Albert Schweitzer: unzeitgemäß aktuell

Neufassung für Lions-Club Mainz:

(Vortrag von Rainer Noll, Dienstag, 9. Dezember 2014, 19:30 Uhr,  für Lions-Club Mainz, Atrium-Hotel Mainz-Finthen)

I.

Vor 49 Jahren, am 4. September 1965, starb Albert Schweitzer in seinem Urwaldhospital Lambarene in Afrika im 91. Lebensjahr. Als Motto zum heutigen Thema möchte ich folgendes Wort von ihm voranstellen: „Die Wahrheit hat keine Stunde. Ihre Zeit ist immer und gerade dann, wenn sie am unzeitgemäßesten erscheint.“ (WU, S. 150) Weiter bekennt er: „Mit dem Geist der Zeit befinde ich mich in vollständigem Widerspruch, weil er von Mißachtung des Denkens erfüllt ist.”  (LD, S. 181) Unzeitgemäß war und ist Schweitzer ganz gewiss, aber deshalb (oder gerade deshalb) nicht weniger aktuell. Man denkt an André Gides Feststellung, dass das Denken nur so weit Gültigkeit bewahrt, wie es unzeitgemäß ist.

Lassen Sie mich versuchen, Ihnen einen Albert Schweitzer vorzustellen, wie Sie ihn bisher wohl noch nicht gekannt haben, ja vielleicht nicht für möglich hielten. Es ist aber ganz unmöglich, einer so vielseitigen Persönlichkeit in der Kürze eines Vortrages gerecht zu werden. Die Musik klammere ich heute schon ganz aus – allein die nötigen Hörbeispiele würden den Rahmen sprengen und erforderten einen eigenen Vortrag. So seien meine Worte quasi ein geistiges Amuse-Gueule, das Sie hungrig auf Schweitzers Botschaft machen soll.

 

II.

Sie werden kaum erraten, von wem ich aber zunächst spreche (rufen Sie dazwischen, sobald Sie ahnen, wen ich meine): Er gehört in eine Reihe mit Hitler, Stalin oder Pol Pot und ist einer der vergessenen Massenmörder des 19. und 20. Jahrhunderts, aber heute noch in seiner europäischen Heimat allgegenwärtig. Von diesen Genannten unterscheidet ihn allerdings, dass er sich persönlich  bereichern wollte, und zwar um 231 000 000 € nach heutigem Wert. Dafür nahm er in Afrika den Tod von mindestens 10 000 000 Männern, Frauen (ohne Rücksicht auf Schwangere) und Kindern in Kauf (Schätzungen gehen teils auf mehr als das Doppelte). Und ausgerechnet dieser Mann schmückte sich mit humanitären Parolen und verkündete 1876 bei der von ihm einberufenen Konferenz der „amis de l’humanité“ (also „Freunde der Menschlichkeit“): „Der Zivilisation den einzigen Erdteil zugänglich zu machen, in den sie noch nicht vorgedrungen ist, und die Finsternis zu durchdringen, die noch ganze Völker umhüllt, dies ist ein Kreuzzug, der unseres Jahrhunderts des Fortschritts würdig ist.“ [armer Mann, in welcher Finsternis lebtest Du eigentlich selbst?] Bei dieser Konferenz hob man die „Association Internationale Africaine“, die Internationale Afrika-Vereinigung, aus der Taufe und erkor ausgerechnet diesen Mann zu deren Präsidenten. Diese Vereinigung sollte künftig Unternehmungen zur „wissenschaftlichen Erforschung der unbekannten Teile Afrikas”, zur „Zivilisierung des inneren Afrika” und zur „Unterdrückung des Sklavenhandels” koordinieren. Unter diesem Deckmantel riss er sich das Kongo-Becken als privaten Besitz von 1885 bis 1908 unter den Nagel und beutete das Land schonungslos aus, vor allem wegen des Kautschuks, den Dunlop [1888 Patent auf Gummireifen] und Goodyear für die aufkommende Reifenproduktion benötigten. Die Schiffe fuhren beladen mit Kautschuk, Gold und Elfenbein nach Europa und kehrten mit Waffen beladen zurück nach Afrika. Wer von den Eingeborenen das Soll nicht erfüllte, wurde kurzerhand erschossen. Den Offizieren musste von jedem Erschossenen eine abgehackte Hand als Beweis für den zweckmäßigen Gebrauch der teuren Munition vorgelegt werden. Jagd auf Tiere war den Soldaten deshalb verboten, und wer es doch tat, hackte einfach lebenden Menschen für jede verschossene Kugel die geforderten Hände ab – Körbe voll Hände trafen bei der Verwaltung ein. Manchmal „erlegten“ sie auch einfach zum Zeitvertreib die Einheimischen. Offiziere schmückten ihre Gartenzäune mit Köpfen von Erlegten. Dies alles nur die Spitze des Berges der Gräueltaten, von denen wir u. a. aus Tagebüchern des schwedischen Geistlichen Sjöblom und auch durch den Schriftsteller Joseph Conrad („Heart of Darkness“, 1899) wissen! (Quelle auch Adam Hochschild, „King Leopold’s Ghost“, 1998) Eine angekündigte Fernsehdokumentation darüber wurde dreimal verhindert, bis sie doch gesendet werden konnte.

Wer war nun dieser Mann, der dies alles als Landesherr des sgn. „Kongo-Freistaates“ zumindest duldete um seines Profites willen und mit hohen Bestechungsgeldern die öffentliche Meinung zum Schweigen zu bringen versuchte? Es war der sich verlogen christlich-humanitär gebende König der Belgier, Leopold II. aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha (1835-1909) – heute noch tragen Straßen und Plätze seinen Namen. –

 

III.

Ebenfalls in Zentralafrika liegt die ehemalige französische Kolonie Gabun, nur durch Französisch Kongo (heute Republik Kongo) von Belgisch Kongo (heute Demokratische Republik Kongo) getrennt (alle Staaten seit 1960 unabhängig). Hier gründete Albert Schweitzer 1913 sein Urwaldspital Lambarene, also nur vier Jahre nach Leopolds Tod.

