung der indischen Denker“ erschienen), „Kultur und Ethik in den Weltreligionen“, „Vorträge und Aufsätze“ und „Wir Epigonen – Kultur und Kulturstaat“. Dazu müsste noch ein Stapel Schallplatten kommen, die Schweitzer als Organist mit überwiegend Werken von Bach, aber auch von Mendelssohn, César Franck und Widor eingespielt hat (Beispiele daraus werden wir später hören). Als Herausgeber edierte er die gesamten Bachschen Orgelwerke bei Schirmer in New York. Dazu kommen noch ca. 80 000 Briefe, die er im Laufe seines langen Lebens geschrieben hat.

All dies ist bereits eine sehr respektable Leistung. Und doch: sind so viele Bücher nicht eher ungewöhnlich für einen Menschen, der eigentlich kein weltfremder „Stubengelehrter“ war und auch nicht sein wollte? Er stand mitten im Leben, war ein tüchtiger Geschäftsmann und Organisator, der mit diplomatischem Geschick sein Spitaldorf führte, künstlerisch tätig als Organist, der in ganz Europa bis ins hohe Alter konzertierte, und dazu noch praktischer Arzt, der stundenlang im Operationsaal selbst das Skalpell führte. Gezwungenermaßen war er auch noch Baumeister, der mit meist primitivsten Hilfskräften sein Spital mühsam dem Urwald abgerungen hat, und dies alles in dem für Europäer mörderischen tropischen Klima Zentralafrikas! Und dabei wurde er 90 und sah auch noch aus „wie ein naher Verwandter des lieben Gottes“, wie einmal im SPIEGEL zu lesen war.

Sehen wir uns einmal nur die Jahre vor Lambarene genauer an. Nach einem recht mittelmäßigen Abitur begann Schweitzer im Oktober 1893 in Sraßburg das Studium der Theologie und der Philosophie. In den Pfingstferien des Jahres 1896 – also mit 21 Jahren – fasst er den Entschluss, bis zum 30. Lebensjahr der Wissenschaft und Kunst zu dienen, um dann ein unmittelbar menschliches Dienen zu beginnen, dessen konkrete Gestalt er bis dahin von den Umständen zu erfahren hoffte.

Nach Studienaufenthalten in Paris, wo er privater Orgelschüler von Charles-Marie Widor in St. Sulpice war, und in Berlin promovierte er in Straßburg im August 1899 zum Dr. phil. mit dem Thema „Die Religionsphilosophie Kants von der Kritik der reinen Vernunft bis zur Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Gleich dieses Erstlingswerk des Vierundzwanzigjährigen erscheint noch im selben Jahr im Mohr-Verlag in Tübingen, immerhin ein Buch von über 300 Seiten. Als man ihm daraufhin anbot, sich in Philosophie zu habilitieren, lehnte er ab, denn er wollte nicht aufs Predigen verzichten, was man dann aber von einem Philosophieprofessor erwartet hätte. Im Dezember 1899 begann seine Zeit als Lehrvikar an St. Nicolai in Straßburg (bei Steffahn, AS-Lesebuch, 1898 angegeben; siehe dazu AS selbst in LD, S. 25), wo er regelmäßig zu predigen und Konfirmandenunterricht zu halten hatte – und diese Tätigkeit behielt er als Vikar bis 1912 bei! In einer Briefäußerung vom 4. 1. 1908 zeigt sich sein Selbstbewußtsein – an dem es ihm nie mangelte -, wenn er über die Schwierigkeit klagt, beim Predigen als Prophet reden und die Dinge gleichzeitig nur als Vikar sagen zu müssen (AS+HB, S. 197). Im Juli 1900 folgte die Promotion zum Dr. theol. über „Das Abendmahlsproblem auf Grund der wissenschaftlichen Forschung des 19. Jahrhunderts und der historischen Berichte“. 1902 habilitierte er sich in Theologie mit der 1901 erschienen Habilitationsschrift „Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis – Eine Skizze des Lebens Jesu“. Voller Stolz trat der inzwischen Siebenundzwanzigjährige am 1. März 1902 seine Stelle als Privatdozent für Neues Testament an der Universität Straßburg an. Erst kürzlich sind seine Vorlesungen, die lange als verschollen galten, in einem der Nachlassbände (von über 700 Seiten!) erschienen, was nur möglich war, da sie fast alle druckreif ausgearbeitet waren.

Nun verdichten sich die Ereignisse derart, dass es schwer werden wird, alle sich überlagernden Schichten dieses Lebens darzustellen und zu verfolgen. Von 1903-06 übernimmt Schweitzer zusätzlich das Amt des Direktors des theologischen Thomasstiftes. Hier musste er sich um die Ausbildung des jungen Pfarrernachwuchses kümmern. „Nicht Studierzimmer-Pfarrer, sondern Menschen-Pfarrer, Idealisten“ wollte er erziehen, wie er in einem Brief schreibt (Brief vom 1. 12. 1902, AS+HB, S. 31).

1905 erscheint sein auf Französisch geschriebenes Bach-Buch „J.-S. Bach, le musicien-poète“ mit ca. 400 Seiten, das auf Anregung von Widor entstanden war. Noch im gleichen Jahr beginnt er neben allen anderen Tätigkeiten das Medizinstudium, damit er in Afrika sein Werk der Nächstenliebe „stumm wie ein Karpfen“ tun können würde, denn die Pariser Missionsgesellschaft, der er seine Dienste angeboten hatte, reagierte zunächst kühl und ablehnend, da er „nur die rechte christliche Liebe, nicht aber auch den rechten Glauben“ (LD, S. 83) habe – er war denen als Theologe zu liberal, und nur aufgrund eines vorherigen Schweigeversprechens ließen sie ihn schließlich doch nach Afrika ziehen. Im Jahr zuvor hatte Schweitzer fast zufällig in einem Heft der Pariser Missionsgesellschaft einen Aufruf gelesen, dass Menschen für die Kongomission gesucht würden – er fühlte sich unmittelbar „berufen“ und wusste nun, da er das 30. Lebensjahr erreicht hatte, wie sein unmittelbares menschliches Dienen, das er mit 21 Jahren gelobt hatte, aussehen sollte.