Völlig konträr zu der Doppelzüngigkeit Leopolds bezeugen die Worte Schweitzers einen anderen Geist der Wahrhaftigkeit: „Zuletzt ist alles, was wir den Völkern der Kolonien Gutes erweisen, nicht Wohltat, sondern Sühne für das viele Leid, das wir Weiße von dem Tage an, da unsere Schiffe den Weg zu ihren Gestaden fanden, über sie gebracht haben.“ (AS, „Wir Epigonen“, München 2005, S. 338) „Draußen in den Kolonien geht es trostlos zu. Wir – die christlichen Nationen – schicken den Abschaum unserer Gesellschaft hin; wir denken nur daran, wie wir aus den dortigen Menschen viel herausziehen … kurz, was draußen vorgeht, ist ein Hohn auf Menschlichkeit und Christentum. Soll die Schuld einigermaßen gesühnt werden, so müssen wir Menschen hinausschicken, die im Namen Jesu Gutes tun, nicht ,bekehrende Missionare’, sondern Menschen, die das an den Armen tun, was man tun muss, wenn die Bergpredigt und die Worte Jesu zu Recht bestehen. Bringt das Christentum das nicht fertig, so ist es gerichtet.“ (zitiert nach Peter Münster, „Albert Schweitzer“, München 2010, S. 27f)

Auf der einen Seite ein „allerchristlichster“ König mit Phrasen der Humanität auf den Lippen, die ihm als Tarnung dienen, während er in Wahrheit vom Schreibtisch aus zum brutalen Massenmörder aus Profitgier wird. Nie hat er sich selbst in den Kongo (und damit in Gefahr) begeben. – Auf der anderen Seite Schweitzer, der seinen zwei Doktortiteln (in Philosophie und Theologie) einen dritten in Medizin hinzufügt und auf eine gesicherte Existenz und Karriere als Hochschullehrer für Neues Testament und als gefragter Organist verzichtet, um vor Ort im mörderischen Klima Afrikas als Arzt die physische Not der Eingeborenen zu lindern, dabei Gesundheit und Leben riskierend.

[Er tut dies, einfach weil es getan werden muss, aus innerer Notwendigkeit dem Ruf Jesu folgend und zugleich in der Haltung eines Idealismus, der seinen Lohn in sich selbst trägt und nicht von äußerer Beachtung und Anerkennung abhängt. Dies mag ein Grund sein, dass ihm später diese Anerkennung im Übermaß zuteil wurde, gerade, weil er sie nicht gesucht hat – dann allerdings mit der Verklärung zur Legende und zum Heiligen, der er nicht war (seine Tochter Rhena bezeugte das mehrfach).]

 

IV.

Wozu diese Einleitung? Vor diesem Hintergrund dürfte überdeutlich werden, wie verfehlt es ist, Schweitzer als Kolonialisten oder gar Rassisten zu interpretieren, wie dies zunehmend in jüngster Zeit z.B. in Fernsehreportagen und sogar in der Dissertation eines Afrikaners aus Gabun geschieht, der ihm u.a. die Jagd nach einem Vorzugsplatz im Himmel unterstellt (!). Dies alles nur, weil er sein Spital mit der notwendigen Autorität eines Patriarchen führte und auch gelegentlich eine Ohrfeige erteilte. Oder auch, weil er, dem Sprachgebrauch seiner Zeit folgend, noch von „Negern“ und „primitiven Völkern“ sprach und davor warnte, die afrikanischen Staaten zu früh in die Selbstständigkeit zu entlassen. Er sah sich selbstbewusst als der ältere Bruder der Eingeborenen – aber eben doch als Bruder und nicht als Besitzer und Ausbeuter, wie wir es bei Leopold II. sahen. Als solcher war er als Herr zugleich ihr erster Diener, der keinerlei Profit aus den Menschen zog – ganz im Gegenteil: er steckte sein dafür erbetteltes Vermögen in dieses Abenteuer und opferte seine finanzielle Unabhängigkeit – nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er krank und hochverschuldet als Reichsdeutscher in französischer Kriegsgefangenschaft nach Europa zurück!

 

V.

Auch Schweitzers Christentum wird gegenüber dem Leopolds mehr als deutlich. Es verschmilzt in Wort und Tat völlig mit seiner Humanität. Er lässt aus Ehrfurcht jedem seinen persönlichen Glauben. Aber nicht derjenige ist für ihn Christ, der verbal bekennt, an Jungfrauengeburt und Gottessohnschaft, Sündenvergebung durch Jesu Sühnetod am Kreuz und deren Vergegenwärtigung im Abendmahl, Trinität und selbst Auferstehung zu glauben, sondern der, der auf Jesu Ruf „Du aber folge mir nach“ schlicht mit „Herr, hier bin ich“ antwortet, der ohne viele Worte sein Kreuz des Dienens mit allen Konsequenzen auf sich nimmt, wie Schweitzer es in wahrer Demut tat. Mit Erich Kästner gesprochen: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Als Jesus an seine Jünger herantrat und sie zur Nachfolge aufrief, hielt er auch nicht erst eine dogmatische Glaubensprüfung zur Zulassung ab. Was allein zählte, war die unbedingte Nachfolge, nicht Lippenbekenntnisse. In dem Satz „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mtth. 25, 40) gipfelt für Schweitzer sein Christsein. Für ihn ist Jesus der dies gebietende „Herr“ und nicht der „Bruder“, wie es heute so oft zu hören ist. Daneben sind ihm alle theologischen Spitzfindigkeiten zweitrangig. Er warnt sogar vor denen, die von Gott reden, „als hätten sie mit ihm gefrühstückt“: „Bruder Mensch: Aus Frömmigkeit nicht von Gott reden.“ (K III 1+2, S. 441)

Schweitzer ist sich durchaus bewusst, dass manche seine Auffassung nur für Atheismus halten können (siehe z. B. Brief von Silvester 1905 an Helene Bresslau, AS+HB, S. 125: „Du und ich, wir müssen unsere Religion zeitlebens in uns verschließen und geheim halten, denn was für uns Gott und Unsterblichkeit sind, das können andere nur als Atheismus und Negation der Seele verstehen. Es ist uns genug zum Leben und zum Sterben … in unserer Armut sind wir reich und einst wird die ganze Welt so arm werden um wieder reich zu werden, nachdem sie die erborgten und hypothekenbelasteten Güter verloren hat, die jetzt zur Ausstattung der Religion gehören.” In anderen Briefstellen wird er deutlicher: „Käme ich morgen zu dem Schluss, dass es keinen Gott gibt und keine Unsterblichkeit und dass die Moral nur eine Erfindung der Gesellschaft ist – dann würde mich das überhaupt nicht berühren. Das Gleichgewicht meines inneren Lebens und das Bewusstsein meiner Pflicht wären nicht im geringsten erschüttert. Das erfüllt mich mit heiterem Stolz. Ich lerne das Lachen.” [AS+HB, S. 42] Und zur Unsterblichkeit: „Ich habe eine Vorstellung von der Unsterblichkeit: das, was an uns unvergänglich, immateriell ist, das sind unsere Gedanken. Wir leben, wenn unsere Gedanken in anderen wiedergeboren werden. Deshalb leben Sokrates und Christus. Das ist die lebendige Unsterblichkeit! Wozu noch eine andere?” [AS+HB, S. 70]). In Vorfreude auf sein zukünftiges unmittelbares menschliches Dienen hatte er am 1.5.1904 an Helene Bresslau, seine zukünftige Frau, geschrieben: „Und dann das Recht haben, ein Ketzer zu sein! Nur Jesus von Nazareth kennen; die Fortführung seines Werkes als einzige Religion haben, nicht mehr ertragen zu müssen, was das Christentum an Plebejischem, an Vulgärem an sich hat. Nicht mehr die Angst vor der Hölle kennen, nicht mehr nach den Freuden des Himmels trachten, nicht mehr diese falsche Furcht haben, nicht diese falsche Unterwürfigkeit, die ein wesentlicher Bestandteil der Religion ist – und doch wissen, daß man Ihn, den einen Großen, versteht und daß man sein Jünger ist. Gestern las ich das 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, weil ich so sehr den Vers liebe: «Was ihr getan habt einem dieser Geringsten unter meinen Brüdern, das habt ihr mir getan.» Aber wo beim Jüngsten Gericht von der Scheidung der «Schafe und der Böcke» die Rede ist, da lächelte ich: Ich will nicht zu den Schafen und im Himmel treffe ich sicher eine ganze Gesellschaft, die ich nicht mag: St. Loyola, St. Hieronymus, und ein paar preußische Oberkirchenräte – und mit diesen allen freundlich tun und den Bruderkuss austauschen? Nein, ich verzichte, lieber in die Hölle, dort ist die Gesellschaft weniger gemischt. Mit Julian Apostata, Caesar, Sokrates, Platon und Heraklit läßt sich schon ein anständiges Gespräch führen.“ (AS+HB, S. 68)

So wollte und will man ihm in manchen Kreisen absprechen, dass er noch Christ sei. Es verwundert auch nicht, dass die Pariser Missionsgesellschaft ihn zunächst als Missionar ablehnte, da er zwar „die rechte christliche Liebe, aber nicht den rechten Glauben“ habe. Darauf studierte er Medizin, um „stumm wie ein Karpfen“ in Afrika wirken zu können. Er hielt fest an dem Satz: „Wir lassen es uns nicht nehmen, dass der rechte Glaube an das Evangelium sich in der Betätigung desselben zu erweisen habe.“ (RGCh, S. 358) Schlicht als Jünger Jesu am Reiche Gottes mitzuarbeiten, ist ihm mehr als genug.

 

VI.

Aktuelle Zwischenbemerkung: Wieviel wäre gewonnen, wenn man sich im heutigen aggressiv aufflammenden Dialog etwa zwischen Christen und Moslems bei Talkshows in diesem aufgeklärten Geist begegnen könnte, statt sich gegenseitig Verse und Suren zur Frauenunterdrückung oder Gewaltaufrufen um die Ohren zu schlagen, man findet sie in Bibel und Koran gleichermaßen! Der jüdische Bibelforscher Pinchas Lapide sagte einmal, man könne die Bibel wörtlich oder ernst nehmen. Der Geist ist’s, der da lebendig macht. Und dass der Buchstabe tötet, erleben wir heute im wörtlichen Sinn: am 22.11. z.B. hörte man die Nachricht vom Überfall einer islamischen Terrormiliz auf einen Bus in Kenia, bei dem alle, die nicht auf Arabisch aus dem Koran vorlesen konnten, sofort erschossen wurden.

 

VII.

Nun überspringe ich die Darlegung von Schweitzers Theologie, die man „konsequente Eschatologie“ nennt und die wir noch streifen werden. Ich komme zum gerade gefallenen Begriff Reich Gottes zurück.

Schweitzer ist erfüllt von Hoffen und Sehnen nach der Verwirklichung des Reiches Gottes, der zentrale Begriff seiner Theologie. Reich Gottes als ethische Größe, als Ernstmachen mit wahrer Humanität, ist der Motor für all sein Tun auf allen Gebieten. Das Vaterunser ist ihm als eigentliches Glaubensbekenntnis der „Polarstern des christlichen Glaubens“ (RGCh, S. 351 ff.).  Die Bitte „Dein Reich komme“ im Vaterunser ist für ihn nicht mehr die Bitte um Gottes Handeln in einer apokalyptisch hereinbrechenden Umgestaltung der Welt wie in der spätjüdischen Eschatologie. Bereit sein für das Reich Gottes heißt für ihn, bereit sein, hier und jetzt selber Hand anzulegen und Erlösung von Leid zu bringen, wo immer es möglich ist. Reich Gottes ist für ihn nichts zu Erwartendes, sondern etwas zu Verwirklichendes, nicht Endlösung, sondern ständige Aufgabe. – Konkretes Beispiel: Eine in Gebeten oft zu hörende Bitte „Herr, mache Frieden in der Welt“ würde er als Missbrauch Gottes als Weltpolizisten verstehen, ja als Abwälzen der Verantwortung, es nicht selbst zu tun, angefangen vom Frieden in unseren Herzen bis hin zum Weltfrieden. Es ist unsere, nicht Gottes Schuld, wenn kein Friede in der Welt ist. Und Gottes Namen zur Kriegshetze zu missbrauchen, ist die denkbar größte Perversion einer Religion. Bei der Terrormiliz IS erleben wir dies erneut, aber dies hat eine lange Tradition vom Alten Testament über Kreuzzüge und Religionskriege bis zum Ersten Weltkrieg: der Schriftzug „Gott mit uns“ schmückte die Koppelschlösser der Soldaten (als Kinder spielten wir noch damit), und namhafte Theologen segneten Waffen und feuerten die Kämpfer in Gottes (und zudem Luthers!) Namen an. Ja, noch George W. Bush führte seinen Glauben und Gott ins Feld, als er den auf Lüge basierten Irak-Krieg wie einen Kreuzzug begann – Bischof Tutu wollte ihn und Tony Blair dafür vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag sehen.