„Deutsche und französische Orgelbaukunst und Orgelkunst“ ist der Titel einer kleinen Schrift, die im Jahre 1906 erscheint. Im selben Jahr kommt die Erstfassung der Geschichte der Leben-Jesu-Forschung unter dem Titel „Von Reimarus zu Wrede“ (400 Seiten) heraus. 1908 folgt die Neufassung des Bach-Buches in deutscher Sprache, das dabei aber auf das Doppelte, von 400 auf 800 Seiten, angewachsen war. 1909 ist Schweitzer auf dem Kongress der „Internationalen Musikgesellschaft zu Wien“ federführend bei der Abfassung des „Internationalen Regulativs für Orgelbau“ (Breitkopf & Härtel, Leipzig, 1909). 1911 erscheint die „Geschichte der paulinischen Forschung“ (200 Seiten). Im Dezember 1912 wird ihm von der Universität Straßburg in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen der Professoren-Titel verliehen, aber bereits mit Ende des Wintersemesters 1911/12 hatte er seine Lehrtätigkeit eingestellt, obwohl er erst im April 1913 offiziell aus dem Lehrkörper der Universität ausschied (d. h. Schweitzer erhielt zwar den Titel, hat aber nie als Professor gelehrt, s. AS-Studien 2, Bern 1991). 1912/13 folgen in der Reihe der Publikationen die ersten fünf Bände der Gesamtausgabe der Bachschen Orgelwerke bei Schirmer in New York, die Schweitzer zusammen mit Widor herausgegeben hat. 1913 schließt Schweitzer die Arbeit an der erheblich erweiterten Neufassung der „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ ab (900 Seiten!), und im März dieses Jahres erfolgt die Promotion zum Dr. med. mit einer Dissertation über „Die psychiatrische Beurteilung Jesu“. Und wer nun glaubt, Schweitzer habe sich nach all diesen Belastungen, die 1912 zu einer langwierigen Erkrankung führten, erst einmal das sicher wohlverdiente Ausruhen gegönnt, der irrt gewaltig: bereits am 21. März, dem Karfreitag des Jahres 1913, verlässt er zusammen mit seiner Frau Helene seinen Heimatort Günsbach im Elsaß richtung Lambarene in Afrika, wo beide am 16. April eintreffen.

Noch etwas muss ich hier unbedingt ergänzen, als ob alles bisher Gesagte nicht schon schwindelerregend genug wäre: Schweitzer fungierte in dem betrachteten Zeitraum, der ja nur das erste Drittel seiner Lebenszeit ausmacht, auch noch als Organist bei großen Choraufführungen des Wilhelmerchores in Straßburg (seit 1894) und bei Chorkonzerten der 1905 gegründeten Pariser Bach-Gesellschaft sowie, ab 1908, des Orfeó Català in Barcelona, was ja auch ständiges Reisen bedeutete. Dazu gehörte nicht nur das Begleiten an der Orgel (dies tat er übrigens bei Bach-Kantaten nach den Generalbassziffern, die er sich in den Klavierauszug eingetragen hatte!), sondern ebenso Einzelproben mit den Sängern, das Einrichten des Orchestermaterials und Mitwirkung bei der Programmgestaltung.

Wie ein einzelner Mensch eine solche Leistung bewältigen konnte, und zwar nicht nur körperlich und seelisch, sondern allein schon zeitlich, ist mir offen gestanden ein Rätsel, bei dessen Lösung mir bisher noch niemand helfen konnte. Stellen sie sich doch einmal vor, Sie sollten diesen Stapel Bücher hier nur abschreiben, mit der Hand abschreiben, wobei Sie weder nachdenken noch recherchieren noch formulieren müssten! Ich will hiermit keineswegs der Bildung einer Heiligenlegende Vorschub leisten, wie dies leider um Schweitzer herum oft und zu seinem Schaden geschehen ist, ich habe mich hier an nüchterne Fakten gehalten. Man mag über Schweitzer, sein Denken und sein Werk denken wie man will – nur eines kann man ihm nicht versagen: den Respekt vor einer fast übermenschlichen Lebensleistung.

(Musik: 1. Satz „Allegro“ aus AS’s Einspielung der 6. Widor-Symphonie, Günsbach, 1952, er war damals immerhin 77 – authentische Interpretation eines Widor-Schülers!)

Kommen wir nun zu einigen Aspekten seines Denkens.

Albert Schweitzer steht geistig in der Tradition des Rationalismus des 18. Jahrhunderts. Von nichts und niemandem lässt er sich das Recht streitig machen, selbst schöpferisch zu denken. An Helene Bresslau, seine zukünftige Frau, schreibt er am 20. Mai 1905: „Die anderen schenken den Frauen Schmuck, Perlen, Diamanten; ich schenke Dir nur Gedanken, meine Gedanken! nicht wiedergedachte und von anderen ausgeliehene Gedanken, – meine aus meinem Geist geborenen Gedanken. Meine Gedanken, die ich lachend, weinend zur Welt bringe, aber mit dem überlegenen Stolz, Gedanken zu erschaffen, ein Denker zu sein. Nein, im Grunde bin ich nicht bescheiden, denn Gedanken zu erschaffen, die leben, das ist wenigen Leuten gegeben…“ (AS+HB, S. 94)

Als Prediger ist er davon überzeugt, „dass man nur mit eigenen Gedanken predigen kann. Dass man uns das in den Predigtübungen nicht gesagt hat, werfe ich den Professoren zeitlebens vor. Sie haben uns zu geschickten Handwerkern machen wollen, aber sie wollten nicht höher mit uns hinaus.“ (AS+HB, S. 63)

Auch Religion ist für ihn nicht etwas, das das Denken ersetzt, sondern das es voraussetzt (K III 1+2, S. 468, K III 3+4, S. 383). Vom Denken verlangt er, dass es „elementar“ sei, d. h. dass es ausgeht von den Grundfragen, die uns entweder bedrängen, oder die wir verdrängen, die uns aber immer umgeben. Was ist der Sinn meines Daseins und welchen Inhalt soll mein Leben haben? „Was bedeuten die Gesellschaft, in der ich lebe, und ich selber in der Welt? Was wollen wir in ihr? Was erhoffen wir von ihr?“ (K I, S 63) Fragen, auf die sowohl Religion wie Philosophie eine Art Antwortversuch darstellen.