 

Hier setzt auch Schweitzers Kritik an der „Amtskirche“ jeglicher Form ein. 1948 schreibt er: „Die Kirche muss sich bewusst bleiben, ständig in Gefahr zu sein, an die Stelle des Reiches Gottes treten zu wollen, statt ihm zu dienen.“ (RGCh, S. 391) Luther spricht hier übrigens von der sichtbaren und unsichtbaren Kirche. Bereits in seiner letzten Vorlesung als Privatdozent an der Universität Straßburg am 29. Februar 1912 sagte Schweitzer dazu: „Wer das sieht, kann darauf, dass die Kirche Selbstzweck geworden ist, nur mit Hass blicken. Keiner liebt das Christentum, der nicht diesen Hass erlebt hat; aber er liebt es zugleich mit wissendem Hass, da ihm klar ist, dass das Gute, das dort gebunden ist und fast als negative Gewalt wirkt, nicht frei wird dadurch, dass die Zertrümmerung mit blinder Gewalt geschieht (…) Das Böse überwinden mit Gutem! (…) Hassend muss man wissen, dass nur der religiöse Geist hassen darf, weil er nicht das Religiöse an sich hasst, sondern nur seine Gebundenheit, in der es dort hemmend wirkt.“ (StrV, S. 718f)

Die Lebendigkeit der Kirche hängt für Schweitzer nicht an einer äußerlichen Rechtgläubigkeit, an verbalen Bekenntnissen oder etwa an Bemühungen um liturgische Umgestaltung der Gottesdienste in modernere Formen, noch erwartet er sie davon. Einzig, wie viel gemeinschaftsstiftendes Sehnen nach der Verwirklichung des Reiches Gottes in ihr glüht, ist für ihn der Maßstab, wie lebendig oder tot Kirche ist.

Auch über Theologieprofessoren, wie er nie einer werden wollte, findet er wenig schmeichelhafte Worte: „Tempelhüter sind sie und brave Seelen, wohlbestallte Diener der Obrigkeit, Bücherschreiber auch, belesen, beflissen und groß im gegenseitigen Polemisieren über Dinge, die außer der Zunft niemanden interessieren. Wo bleibt das christliche Feuer? Ich ersticke in dieser Atmosphäre. Die Fronten verlaufen ganz anderswo.” (nach Gräßer, S. 12)

 

Von nichts und niemandem lässt Schweitzer sich das Recht streitig machen, selbst schöpferisch zu denken. Als Prediger ist er davon überzeugt, „dass man nur mit eigenen Gedanken predigen kann. Dass man uns das in den Predigtübungen nicht gesagt hat, werfe ich den Professoren zeitlebens vor. Sie haben uns zu geschickten Handwerkern machen wollen, aber sie wollten nicht höher mit uns hinaus.” (AS+HB, S. 63) Religion ist für ihn nicht etwas, das das Denken ersetzt, sondern das es voraussetzt (K III 1+2, S. 468, K III 3+4, S. 383). „Das verlorene Schaf ist heute der Mensch, der das Bedürfnis des Denkens hat. Aber die Kirche sendet nach diesem verlorenen Schaf keinen Hirten aus…“ (RGCh, S. 391) Selbständig Denkende sind nicht nur kirchlichen Organisationen suspekt. Die Zukunft des Christentums hängt für Schweitzer mit davon ab, „ob es denkenden Menschen das sein wird, was es ihnen sein kann und sein soll, oder ob es sich ganz auf nichtdenkende einstellen will.“ (RGCh, S. 344) Die Kirche blockiert nach Schweitzer gerade den Denkenden den Zugang zur Ethik, indem sie sie nur in Verbindung mit überholten dogmatischen Vorstellungen gelten lassen will (StrV, S. 718). So macht ihm die Religion heute „den gleichen Eindruck wie ein afrikanischer Fluss in der Trockenzeit – ein großes Flussbett, Sandbänke und dazwischen ein schmaler Wasserlauf, der sich seinen Weg sucht.“ (bei Seaver, S. 362)

 

Die Idee des Reiches Gottes ist bei Schweitzer das Bindeglied zwischen seiner Theologie und seiner Kulturphilosophie: in ihr ist die Einheit seines Denkens verankert. „Einzig durch die Reichgottesidee gelangt die Religion in Verbindung mit der Kultur.“ (bei Seaver, S. 364) Seine Bemühungen um das Reich Gottes und seine Bemühungen um die Kultur, d. h. „Reich Gottes“ und „Kulturstaat“, sind bei ihm identisch, wobei sich dieser Begriff bei ihm haushoch durch seine ethische Qualität unterscheidet vom menschenverachtenden „Gottesstaat“, den religiöse Fanatiker heute errichten wollen. So bleibt er als Theologe Kulturphilosoph und als Kulturphilosoph Theologe und als beides immer er selbst. Der so genannte Kulturprotestantismus, von manchen Kreisen belächelt, wird von ihm hoch geschätzt (RGCh, S. 354 ff). Für ihn ist der Protestantismus geradezu kulturtragend, weil für ihn zu seinem Wesen gehört, „dass er eine Kirche ist, die nicht kirchgläubig, sondern christgläubig ist. Dadurch ist ihm verliehen und aufgegeben, durchaus wahrhaftig zu sein. Hört er auf, unerschrockenes Wahrheitsbedürfnis zu besitzen, ist er nur noch ein Schatten seiner selbst und damit untauglich, der christlichen Religion und der Welt das zu sein, wozu er berufen ist.“ (GW 3, S. 36) Wahrhaftigkeit sich selbst und anderen gegenüber ist für Schweitzer das zentrale Fundament allen geistigen Lebens überhaupt.

 

VIII.

Kommen wir nun zu Schweitzers Philosophie:

Vom Denken verlangt Schweitzer, dass es „elementar“ sei, d. h. dass es ausgeht von den Grundfragen, die uns entweder bedrängen, oder die wir verdrängen, die uns aber immer umgeben. Was ist der Sinn meines Daseins und welchen Inhalt soll mein Leben haben? „Was bedeuten die Gesellschaft, in der ich lebe, und ich selber in der Welt? Was wollen wir in ihr? Was erhoffen wir von ihr?“ (K I, S 63) Fragen, auf die sowohl Religion wie Philosophie eine Art Antwortversuch darstellen.

Der Verzicht auf das Denken, eigenes Denken, gilt ihm als Hauptursache des Niederganges der Kultur. Mit „Denken“ meint er kein auf mathematisch-logische und abstrakt-funktionale Kausalität reduziertes Denken, das den Denkenden selbst ausschließt, so, als ob dieser betrachtend neben sich und der Welt als Objekt stünde, statt sich als Subjekt in ihr zu erleben – eigenes Denken muss also für Schweitzer subjektiv-verbindlich sein (siehe K III 1+2, S. 455: „Die Angst vor dem Subjektivismus! (…) Der tiefe Subjektivismus hat den Wert des Objektiven, hat objektive Geltung.“). Denn Denken ist für ihn die Auseinandersetzung all dessen, was sich in mir an Wollen, d. h. auch an Gefühlen, überhaupt regt, mit all dem,  was ich außerhalb von mir von der Welt erkenne. Sein Denken ist im wahrsten Sinne des Wortes ganzheitlich, zugespitzt: er denkt mit Hirn, Herz und Hand. In mir erkenne ich als Elementarstes den Willen zum Leben. Auch außerhalb von mir treffe ich überall auf diesen (Über-)Lebenswillen. Also lautet nach Schweitzer der elementarste Satz meines Bewusstseins: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Da ich nicht anders kann, als diesem geheimnisvollen, weiter nicht zu ergründenden Lebenswillen in mir Ehrfurcht entgegen zu bringen, muss ich aus innerer Notwendigkeit allem anderen Willen zum Leben außerhalb von mir ebenso begegnen und ihm die selbe Ehrfurcht erweisen als Tat der Wahrhaftigkeit. Schweitzer spricht von „mystischer Ethik“ und „ethischer Mystik“ und bezeichnet sich als „Mystiker der Tat“, denn er wird eins mit diesem unergründlichen Willen in ihm, indem er ihn tätig auf seinen höchsten Wert bringt. So gelangt er zu seiner berühmten „Ehrfurcht vor dem Leben“. Sie hält er für das Grundprinzip aller Ethik und sogar für das ins Universelle erweiterte Liebesgebot Jesu – er, Schweitzer, sieht sich also als Vervollkommner der Ethik Jesu! Von hier aus erhält sein Handeln einen sittlichen Wert: Gut ist, Leben zu erhalten und zu fördern und auf seinen höchsten Wert zu bringen – böse ist, Leben zu vernichten und es in seiner Entwicklung zu hemmen und zu schädigen. Damit ist Welt- und Lebensbejahung gegeben als Basis für einen Optimismus, der für Schweitzer keine Erkenntniskategorie, sondern eine Kategorie des auf Veränderung der Welt gerichteten Wollens ist. Er bezeichnete sich selbst als Pessimisten des Erkennens, aber als Optimisten des Wollens. –  Aber auch Lebensverneinung ist darin enthalten, denn um anderem Leben seinen Entfaltungsraum zu lassen, muss ich mich freiwillig selbst in gewissen Grenzen zurücknehmen, d. h. ich hindere bewusst meinen Willen zum Leben um des anderen willen am zügellosen egoistischen Sichausleben. Andererseits beinhaltet diese Ethik die Forderung nach Verinnerlichung, Sammlung und Selbstvervollkommnung. Hier muss auch die Musik genannt werden, die für den Organisten Schweitzer Meditation im Geiste war und die leider in meinen heutigen Ausführungen zu kurz kommt. Zur Selbstvervollkommnung gehört gerade, dass ich auch mein eigenes Leben auf den höchsten Wert bringen soll. Bildung ist in diesem Sinne auch immer Selbstbildung und als solche Selbstzweck. [eventuell Musikbeispiel]

Etwas schlagwortartig könnte man heute als Forderung erweitern: Bildung statt nur Ausbildung, d. h. Erkenntnisse, die man nur selbst gewinnen kann, statt nur testbare Kenntnisse – Kenntnisse erhalte ich passiv durch die Einbahnstraße des Informationsflusses, mit Erkenntnis antworte ich aktiv darauf durch eigenes Denken. Da fällt mir ein Wort von Karl Kraus ein: „Es passt viel Wissen in einen hohlen Kopf.“ Klar ist, dass Schweitzer unter Bildung etwas anderes versteht, als das bei PISA Getestete oder bei BOLOGNA Geforderte. Ihr Ideal ist nicht die selbstständig denkende, unabhängige und kritische Persönlichkeit im Sinne Schweitzers, die für Werte wie Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit einsteht. Ihr Ziel ist eher der gut ausgebildete, flexible, angepasste und stromlinienförmige Mitläufer, der im globalen Wirtschaftsprozess reibungslos und damit effektiv funktioniert – der Schüler bzw. Student als von der Wirtschaft bestellte Ware und sofort verwendbares Endprodukt (Humboldt nannte die noch unumwunden „nützliche Idioten“ – hoch ausgebildet, aber nicht gebildet). „Ethik“ dient hier allenfalls als werbewirksames Et(h)ikett.

Der ganze Unterschied zu Schweitzer wird deutlich, wenn ich seinen Satz „Gut ist, Leben zu erhalten und zu fördern und auf seinen höchsten Wert zu bringen“ nur etwas abwandle im Sinne dieser Ökonomisierung der Verhältnisse: „Gut ist, Leben zu erhalten und zu fördern und auf seine höchste Verwertbarkeit zu bringen.“ Und schon ist das Leben statt Subjekt nur noch nützliches Objekt, statt Zweck nur noch verwertbares Mittel!

 

IX.

Damit zurück zu Schweitzer:

Seine Ethik umschließt bereits bekannte Grundsätze, von der Volksweisheit „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu“ bis hin zu „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Sie greift Volksweisheit und gesunden Menschenverstand auf, aber vertieft sie und führt sie weiter. Denn noch etwas folgt darüber hinaus aus Schweitzers Grundprinzip: Diese Ethik hat es nicht nur, wie die meiste bisherige Ethik, mit dem Verhalten von Mensch zu Mensch allein zu tun, sondern mit dem Verhältnis zu allem Lebendigen, die Tiere eingeschlossen, ja sogar zu allem, was dem Leben dient (K III 1+2, S. 463). Man denke hier nur an die Umweltproblematik, um zu erkennen, dass in dieser Ethik ein ungeheures Potential für unsere Zeit schlummert, auch wenn Schweitzer von der philosophischen Fachzunft bisher ignoriert wurde und in kaum einer Philosophiegeschichte erwähnt wird. Heute kommt zur Frage, wozu wir leben, bedrohlich die Frage, wovon wir in Zukunft leben hinzu. Erhellend ist hier folgendes Wortspiel: Wenn die Schöpfung nur noch der Abschöpfung um rein wirtschaftlicher Wertschöpfung willen dient, führt dies unweigerlich zur Erschöpfung der Ressourcen.