Der Verzicht auf das Denken, eigenes Denken, gilt ihm als Hauptursache des Niederganges der Kultur. Mit „Denken“ meint er kein auf mathematisch-logische und abstrakt-funktionale Kausalität reduziertes Denken, das den Denkenden selbst ausschließt, so, als ob dieser betrachtend neben sich und der Welt als Objekt stünde, statt sich als Subjekt in ihr zu erleben – eigenes Denken muss also für Schweitzer subjektiv-verbindlich sein (siehe K III 1+2, S. 455: „Die Angst vor dem Subjektivismus! (…) Der tiefe Subjektivismus hat den Wert des Objektiven, hat objektive Geltung.“). Denn Denken ist für ihn die Auseinandersetzung all dessen, was sich in mir an Wollen, d. h. auch an Gefühlen, überhaupt regt, mit all dem, was ich außerhalb von mir von der Welt erkenne [diese Sätze, bereits 1979 von mir in „Die ethische Haltung Albert Schweitzers“ als Ergebnis intuitiven Denkens formuliert, finden ihre ganze Bestätigung in K III 1+2, S. 179, 1999 ediert, und K III 3+4, S. 27, ediert 2000]. In mir erkenne ich als Elementarstes den Willen zum Leben, auf den ich auch außerhalb von mir treffe. Also lautet nach Schweitzer der elementarste Satz meines Bewußtseins: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Da ich nicht anders kann, als diesem geheimnisvollen, weiter nicht zu ergründenden Lebenswillen in mir Ehrfurcht entgegen zu bringen, muss ich aus innerer Notwendigkeit allem anderen Willen zum Leben außerhalb von mir ebenso begegnen und ihm die selbe Ehrfurcht erweisen als Tat der Wahrhaftigkeit. Schweitzer spricht von „mystischer Ethik“ und „ethischer Mystik“ und bezeichnet sich als „Mystiker der Tat“, denn er wird eins mit diesem unergründlichen Willen in ihm, indem er ihn tätig auf seinen höchsten Wert bringt. So gelangt er zu seiner berühmten „Ehrfurcht vor dem Leben“, die er für das Grundprinzip aller Ethik und sogar für das ins Universelle erweiterte Liebesgebot Jesu hält. Von hier aus erhält sein Handeln einen sittlichen Wert: Gut ist, Leben zu erhalten und zu fördern und auf seinen höchsten Wert zu bringen – böse ist, Leben zu vernichten und es in seiner Entwicklung zu hemmen und zu schädigen. Damit ist Welt- und Lebensbejahung gegeben als Basis für einen Optimismus, der für Schweitzer keine Erkenntniskategorie, sondern eine Kategorie des auf Veränderung der Welt gerichteten Wollens ist. Aber auch Lebensverneinung ist darin enthalten, denn um anderem Leben seinen Entfaltungsraum zu lassen, muss ich mich freiwillig selbst in gewissen Grenzen zurücknehmen, d. h. ich hindere bewusst meinen Willen zum Leben am zügellosen egoistischen Sichausleben um des anderen willen. Andererseits beinhaltet diese Ethik die Forderung nach Verinnerlichung, Sammlung (Musik!) und Selbstvervollkommnung, denn nicht nur anderes, sondern auch mein eigenes Leben soll ich auf den höchsten Wert bringen (etwas salopp könnte man heute erweitern: Bildung statt nur Ausbildung, d. h. Erkenntnisse, die man nur selbst gewinnen kann, statt nur Kenntnisse, die durch andere vermittelbar sind – Kenntnisse erhalte ich passiv durch die Einbahnstraße des Informationsflusses, mit Erkenntnis antworte ich aktiv auf Kenntnisse durch eigenes Denken; nicht „Jobs“ zum bloßen Geldverdienen, sondern Berufe, zu denen man sich „berufen“ fühlt). Diese Ethik umschließt bereits bekannte Grundsätze, von der Volksweisheit „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu“ bis hin zu „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, und greift sie auf, vertieft sie und führt sie weiter. Denn noch etwas folgt darüber hinaus aus Schweitzers Grundprinzip: Diese Ethik hat es nicht nur, wie die meiste bisherige Ethik, mit dem Verhalten von Mensch zu Mensch allein zu tun, sondern mit dem Verhältnis zu allem Lebendigen, ja sogar allem, was dem Leben dient (K III 1+2, S. 463). Man denke hier nur an die Umweltproblematik, um zu erkennen, dass in dieser Ethik ein ungeheures Potential für unsere Zeit schlummert, auch wenn Schweitzer von der philosophischen Fachzunft bisher ignoriert wurde und in kaum einer Philosophiegeschichte erwähnt wird.

Soweit führte uns die Anschauung des Lebens, dessen Teil wir sind, die Lebensanschauung.

Und nun schauen wir uns die Welt außerhalb von uns an und kommen damit zur Weltanschauung, hinter der wiederum das von der jeweiligen Naturwissenschaft gelieferte Weltbild steht.

Unbewusst oder bewusst besteht in uns ein Verlangen, das richtige, sinnvolle Handeln, also die Ethik, aus Welterkenntnis abzuleiten und es im Weltganzen als sinnvoll zu begreifen. Dies führte und führt oft dazu, dass auf dieses Weltganze ein Sinn projiziert wird, den uns eigentlich die Lebensanschauung eingeflüstert hat, und den wir nun, nach geglückter Selbsttäuschung, mit gewisser Genugtuung wieder aus unserer Erkenntnis der Welt herauszulesen meinen. Aus Wahrhaftigkeit, die er für das Fundament allen geistigen Lebens hält, einem Zentralbegriff in seinem Denken, will Schweitzer hier gründlich aufräumen. „Wenn das Denken sich auf den Weg macht, muss es auf alles gefasst sein, auch darauf, dass es beim Nichterkennen anlangt.“ (K I, S. 78 – anders K III 1+2, S. 284 und 300, und K III 3+4, S. 26!) Wahrhaftig denkend gelangt er zu einem radikal skeptischen und pessimistischen Ergebnis, indem er sich als Agnostiker in Bezug auf die Erkenntnis des Sinnes der Welt bekennt: „Die Aussichtslosigkeit des Unternehmens, den Sinn des Lebens in dem Sinn der Welt zu begreifen, ist zunächst damit gegeben, dass in dem Weltgeschehen keine Zweckmäßigkeit offenbar wird, in die das Wirken der Menschen und der Menschheit irgendwie eingreifen könnte. Auf einem der kleineren unter den Millionen von Gestirnen leben seit einer kurzen Spanne Zeit Menschenwesen. Auf wie lange? Irgendeine Herabsetzung oder Steigerung der Temperatur der Erde, eine Achsenschwankung des Gestirns, eine Hebung des Meeresspiegels oder eine Änderung in der Zusammensetzung der Atmosphäre kann ihrem Dasein ein Ende setzen. Oder die Erde selber fällt wie so manches andere Gestirn irgendeiner kosmischen Katastrophe zum Opfer. Was wir für die Erde bedeuten, wissen wir nicht. Wie viel weniger dürfen wir uns dann anmaßen, dem unendlichen Universum einen auf uns zielenden oder durch unsere Existenz erklärbaren Sinn beilegen zu wollen!“ (K II, S. 293, siehe auch K III 1+2, S. 167ff, 235ff und 307ff) Mit diesem Eingeständnis glaubt Schweitzer so etwas wie eine kopernikanische Wende im abendländischen Denken herbeizuführen: „Ich glaube der erste im abendländischen Denken zu sein, der dieses niederschmetternde Ergebnis des Erkennens anzuerkennen wagt und in bezug auf unser Wissen von der Welt absolut skeptisch ist, ohne damit zugleich auf Welt- und Lebensbejahung und Ethik zu verzichten. Resignation in bezug auf das Erkennen der Welt ist für mich nicht der rettungslose Fall in einen Skeptizismus, der uns wie ein steuerloses Wrack in dem Leben dahintreiben lässt. Ich sehe darin die Wahrhaftigkeitsleistung, die wir wagen müssen, um von da aus zu der wertvollen Weltanschauung, die uns vorschwebt, zu gelangen. Alle Weltanschauung, die nicht von der Resignation des Erkennens ausgeht, ist gekünstelt und erdichtet, denn sie beruht auf einer unzulässigen Deutung der Welt.“ (K II, S.86/87) Deshalb fordert Schweitzer den Verzicht auf jederlei Bindung der Ethik an eine Deutung der Welt. Allein aus der Lebensanschauung soll die Ethik ihre Kraft beziehen und wahrhaftig, und damit tüchtiger als zuvor für ihre Aufgabe werden, die Welt positiv zu verändern.

Schweitzer spricht von der „Wüste des Skeptizismus des Erkennens der Welt“, in die das abendländische Denken sich nicht resolut hineinwagte, während er sie ruhigen Mutes durchwandert. „Sie ist ja nur ein schmaler Streifen, der der ewig grünenden Oase elementarer, aus dem Denken kommender Weltanschauung vorgelagert ist.“ (K II, S. 95) In seiner erst kürzlich aus dem Nachlass erschienen Kulturphilosophie III, die sein unablässiges zähes geistiges Ringen auch noch in den späteren Jahrzehnten ergreifend dokumentiert, wird dann dieser schmale Wüstenstreifen des Skeptizismus immer breiter – vielleicht einer der inneren Gründe, weshalb er dieses kulturphilosophische Werk nicht zum Abschluss bringen konnte (sein Denken eine unvollendete Symphonie: herrlich lebendige Themen in der Exposition, aber unvollständige Durchführung – nicht alle Themen ließen sich problemlos in seine Tonart transponieren, was Schweitzer nur zu gerne tat, und die Zusammenführung der Themen hätte möglicherweise zur Sprengung der Tonalität geführt; aber die Grenze der Tonalität war zugleich auch seine eigene: wie wetterte er über „Salome“ von Richard Strauss, um dagegen gleichzeitig in Lobeshymnen über Pfitzners „Armen Heinrich“ auszubrechen! Siehe AS+HB, S. 303f und BuE, S.85f). Aber seiner geradezu jugendlichen Wahrheitszuversicht tat dies keinen Abbruch.

Der Grund dafür ist, dass Schweitzers ethische Haltung längst gegeben war, bevor er sie verbal zu artikulieren versuchte (s. besonders K III 3+4, S. 26ff – außerdem: Lambarene 2 Jahre vor der Formulierung „Ehrfurcht vor dem Leben“ gegründet!). Dies zeigt sich noch deutlicher als zuvor in K III. „Er wollte im Denken erhärten, was er bereits als Gewissheit in sich trug. (…) Seine philosophische Ethik ist eigentlich denkende Interpretation und Vertiefung seiner leidenden Haltung sowie Rechtfertigung seines aus dieser Haltung folgenden Tuns.“ (EH, S. 78/79) Sie ist „eine Art Autobiographie seines Denkens. Als solche ist sie weder falsch noch richtig, sondern wahrhaftiges Bekenntnis und Appell von Wille zu Wille.“ (EH, S. 80) Dieser seiner unerschütterlichen, für ihn subjektiv absolut bindenden Gewissheit versuchte er im Denken aber gleichzeitig den Rang einer Allgemeingültigkeit eines Kantschen kategorischen Imperativs zu geben, d. h. sie als „denknotwendig“ zu erweisen. Hier beginnt die Fragwürdigkeit seines denkerischen Unternehmens: für ihn war es notwendig, über seine vorgegebene übermächtige innere Gewissheit zu denken – aber eben nur für ihn. Ein anderer Mensch mit anderen Voraussetzungen mag zu anderen Ergebnissen kommen. Wahrhaft groß bleibt Schweitzer in seiner ethischen Haltung, d. h. darin, wie er sich den Fragen des Urgrundes seines Seins mit seiner ganzen Existenz zu stellen versuchte.

(Worte von AS zur „Ehrfurcht vor dem Leben“, von ihm im September 1964 gesprochen,

J. S. Bach: „Da Jesus an dem Kreuze stund“, Straßburg, St. Aurelien, 1936

Als Theologe kommt Albert Schweitzer, schon vom Elternhaus her, dem Pfarrhaus in Günsbach/Elsaß, aus einem liberalen protestantischen Milieu. Für konfessionelle (wie auch nationale) Enge hatte er kein Verständnis. Für ihn gehört zum Wesen des Protestantismus, „dass er eine Kirche ist, die nicht kirchgläubig, sondern christgläubig ist. Dadurch ist ihm verliehen und aufgegeben, durchaus wahrhaftig zu sein. Hört er auf, unerschrockenes Wahrheitsbedürfnis zu besitzen, ist er nur noch ein Schatten seiner selbst und damit untauglich, der christlichen Religion und der Welt das zu sein, wozu er berufen ist.“ (GW 3, S. 36)

Als Theologe ist er ein Verfechter der sogenannten konsequenten Eschatologie. D. h. er versteht Jesus wie auch Paulus ganz aus der Weltanschauung der spätjüdischen Apokalyptik heraus, die das Anbrechen des Reiches Gottes in allernächster Zukunft dadurch erwartete, dass Gott selbst das apokalyptische Ende der Welt herbeiführen und seine ewige Herrschaft errichten würde. Wie wir wissen, ist das bis heute nicht geschehen. Schon Paulus, der bereits der zweiten urchristlichen Generation angehört, bekam seine Probleme mit dem Ausbleiben des Gottesreiches, der sogenannten Parusieverzögerung, und musste eine Umdeutung vornehmen, denn die frühen Christen waren ja verbunden in der Hoffnung auf sein unmittelbar bevorstehendes Kommen und feierten das Abendmahl sonntagsmorgens im Hinblick auf die baldigst zu erwartende verheißene Mahlgemeinschaft mit Jesus im Reich Gottes.