 

Eine auf Ehrfurcht vor dem Leben gegründete Ethik führt unablässig in Konflikte: ich muss anderes Leben töten, um selbst zu überleben. Dies hat Schweitzer nicht übersehen („Selbstentzweiung des Willens zum Leben“). Im Gegenteil: gerade diese Konflikte fachen die Glut der Ethik an. Es ist eine ausgesprochene Gesinnungs- und Verantwortungsethik: nie darf der Einzelne aus der letzten Verantwortung für sein Tun entlassen werden, dessen Notwendigkeit in jedem einzelnen Fall und immer wieder neu nach bestem Wissen und Gewissen zu erwägen ist. Nie darf Töten (oder auch nur Schädigen) routinemäßig oder gedankenlos betrieben werden. Für seine Entscheidung steht jeder für sich in voller Verantwortung. Und wenn er doch töten muss, soll er wachsam, wo immer es möglich ist, Leid vermindern und Leben retten helfen als eine Art Sühne für die zwangsweise tragisch aufgeladene Schuld des Tötenmüssens. Durch Hingabe wird er eins mit dem unendlichen Lebenswillen und damit zum „Mystiker der Tat“, indem er die Selbstentzweiung des Willens zum Leben, so weit ihm möglich ist, aufhebt. So trägt diese Ethik den Motor, Gutes zu tun, in sich selbst. Diese Ethik bietet also keine einfachen Patentlösungen, sondern hält das Gewissen ständig aufs Äußerste geschärft und sieht in Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit und Abstumpfung ihre größte Bedrohung. Also kein gutes Gewissen als Ruhekissen, denn für Schweitzer ist das gute Gewissen „eine Erfindung des Teufels“!

 

X.

Soweit führte uns die Anschauung des Lebens, dessen Teil wir sind. Er nennt das Lebensanschauung.

Und nun schauen wir uns die Welt außerhalb von uns an und kommen damit zur Weltanschauung. Dahinter steht wiederum das von der jeweiligen Naturwissenschaft gelieferte Weltbild.

Natürlich muss das Weltbild auf dem neuesten Stand der Forschung sein, aber die daraus zu gewinnende Weltanschauung ist immer noch Sache des Denkens, vor allem, was die Sinnfrage betrifft. Naturwissenschaft bietet grandiose Antworten auf die Wie-Frage, beim Warum tut sie sich schon schwerer, aber bei der Sinnfrage muss sie passen (der durchs Fernsehen bekannte Astrophysiker Harald Lesch betont dies immer wieder).

Auch hier hat Schweitzer einen interessanten, bisher wenig beachteten Ansatz zu bieten.

 

Unbewusst oder bewusst besteht in uns ein Verlangen, das richtige, sinnvolle Handeln, also die Ethik und überhaupt den Sinn des Lebens, aus Welterkenntnis abzuleiten und es im Weltganzen als sinnvoll zu begreifen. Dies führte und führt oft dazu, dass auf dieses Weltganze ein Sinn projiziert wird, den uns eigentlich die Lebensanschauung eingeflüstert hat, und den wir nun, nach geglückter Selbsttäuschung, mit gewisser Genugtuung wieder aus unserer Erkenntnis der Welt herauszulesen meinen (Hegel konnte noch sagen: „Um so schlimmer für die Wirklichkeit.“, wenn seine Deutung nicht der Wirklichkeit zu entsprechen schien). Diese Projektion zeigt sich auch in der oft konfliktreichen und kränkenden, weil die Eitelkeit verletzenden Ablösung des zunächst geozentrischen, dann heliozentrischen Weltbildes; nach dessen Unhaltbarkeit, und nachdem der Mensch aus dem Zentrum ins x einer Formel gerollt war, deuten viele heute die Feinabstimmung der Naturgesetze und –konstanten wieder anthropozentrisch, als hätte das ganze Universum nur ein Ziel: den Menschen hervorzubringen. Aus Wahrhaftigkeit, diesem Zentralbegriff in seinem Denken, will Schweitzer hier gründlich aufräumen. „Wenn das Denken sich auf den Weg macht, muss es auf alles gefasst sein, auch darauf, dass es beim Nichterkennen anlangt.“ (K I, S. 78 – anders K III 1+2, S. 284 und 300, und K III 3+4, S. 26!) Wahrhaftig denkend gelangt er zu einem radikal skeptischen und pessimistischen Ergebnis, indem er sich als Agnostiker in Bezug auf die Erkenntnis des Sinnes der Welt bekennt: „Die Aussichtslosigkeit des Unternehmens, den Sinn des Lebens in dem Sinn der Welt zu begreifen, ist zunächst damit gegeben, dass in dem Weltgeschehen keine Zweckmäßigkeit offenbar wird, in die das Wirken der Menschen und der Menschheit irgendwie eingreifen könnte. Auf einem der kleineren unter den Millionen von Gestirnen leben seit einer kurzen Spanne Zeit Menschenwesen. Auf wie lange? Irgendeine Herabsetzung oder Steigerung der Temperatur der Erde, eine Achsenschwankung des Gestirns, eine Hebung des Meeresspiegels oder eine Änderung in der Zusammensetzung der Atmosphäre kann ihrem Dasein ein Ende setzen. Oder die Erde selber fällt wie so manches andere Gestirn irgendeiner kosmischen Katastrophe zum Opfer. Was wir für die Erde bedeuten, wissen wir nicht. Wie viel weniger dürfen wir uns dann anmaßen, dem unendlichen Universum einen auf uns zielenden oder durch unsere Existenz erklärbaren Sinn beilegen zu wollen!“ (K II, S. 293, siehe auch K III 1+2, S. 167ff, 235ff und 307 ff) Mit diesem Eingeständnis glaubt Schweitzer so etwas wie eine kopernikanische Wende im abendländischen Denken herbeizuführen: „Ich glaube der erste im abendländischen Denken zu sein, der dieses niederschmetternde Ergebnis des Erkennens anzuerkennen wagt und in bezug auf unser Wissen von der Welt absolut skeptisch ist, ohne damit zugleich auf Welt- und Lebensbejahung und Ethik zu verzichten. Resignation in bezug auf das Erkennen der Welt ist für mich nicht der rettungslose Fall in einen Skeptizismus, der uns wie ein steuerloses Wrack in dem Leben dahintreiben lässt. Ich sehe darin die Wahrhaftigkeitsleistung, die wir wagen müssen, um von da aus zu der wertvollen Weltanschauung, die uns vorschwebt, zu gelangen. Alle Weltanschauung, die nicht von der Resignation des Erkennens ausgeht, ist gekünstelt und erdichtet, denn sie beruht auf einer unzulässigen Deutung der Welt.“ (K II, S.86/87) Deshalb fordert Schweitzer den Verzicht auf jederlei Bindung der Ethik an eine Deutung der Welt (religiös gesprochen heißt das bei ihm „anders sein als, bzw. frei sein von der Welt“). Allein aus der Lebensanschauung soll die Ethik ihre Kraft beziehen und wahrhaftig, und damit freier und tüchtiger als zuvor für ihre Aufgabe werden, die Welt positiv zu verändern. So verzichtet er auf ein in sich geschlossenes, weil gekünsteltes philosophisches System: Er ergab sich aus Wahrhaftigkeit resignierend und zugleich innerlich triumphierend darein, den Dom unvollendet lassen zu müssen. Nur den Chor brachte er fertig. In diesem aber feierte er lebendigen und unaufhörlichen Gottesdienst (s. KII/335).