Für Schweitzer ist diese eschatologische Weltanschauung, der Jesus verhaftet war und die uns seine Botschaft manchmal so befremdlich erscheinen lässt, überholtes Gedankengut des Spätjudentums, das wir ohne Herumdeuteln als zeitbedingt so stehen lassen müssen. Was bleibt, ist Jesu Liebesgebot, seine Ethik der Nächstenliebe, mit der er uns gebietet: Du aber folge mir nach. Wer diesem Ruf folgt, wie er es selbst getan hat, der ist für Schweitzer Christ, unabhängig von allen dogmatischen Bekenntnissen, angefangen von der Gottessohnschaft bis zur Auferstehung. Dies ist das Zentrum von Schweitzers Frömmigkeit. Er warnt sogar vor denen, die von Gott reden, „als hätten sie mit ihm gefrühstückt“: „Bruder Mensch: Aus Frömmigkeit nicht von Gott reden.“ (K III 1+2, S. 441)

Sein Verhältnis zu Jesus ist ein unmittelbares von Wille zu Wille: „Keine Persönlichkeit der Vergangenheit kann durch geschichtliche Betrachtung oder durch Erwägungen über ihre autoritative Bedeutung lebendig in die Gegenwart hineingestellt werden. Eine Beziehung zu ihr gewinnen wir erst, wenn wir in der Erkenntnis eines gemeinsamen Wollens mit ihr zusammengeführt werden, eine Klärung, Bereicherung und Belebung unseres Willens in dem ihrigen erfahren und uns selbst in ihr wiederfinden.“ (GW 3, S. 886) „…alles, was man Wirkliches über Erlösung aussagen kann, geht zuletzt darauf zurück, dass wir in der Willensgemeinschaft mit Jesus von der Welt und uns selbst frei werden und Kraft und Frieden und Mut zum Leben finden.“ (GW 3, S. 885) „Als ein Unbekannter und Namenloser kommt er zu uns, wie er am Gestade des Sees an jene Männer, die nicht wussten, wer er war, herantrat. Er sagt dasselbe Wort: Du aber folge mir nach! und stellt uns vor die Aufgaben, die er in unserer Zeit lösen muss. Er gebietet. Und denjenigen, welche ihm gehorchen, Weisen und Unweisen, wird er sich offenbaren in dem, was sie in seiner Gemeinschaft an Frieden, Wirken, Kämpfen und Leiden erleben dürfen, und als ein unaussprechliches Geheimnis werden sie erfahren, wer er ist…“ (GW 3, S. 887)

So ist Schweitzer wenig interessiert an Fragen des kirchlichen Bekenntnisses und lehramtlicher Dogmatik als Zutaten späterer Zeiten. Entsprechend kommen diese dann auch in seinen Predigten kaum vor. „Wir lassen es uns nicht nehmen, dass der rechte Glaube an das Evangelium sich in der Betätigung desselben zu erweisen habe.“ (RGCh, S. 358) Schlicht als Jünger Jesu am Reiche Gottes mitzuarbeiten, ist ihm mehr als genug.

Schweitzer ist erfüllt von Hoffen und Sehnen nach der Verwirklichung des Reiches Gottes, der zentrale Begriff seiner Theologie. Reich Gottes als ethische Größe, als Ernstmachen mit wahrer Humanität, ist der Motor für all sein Tun auf allen Gebieten. Die Bitte „Dein Reich komme“ im Vaterunser, das er als eigentliches Glaubensbekenntnis und als den „Polarstern des christlichen Glaubens“ bezeichnet (RGCh, S. 351 ff.), ist für ihn nicht mehr die Bitte um Gottes Handeln in einer apokalyptisch hereinbrechenden Umgestaltung der Welt wie in der spätjüdischen Eschatologie. Bereit sein für das Reich Gottes heißt für ihn, bereit sein, hier und jetzt selber Hand anzulegen und Erlösung von Leid zu bringen, wo immer es möglich ist. Reich Gottes ist für ihn nichts zu Erwartendes, sondern etwas zu Verwirklichendes, nicht Endlösung, sondern ständige Aufgabe.

Hier setzt auch seine Kritik an der „Amtskirche“ jeglicher Form ein. 1948 schreibt er: „Die Kirche muss sich bewusst bleiben, ständig in Gefahr zu sein, an die Stelle des Reiches Gottes treten zu wollen, statt ihm zu dienen.“ (RGCh, S. 391) Bereits in seiner letzten Vorlesung als Privatdozent an der Universität Straßburg am 29. Februar 1912 sagte Schweitzer dazu: „Wer das sieht, kann darauf, dass die Kirche Selbstzweck geworden ist, nur mit Hass blicken. Keiner liebt das Christentum, der nicht diesen Hass erlebt hat; aber er liebt es zugleich mit wissendem Hass, da ihm klar ist, dass das Gute, das dort gebunden ist und fast als negative Gewalt wirkt, nicht frei wird dadurch, dass die Zertrümmerung mit blinder Gewalt geschieht (…) Das Böse überwinden mit Gutem! (…) Hassend muss man wissen, dass nur der religiöse Geist hassen darf, weil er nicht das Religiöse an sich hasst, sondern nur seine Gebundenheit, in der es dort hemmend wirkt.“ (StrV, S. 718f)

Die Lebendigkeit der Kirche hängt für Schweitzer nicht an einer äußerlichen Rechtgläubigkeit, verbalen Bekenntnissen oder etwa an Bemühungen um liturgische Umgestaltung der Gottesdienste in modernere Formen, noch erwartet er sie davon. Einzig, wieviel gemeinschaftsstiftendes Sehnen nach der Verwirklichung des Reiches Gottes in ihr glüht, ist für ihn der Maßstab, wie lebendig oder tot Kirche ist.

„Das verlorene Schaf ist heute der Mensch, der das Bedürfnis des Denkens hat. Aber die Kirche sendet nach diesem verlorenen Schaf keinen Hirten aus…“ (RGCh, S. 391) Selbständig Denkende sind nicht nur kirchlichen Organisationen suspekt. Die Zukunft des Christentums hängt für Schweitzer mit davon ab, „ob es denkenden Menschen das sein wird, was es ihnen sein kann und sein soll, oder ob es sich ganz auf nichtdenkende einstellen will.“ (RGCh, S. 344) Die Kirche blockiert nach Schweitzer gerade den Denkenden den Zugang zur Ethik, indem sie sie nur in Verbindung mit überholten dogmatischen Vorstellungen gelten lassen will (StrV, S. 718). So macht ihm die Religion heute „den gleichen Eindruck wie ein afrikanischer Fluss in der Trockenzeit – ein großes Flussbett, Sandbänke und dazwischen ein schmaler Wasserlauf, der sich seinen Weg sucht.“ (bei Seaver, S. 362)

Auch über Theologieprofessoren, wie er nie einer werden wollte, findet er wenig schmeichelhafte Worte: „Tempelhüter sind sie und brave Seelen, wohlbestallte Diener der Obrigkeit, Bücherschreiber auch, belesen, beflissen und groß im gegenseitigen Polemisieren über Dinge, die außer der Zunft niemanden interessieren. Wo bleibt das christliche Feuer? Ich ersticke in dieser Atmosphäre. Die Fronten verlaufen ganz anderswo.“ (nach Gräßer, S. 12) Hier sehen wir ein Charakteristikum vieler Äußerungen Schweitzers: keineswegs zimperlich polarisiert er in kräftiger Schwarz-Weiß-Malerei. Kraft und Größe, aber auch die Grenzen seiner Worte liegen in einer gewissen Einseitigkeit.

Die Idee des Reiches Gottes ist bei Schweitzer das Bindeglied zwischen seiner Theologie und seiner Kulturphilosophie: in ihr ist die Einheit seines Denkens verankert. „Einzig durch die Reichgottesidee gelangt die Religion in Verbindung mit der Kultur.“ (bei Seaver, S. 364) Seine Bemühungen um das Reich Gottes und seine Bemühungen um die Kultur, d. h. „Reich Gottes“ und „Kulturstaat“, sind bei ihm identisch. Mit seinem Spitaldorf Lambarene als einem „Dorf des Reiches Jesu“ (Spear, S. 75) wollte er dazu praktisch die Keimzelle legen, und theoretisch blieb er mit beiden beschäftigt bis in seine letzten theologischen wie philosophischen Schriften. So bleibt er als Theologe Kulturphilosoph und als Kulturphilosoph Theologe und als beides immer er selbst. Der sogenannte Kulturprotestantismus, von manchen Kreisen belächelt, wird von ihm hoch geschätzt (RGCh, S. 354 ff).

Hier sei noch zwischendurch angemerkt, dass in dem „Dorf des Reiches Jesu“ Lambarene allerdings vordemokratisch-patriarchalische Verhältnisse herrschten: „Die Selbstbestimmung auf diesem Fleck Afrikas sieht so aus, dass Albert Schweitzer selbst bestimmt.“ (Dafmn, S. 177) Diskussionen über seine Entscheidungen liebte er nicht. Und einmal gewonnene Erkenntnisse pflegte Schweitzer so gut wie nie zu ändern.

Ein Konfirmand hatte einmal an Schweitzer geschrieben, dass sie sich seinetwegen schämen müssten, da er nicht den rechten Glauben an die Dreieinigkeit habe. Was muss da wohl im Konfirmandenunterricht vorausgegangen sein? Der vielbeschäftigte Zweiundachtzigjährige nahm sich die Zeit, dem Jungen am 19. 9. 1957 zu antworten: „…Es tut mir leid, dass Du und andere protestantische Knaben Euch meinetwegen schämen musstet, weil man sagt, ich habe nicht den rechten Glauben an die Dreieinigkeit. (…) Ich meine auch, dass die Hauptsache ist, dass wir Gott in der rechten Weise als unseren Vater erkennen, Jesum Christum in der rechten Weise lieben und den Heiligen Geist in unserem Herzen recht herrschen lassen. Das ist, meine ich, die Hauptsache. Und wenn der Herr Jesus gemeint hätte, dass es ganz darauf ankommt, wie diese Drei eine Einheit bilden, hätte er es uns gelehrt. Er hat es aber nicht getan. So glaube ich nicht, dass eine Lehre, die dann später in der Kirche aufgestellt wurde, das, was Jesus nicht gesagt hat, ersetzen kann. (…) Wenn wir auch nicht in allen Anschauungen des Glaubens miteinander übereinstimmen können, so gehören wir doch alle zusammen als die, die durch den Geist Gottes, der in ihnen regiere, Gottes Kinder sind. Darum traget nicht zu schwer daran, dass Ihr Euch meiner schämen müsst, und trachtet danach, Gottes Kinder zu werden. Und seid friedfertig und lieb mit denen, die anders denken in Sachen der Religion. Denn unser Herr Jesus hat uns zum Frieden berufen. Selig sind die Friedfertigen, hat er in der Bergpredigt gesagt.“ (RGCh, S. 471)

In seiner autobiographischen Schrift „Aus meinem Leben und Denken“ hat Schweitzer die Konflikte und Spannungen, die er mit manchen braven Christen wegen seiner Theologie auszuhalten hatte, geglättet und heruntergespielt, und dies nicht nur die für ihn nervenaufreibenden Auseinandersetzungen mit der Pariser Missionsgesellschaft vor seiner Ausreise nach Afrika betreffend. Von seinem Lehrpfarrer Knittel an St. Nicolai in Straßburg wurde er nicht nur gerügt wegen der Kürze seiner Predigten, die zwanzig Minuten nicht zu unterschreiten hätten (LuD, S. 26). Auch der Inhalt war für Knittel Gegenstand der Kritik: „Sie haben (…) bis jetzt und nie auf mich gehört, sondern nur Dissertationen bald über diesen, bald über jenen Punkt gehalten, die bisweilen geistreich sein mochten, die aber keine gesunde Nahrung für meine Pfarrkinder sind. Mein fester Wille für die Zukunft ist, dass Sie über die vorgeschriebenen Bibeltexte predigen, wie die kirchliche Ordnung es erheischt.“ (Gräßer, S. 11) Und Knittel noch deutlicher in einem Brief an seinen Vikar: „Ihre Ideen über die Erlösung widersprechen allem, was die Evangelien, die Apostel, die Kirchenväter, die Reformatoren lehren. Sie leugnen nicht, dass es eine Hölle gibt, aber nach Ihnen ist sie hier unten und nicht im Jenseits. Ihre Ausführungen offenbaren Pantheismus und nicht christlichen Glauben, Ich kann dies bei einem Vikar nicht dulden, ganz gleich, wer er sei.“ (Wiefel, S. 107) Manchem Rechtgläubigen mag dies bis heute aus dem Herzen gesprochen sein. Ausgerechnet Knittel bat Schweitzer um ein Gutachten über ihn für die Pariser Missionsgesellschaft. Am 5. Januar 1906 bescheinigt er darin seinem Vikar „«ein gutes Herz und ein integeres Gewissen», betont aber zugleich, dass er in der von ihm vertretenen liberalen Theologie den Ruin der protestantischen Kirchen sehen muss.“ (Wiefel, a.a.O.)