 

XI.

Ich komme zu einer Schlussbetrachtung: Nun dürfte klar geworden sein, dass für Schweitzer der „Glaube im kirchlichen Sinn“ wenn nicht gerade überholt, so doch einfach zu eng war. Er glaubte an „die große Renaissance, in der die Menschheit entdeckt, daß das Ethische die höchste Wahrheit und die höchste Zweckmäßigkeit ist. (…) Ein schlichter Wegbereiter dieser Renaissance möchte ich sein und den Glauben an eine neue Menschheit als einen Feuerbrand in unsere dunkle Zeit hineinschleudern.“ (K II, S. 95) Welch eine Größe läge in dem geistigen Fortschritt, wenn sich die Weltreligionen auf dieses Ethische als kleinsten gemeinsamen Nenner einigen könnten. Dabei könnten sie ihre jeweilige Individualität beibehalten, die sozusagen nur die Schale dieses gemeinsamen Kernes ist. Stattdessen streiten wir um das Gefäß und verschütten dabei den Inhalt. Bei fernöstlichen Denkern fand Schweitzer bereits großen Anklang.

Der von ihm selbst gesprochene Text „Mein Wort an die Menschen“, in den wir anschließend kurz hineinhören wollen, beginnt mit den Worten: „Ich rufe die Menschheit auf zur Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben.“ Wer so redet, wie auch in dem zuvor Zitierten, muss das Selbstbewusstsein eines Propheten haben.

Wahrhaft groß bleibt Schweitzer in seiner ethischen Haltung, d. h. darin, dass er sich die Fragen des Urgrundes seines Seins nicht nur stellte, sondern sich ihnen mit seiner ganzen Existenz zu stellen versuchte – unablässig bis zu seinem Tod im 91. Lebensjahr ringend.

Kraftvoll war Schweitzer auch, weil ihn eigentlich nur das wirklich interessierte, was ihn innerlich berührte und was ihm zur lebendigen Kraft werden konnte, was etwas in ihm auslöste. In seinem Leben und Denken spürt man in allem die persönliche Betroffenheit seiner Person und die völlige Unabhängigkeit vom Urteil anderer und des Zeitgeistes. In allem war er ganz er selbst, ein „Original“ im wahren Sinn des Wortes. Alles Epigonenhafte, bloß Nachahmende, archaistische Tendenzen und Historizismus lehnte er ab. Es ging ihm um die Schaffung neuer Ideale für seine Zeit, die er durch eigenschöpferisches Ringen aus der Vergangenheit und Gegenwart für die Zukunft gewinnen wollte. Persönlichkeiten der Vergangenheit dienten ihm allenfalls als Katalysatoren für eigene geistige Prozesse, nie als zu kopierende Vorbilder. Der Glaube an die Kraft des eigenen Geistes gab ihm den Mut, selbständig neben historische Größen zu treten und den Faden der Geschichte in der Gegenwart weiterzuspinnen.

Zum Schluss ein salopper Spruch des Physikers und bekannten Kabarettisten Vince Ebert, dem Schweitzer sicher zugestimmt hätte: „Denken Sie selbst – sonst tun’s andere für Sie!“

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Hörbeispiel, wenn noch Zeit: „Mein Wort an die Menschen“ von Albert Schweitzer, gesprochen 1964 in Lambarene (vollständig).

Links des Originaltons (2 Teile, mit Genehmigung des Herausgebers Herrn Dr. med. C. Staewen, der die Aufnahme gemacht hat): http://www.albert-schweitzer-weimar.de/ton/stimme1.mp3

http://www.albert-schweitzer-weimar.de/ton/stimme2.mp3

 

Hier der gedruckte Text:

„Ich rufe die Menschheit auf zur Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Diese Ethik macht keinen Unterschied zwischen wertvollerem und weniger wertvollem, höherem und niederem Leben. Sie lehnt eine solche Unterscheidung ab. Denn der Versuch, allgemeingültige Wertunterschiede zwischen den Lebewesen anzunehmen, läuft im Grunde darauf hinaus, sie danach zu beurteilen, ob sie uns Menschen nach unserem Empfinden näher oder ferner zu stehen scheinen. Das aber ist ein ganz subjektiver Maßstab. Wer von uns weiß denn, welche Bedeutung das andere Lebewesen an sich und im Weltganzen hat? Die Konsequenz dieser Unterscheidung ist dann die Ansicht, dass es wertloses Leben gebe, dessen Vernichtung oder Beeinträchtigung erlaubt sei. Je nach den Umständen werden dann unter wertlosem Leben Insekten oder primitive Völker verstanden.

Die unmittelbare Tatsache im Bewusstsein des Menschen lautet: ,Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.’ Diese allgemeine Bejahung des Lebens ist eine geistige Tat, in der der Mensch aufhört dahinzuleben, in der er vielmehr anfängt, sich seinem Leben mit Ehrfurcht hinzugeben, um ihm seinen wahren Wert zu geben. Der auf diese Weise denkend gewordene Mensch erlebt zugleich die Notwendigkeit, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen. So erlebt er das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm alsdann: Leben zu erhalten und zu fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert zu bringen. Als böse gilt ihm nun: Leben schädigen oder vernichten, entwickelbares Leben in der Entwicklung hindern. Dies ist das absolute und denknotwendige Grundprinzip des Sittlichen. Durch die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben kommen wir in ein geistiges Verhältnis zur Welt.

In meinem Leben habe ich immer versucht, in meinem Denken und Empfinden jugendlich zu bleiben, und habe stets von neuem mit den Tatsachen und meiner Erfahrung um den Glauben an das Gute und Wahre gerungen. In dieser Zeit, in der Gewalttätigkeit sich hinter der Lüge verbirgt und so unheimlich wie noch nie die Welt beherrscht, bleibe ich dennoch davon überzeugt, dass Wahrheit, Friedfertigkeit und Liebe, Sanftmut und Gütigkeit die Gewalt sind, die über aller Gewalt ist. Ihnen wird die Welt gehören, wenn nur genug Menschen die Gedanken der Liebe und der Wahrheit, der Sanftmut und der Friedfertigkeit rein und stetig genug denken und leben.

Alle gewöhnliche Gewalt in dieser Welt schafft sich selber eine Grenze, denn sie erzeugt eine Gegengewalt, die ihr früher oder später ebenbürtig oder überlegen sein wird. Die Gütigkeit aber wirkt einfach und stetig. Sie erzeugt keine Spannungen, durch die sie sich selbst aufhebt, sondern sie entspannt die bestehenden Spannungen, sie beseitigt Misstrauen und Missverständnisse. Indem sie Gütigkeit weckt, verstärkt sie sich selber. Deshalb ist sie die zweckmäßigste und intensivste Kraft. Was ein Mensch an Gütigkeit in die Welt hinausgibt, das arbeitet an den Herzen der Menschen und an ihrem Denken. Unsere törichte Schuld ist, dass wir nicht ernst zu machen wagen mit der Gütigkeit. Wir wollen immer wieder die große Last wälzen, ohne uns dieses Hebels zu bedienen, der unsere Kraft verhundertfachen kann. Eine unermesslich tiefe Wahrheit liegt in dem Worte Jesu: ,Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.’

Die Ehrfurcht vor dem Leben gebietet uns, den hilfsbedürftigen Völkern in der Welt Hilfe zu bringen. Den Kampf gegen die Krankheiten, von denen diese Völker bedrängt sind, hat man fast überall zu spät begonnen. Letzten Endes ist alles, was wir den Völkern der früheren Kolonien Gutes erweisen, nicht Wohltat, sondern es ist unsere Sühne für das Leid, das wir Weißen von dem Tage an über sie gebracht haben, da unsere Schiffe den Weg zu ihren Gestaden fanden. Es muss dahin kommen, dass Weiß und Farbig sich in ethischem Geist begegnen. Dann erst wird eine echte Verständigung möglich sein. An der Schaffung dieses Geistes zu arbeiten, heißt zukunftsreiche Politik treiben.

Wer durch menschliche Hilfe aus schwerer Not oder Krankheit gerettet wurde, der soll mithelfen, dass die, die heute in Not sind, einen Helfer bekommen, wie er einen hatte. Dies ist die Bruderschaft der vom Schmerz Gezeichneten. Ihr obliegt das menschliche und ärztliche Humanitätswerk bei allen Völkern. Aus den Gaben der Dankbarkeit soll dieses Werk getan werden. Ich will glauben, dass sich genug Menschen finden werden, die sich zu Opfern der Dankbarkeit erbitten lassen werden für die, die jetzt in Not sind.

Die Not aber, in der wir bis heute leben, ist die Gefährdung des Friedens. Zurzeit haben wir die Wahl zwischen zwei Risiken. Das eine besteht in der Fortsetzung des unsinnigen Wettrüstens in Atomwaffen und der damit gegebenen Gefahr des Atomkrieges, das andere im Verzicht auf Atomwaffen und in dem Hoffen, dass Amerika, die Sowjetunion und die mit ihnen in Verbindung stehenden Völker es fertig bringen werden, in Verträglichkeit und Frieden nebeneinander zu leben. Das erste Risiko enthält keine Möglichkeit einer gedeihlichen Zukunft. Das zweite tut es. Wir müssen das zweite wagen. Die Theorie, man könnte den Frieden dadurch erhalten, dass man den Gegner durch atomare Aufrüstung abschreckt, kann für die heutige Zeit mit ihrer so gesteigerten Kriegsgefahr nicht mehr in Betracht gezogen werden. Das Ziel, auf das von jetzt bis in alle Zukunft der Blick gerichtet bleiben muss, ist, dass völkerentzweiende Fragen nicht mehr durch Kriege entschieden werden können. Die Entscheidung muss friedlich gefunden werden.

Ich bekenne mich zu der Überzeugung, dass wir das Problem des Friedens nur dann lösen werden, wenn wir den Krieg aus einem ethischen Grund verwerfen, nämlich weil er uns der Unmenschlichkeit schuldig werden lässt. Ich habe die Gewissheit, dass der Geist in unserer Zeit ethische Gesinnung zu schaffen vermag. Deshalb verkünde ich diese Wahrheit in der Hoffnung, dass sie nicht als eine Wahrheit beiseite gelegt werde, die sich in Worten gut ausnimmt, für die Wirklichkeit aber nicht in Betracht kommt.

Mögen die, welche die Geschicke der Völker in Händen haben, darauf bedacht sein, alles zu vermeiden, was die Lage, in der wir uns befinden, noch schwieriger und gefahrvoller gestalten könnte. Mögen sie das wunderbare Wort des Apostels Paulus beherzigen: Soviel an euch liegt, habt mit allen Menschen Frieden! Es gilt nicht nur den einzelnen, sondern auch den Völkern. Mögen sie im Bemühen um die Erhaltung des Friedens miteinander bis an die äußerste Grenze des Möglichen gehen, damit dem Geiste der Menschlichkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben zum Erstarken und zum Wirken Zeit gegeben werde.“

 

 

Abkürzungen der Literaturangaben:

AS+HB = Albert Schweitzer – Helene Bresslau: Die Jahre vor Lambarene. Briefe 1902-1912 (München, 1992)

Gräßer = Erich Gräßer: Studien zu Albert Schweitzer (Bodenheim, 1997)

GW 3 = A. Schweitzer: Gesammelte Werke in 5 Bänden (München, 1974), Bd. 3, „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“

K I =  A. Schweitzer: Verfall und Wiederaufbau der Kultur (München, 1960)

K II = A. Schweitzer: Kultur und Ethik (München, 1960)

K III 1+2 = A. Schweitzer: Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. Kulturphilosophie III, 2. + 3. Teil (München, 1999)

K III 3+4 = A. Schweitzer: Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. Kulturphilosophie III, 3. + 4. Teil (München, 2000)

LD = Aus meinem Leben und Denken (Siebenstern-Taschenbuch, München und Hamburg, 1965)

RGCh = A. Schweitzer: Reich Gottes und Christentum (München, 1995)

Seaver = A. Schweitzer: „Die Religion in der modernen Kultur“

in George Seaver: Albert Schweitzer als Mensch und Denker (Göttingen, 1959)

StrV = A. Schweitzer: Straßburger Vorlesungen (München, 1998)

WU = A. Schweitzer: Zwischen Wasser und Urwald (München, 1963)

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