Demgegenüber durfte Schweitzer doch auch etwas vom Aufgehen seiner Saat erleben, die er im Konfirmandenunterricht an St. Nicolai gesät hatte: „Ich habe von Männern Dank dafür empfangen, dass ich ihnen in meinem Unterricht die Grundwahrheiten der Religion Jesu als etwas mit dem Denken zu Vereinendes nahebrachte und sie damit gegen spätere Gefahr der Preisgabe der Religion stark machte.“ (LD, S. 27)

Schweitzer ist sich durchaus seiner wenig kirchenkonformen Haltung bewusst und bezeichnet sich einmal als „Freigeist und Mönchlein“, die in seinem Leib zusammengebunden seien (AS+HB, S.278). Dennoch hielt er seiner Lutherischen Kirche des Elsaß zeitlebens die Treue, wie ja auch etwa Hans Küng und Herbert Haag trotz heftiger Kritik die katholische Kirche nie verlassen würden. In einem Brief an seine zukünftige Frau Helene Bresslau schreibt der Dreißigjährige: „Du und ich, wir müssen unsere Religion zeitlebens in uns verschließen und geheim halten, denn was für uns Gott und Unsterblichkeit sind, das können andere nur als Atheismus und Negation der Seele verstehen. Es ist uns genug zum Leben und zum Sterben … in unserer Armut sind wir reich und einst wird die ganze Welt so arm werden um wieder reich zu werden, nachdem sie die erborgten und hypothekenbelasteten Güter verloren hat, die jetzt zur Ausstattung der Religion gehören.“ (AS+HB, S. 125) In anderen Briefstellen wird er deutlicher: „Käme ich morgen zu dem Schluss, dass es keinen Gott gibt und keine Unsterblichkeit und dass die Moral nur eine Erfindung der Gesellschaft ist – dann würde mich das überhaupt nicht berühren. Das Gleichgewicht meines inneren Lebens und das Bewusstsein meiner Pflicht wären nicht im geringsten erschüttert. Das erfüllt mich mit heiterem Stolz. Ich lerne das Lachen.“ (AS+HB, S. 42) Und zur Unsterblichkeit: „Ich habe eine Vorstellung von der Unsterblichkeit: das, was an uns unvergänglich, immateriell ist, das sind unsere Gedanken. Wir leben, wenn unsere Gedanken in anderen wiedergeboren werden. Deshalb leben Sokrates und Christus. Das ist die lebendige Unsterblichkeit! Wozu noch eine andere?“ (AS+HB, S. 70) So offen hat er natürlich in seinen Predigten und Büchern nie gesprochen.

In Vorfreude auf sein zukünftiges unmittelbares Dienen hatte er an Helene Bresslau geschrieben: „Und dann das Recht haben, ein Ketzer zu sein! Nur Jesus von Nazareth kennen; die Fortführung seines Werkes als einzige Religion haben, nicht mehr ertragen zu müssen, was das Christentum an Plebejischem, an Vulgärem an sich hat. Nicht mehr die Angst vor der Hölle kennen, nicht mehr nach den Freuden des Himmels trachten, nicht mehr diese falsche Furcht haben, nicht diese falsche Unterwürfigkeit, die ein wesentlicher Bestandteil der Religion ist – und doch wissen, daß man Ihn, den einen Großen, versteht und daß man sein Jünger ist. Gestern las ich das 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, weil ich so sehr den Vers liebe: «Was ihr getan habt einem dieser Geringsten unter meinen Brüdern, das habt ihr mir getan.» Aber wo beim Jüngsten Gericht von der Scheidung der «Schafe und der Böcke» die Rede ist, da lächelte ich: Ich will nicht zu den Schafen und im Himmel treffe ich sicher eine ganze Gesellschaft, die ich nicht mag: St. Loyola, St. Hieronymus, und ein paar preußische Oberkirchenräte – und mit diesen allen freundlich tun und den Bruderkuss austauschen? Nein, ich verzichte, lieber in die Hölle, dort ist die Gesellschaft weniger gemischt. Mit Julian Apostata, Caesar, Sokrates, Platon und Heraklit läßt sich schon ein anständiges Gespräch führen.“ (AS+HB, S.68)

Kraftvoll war Schweitzer auch, weil ihn eigentlich nur das wirklich interessierte, was ihn innerlich berührte und was ihm zur lebendigen Kraft werden konnte, was etwas in ihm auslöste. In seinem Leben und Denken spürt man in allem die persönliche Betroffenheit seiner Person und die völlige Unabhängigkeit vom Urteil anderer und des Zeitgeistes. In allem war er ganz er selbst, ein „Original“ im wahren Sinn des Wortes. Er selbst verkörperte geradezu die Wirkung von Wille zu Wille und verstärkte sie auf andere. Alles Epigonenhafte, bloß Nachahmende, archaistische Tendenzen und Historizismus lehnte er ab. Es ging ihm um die Schaffung neuer Ideale für seine Zeit, die er durch eigenschöpferisches Ringen aus der Vergangenheit und Gegenwart für die Zukunft gewinnen wollte. Persönlichkeiten der Vergangenheit dienten ihm allenfalls als Katalysatoren für eigene geistige Prozesse, nie als zu kopierende Vorbilder. Der Glaube an die Kraft des eigenen Geistes gab ihm den Mut, selbständig neben historische Größen zu treten und den Faden der Geschichte in der Gegenwart weiterzuspinnen, wie Paulus es in der Theologie tat, den er deshalb den „Schutzheiligen des Denkens“ nennt. Das heißt für ihn handeln „im Geiste“ von jemand, und dies lässt ihm den Spielraum, schöpferisch zu sein bei gleichzeitiger Wahrung des geschichtlichen Kontinuums. So lautet einer der für die Kulturphilosophie III so typischen Appelle Schweitzers: „Bruder Mensch, verzichte nie auf das Recht, du selbst zu sein! Aber werde du selber zuerst einer, der gesammelter, stiller und innerlicher wird!“ (K III 1+2, S. 47)

Mit dreißig Jahren, auf dem Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Laufbahn, schrieb Schweitzer: „Ich erwarte etwas anderes, das mein Leben betrifft! Ich habe nicht mehr den Ehrgeiz, ein großer Gelehrter zu werden, sondern mehr – einfach ein Mensch.“ (AS+HB, S. 83) Kraftvollen Menschen, die nichts weiter wollten als wahrhaft Mensch sein, im tiefsten Sinne Mensch sein, wie etwa Jesus und Buddha, wurde oft das Schlimmste gerade von ihren Jüngern und Interpreten angetan: durch zunächst Legenden- und dann Dogmenbildung in von ihnen nie gewollten organisierten Glaubensgenossenschaften wurden sie zu Heiligen oder gar Göttern „befördert“. Vor dieser Gefahr durch seine Anhänger war auch ein Albert Schweitzer nicht ganz gefeit, der ebenfalls „nur“ einfach Mensch sein wollte.

Albert Schweitzer hat es am wenigsten nötig, ins Gigantische überzeichnet zu werden. Denn er ist innerhalb seiner menschlichen Grenzen gewaltig genug, um vor jeder Wahrhaftigkeit zu bestehen. An dem „unmenschlichen“ Halbgott, zu dem er oft hochstilisiert wurde, droht derjenige, den er in seinen Bann zieht, eher zu zerschellen, statt Aufwind zu bekommen. Der Legenden-Heilige und Alles-Könner befriedigt bequem und angenehm unsere Sensationslust und dient unserem eigenen schlechten Gewissen als willkommenes Alibi: um wievieles besser kommen wir anderen und vor allem uns selbst vor, wenn wir uns wenigstens öffentlich einreihen in die Schar der Bewunderer dessen, was ein anderer – stellvertretend – an anerkannt Gutem getan hat!

So war es besonders in den USA der Nachkriegszeit: man jubelte ihn hoch mit allen nur erdenklichen Superlativen zum „Genie der Menschlichkeit“, zum „größten lebenden Bach-Interpreten“ usw., um ihn sofort fallen zu lassen, als der gute Alte von Lambarene aus seiner von den Medien für ihn maßgeschneiderten Heiligenrolle fiel und den Mund aufmachte, um wegen des atomaren Wettrüstens die Weltöffentlichkeit aufzurütteln.

Der konkrete endliche Mensch dagegen in seiner widersprüchlichen Komplexität und seinem Ringen mit sich ist reicher und unbequemer, er fordert uns heraus, stellt uns vor Entscheidungen und bringt uns innerlich weiter.

So mag Schweitzer mithelfen, uns innerlich zu sammeln. Wie durch ein Brennglas werden elementare Fragestellungen durch ihn neu fokussiert, und er macht uns Mut, von ihnen aus erneut den Weg des Denkens zu beschreiten. Ganz gleich, von welcher Höhe oder Tiefe unser Denken startet: er kann uns anregen, geistig mit Proviant versorgen, ob wir nun von ihm ausgehen oder nur an ihm vorüber ziehen. Nur eines dürfen wir nicht: solange anbetend bei ihm stehen bleiben, bis wir in geistloser Verehrung erstarren. In Anlehnung an Schweitzer könnte man sagen: Bruder Mensch, stärke dich an den geistigen Quellen der Vergangenheit, ab gehe weiter in deine eigene Zeit, um ihr selbst lebendige Quelle zu sein.

Ich möchte nun schließen mit den Sätzen, die ich einmal nach einigen Wochen intensiver Arbeit am musikalischen Nachlass Schweitzers in den achtziger Jahren in das Gästebuch im Schweitzer-Haus in Günsbach eingetragen habe:

Ich glaube, dass nach der Zeit der Vergötterung, der ablehnenden Kritik und der Vergessenheit eine Zeit der objektiveren Erkenntnis der wirklichen Größe Schweitzers kommen wird, wenn die nötige Distanz gewonnen ist und Mythos und Persönlichkeitskult überwunden sind. Das große Verdienst der älteren Generation wird es sein, sein Erbe getreu bewahrt zu haben, bis die Zeit reif ist.

(AS: „Die Brüderschaft der vom Schmerz gezeichneten“, von ihm gesprochen September 1964)

Uraufführung: Widmar Hader (* 1941)  „Die Brüderschaft der vom Schmerz gezeichneten“ (für Orgel)

Das Werk ist der erste Satz des zweisätzigen „Lambarene“, das Widmar Haders Beitrag zum Albert-Schweitzer-Jahr 2000 ist. Der Titel dieses ersten Teiles war das Motto des Urwaldhospitals, das Schweitzer in Lambarene (damals Französisch-Äquatorialafrika) im Jahre 1913 gegründet hat. Albert Schweitzers Initialen in Tönen (A-S=Es-C-H) bilden hier eine harmonische Dominante.

Widmar Hader wurde 1941 in Elbogen an der Eger (heute Loket) geboren. Er ist Direktor des Sudetendeutschen Musikinstitutes in Regensburg, wo am 11./12. Oktober 2000 das Internationale Symposion Bach 2000 stattfinden wird, bei dem Rainer Noll sowohl ein Orgelkonzert in St. Vitus geben, als auch einen Vortrag über „Albert Schweitzer und die Musik“ halten wird.

 

Abkürzungen:

AS+HB = Albert Schweitzer – Helene Bresslau: Die Jahre vor Lambarene. Briefe 1902-1912 (München, 1992)

BuE = A. Schweitzer: Briefe und Erinnerungen an Musiker, Bern/Stuttgart 1989)

GR = A. Schweitzer: Goethe. Vier Reden (München, 1950)

GW 3 = A. Schweitzer: Gesammelte Werke in 5 Bänden (München, 1974), Bd. 3, „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“

K I = A. Schweitzer: Verfall und Wiederaufbau der Kultur (München, 1960)

K II = A. Schweitzer: Kultur und Ethik (München, 1960)

K III 1+2 = A. Schweitzer: Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. Kulturphilosophie III, 2. + 3. Teil (München, 1999)

K III 3+4 = A. Schweitzer: Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. Kulturphilosophie III, 3. + 4. Teil (München, 2000)

LD = A. Schweitzer: Aus meinem Leben und Denken ( Hamburg, 1955)

RGCh = A. Schweitzer: Reich Gottes und Christentum (München, 1995)

Seaver = A. Schweitzer: „Die Religion in der modernen Kultur“

in George Seaver: Albert Schweitzer als Mensch und Denker (Göttingen, 1959)

StrV = A. Schweitzer: Straßburger Vorlesungen (München, 1998)

Dafmn = Harald Steffahn: Du aber folge mir nach. Albert Schweitzers Werk und Wirkung (Bern, 1974)

EH = Rainer Noll: „Die ethische Haltung Albert Schweitzers“ (1979) in „Statt einer Festschrift…“ (Wiesbaden, 1997)

Gräßer = Erich Gräßer: Studien zu Albert Schweitzer (Bodenheim, 1997)

Günzler = Claus Günzler: Albert Schweitzer. Einführung in sein Denken (München, 1996)

Spear = Otto Spear: Albert Schweitzers Ethik (Hamburg, 1978)

Wiefel = Wolfgang Wiefel: „Neue Einsichten und Sichtweisen. Der Weg Albert Schweitzers in den Dienst der Pariser Mission“

in „ Standpunkt“ (Evangelische Monatszeitschrift der DDR), 10. Jahrg., Heft 4, April 1982

Bei Zitaten: Fettdruck von mir, Unterstreichung und Kursivdruck original

(geschrieben 27. – 31. August 2000, im September 2000 nochmals überarbeitet und erweitert)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.