Vom Schwimmbad zur Ethik Albert Schweitzers

Einladung zum Nachdenken über den Sinn des Lebens

von Rainer Noll

„Vor langer Zeit schon waren es die hyperintelligenten, pandimensionalen Wesen leid, ständig über den Sinn des Lebens nachgrübeln zu müssen. Warum werden Menschen geboren? Warum müssen sie sterben? Macht es, kosmisch betrachtet, wirklich etwas aus, wenn ich heute Morgen nicht aufstehe und zur Arbeit gehe? Um endlich eine Antwort darauf zu bekommen, wurde der leistungsstärkste Computer des Universums gebaut: Deep Thought. Die Programmierer Lunkwill und Fook knipsten ihn an und stellten ihm die Frage nach ,dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest‘. Dagegen protestierten die Philosophen Magikweis und Vrumfondel als Vertreter ihrer Gewerkschaft, aber sie konnten sich nicht durchsetzen. Deep Thought versprach, die Frage zu beantworten, bat jedoch um siebeneinhalb Millionen Jahre Bedenkzeit. Als die Frist abgelaufen war, saßen die Programmierer Luunquoal und Phouchg vor dem Computer. Alles wartete gespannt auf die Antwort. Sie lautete: 42. Zweiundvierzig? Aber was war noch einmal die Frage? Die kannte auch Deep Thought nicht. Sein Daseinszweck war es, einen noch größeren Computer zu entwickeln, der sie formulieren würde. So entstand die Erde. Das Projekt sollte noch einmal zehn Millionen Jahre dauern. Fünf Minuten vor dem Ablauf dieser Zeitspanne zerstörten jedoch die Vogonen die Erde.“ (http://www.dieterwunderlich.de/Adams_anhalter_galaxis.htm)

I.

Dies die Inhaltsangabe der entscheidenden Stelle in dem Science-Fiction-Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams. „Deep Thought“, der größte je gebaute Computer, beantwortet  nach 7 1/2 Millionen Jahren „Bedenkzeit“ die Frage nach dem Sinn: „42“. Sonst nichts. Das zeigt, wie „menschlich“ diese Frage ist. Eine Maschine kann damit nichts anfangen.

All dies wusste ich aber nicht, als ich jemandem, der diesen Roman kannte, am vergangenen 13. Oktober nach meinem Schwimmen per SMS lediglich „42“ für meine 42 Bahnen im Schwimmbad mitgeteilt hatte. Bezug nehmend auf die „42“ des Romans simste er scherzhaft zurück: „Ist das der Sinn des Lebens?“ Ich aber, unwissend, nahm seine Frage ganz ernst.

Meine spontane Antwort: NEIN! Aber es erlöst vorübergehend vom Druck der ständigen Sinnsuche und täuscht über die Sinnlosigkeit hinweg. Dazu fühlt man sich 10 (was sage ich: 20!) Jahre jünger (nein: wie 20!), und das nährt die Illusion, man könnte die Zeit zurückdrehen. Und dieser scheinbare Triumph überschüttet mich bereits mit Glückshormonen … So funktioniert Leben!

Diese meine Antwort schickte ich per Mail an Freunde. Darauf erreichte mich ein Aufschrei aus New York, ob ich denn Sinnlosigkeit wirklich für ein Faktum hielte. Meine Entgegnung will ich nicht vorenthalten, auch wenn ich vielleicht etwas überspitze und gerne den Advocatus Diaboli spiele (also hinter meine Äußerungen gerne auch ein Fragezeichen setze):

Sinn müssen wir erarbeiten. Sinnlosigkeit dagegen ist unsere Grundbefindlichkeit, die wir natürlich als Bedrohung empfinden, somit auch unsere Grundgefährdung (dies allerdings nur, wenn sich unser Geist über das rein vegetative Dahinleben erhebt). Schon Arthur Schopenhauer klagte, „dass wir da sind, ohne zu wissen, woher, wohin und wozu“ (siebenbändige Ausgabe von Arthur Hübscher, Wiesbaden, zweite Auflage 1946-50, Band VI, S. 383). Grundfragen, die uns entweder bedrängen, oder die wir verdrängen, die uns aber immer umgeben. Deshalb gibt es in unserem Körper hormonelle Steuerungen (siehe oben), die über unsere Ratlosigkeit bezüglich des Sinnes hinwegtäuschen – sonst könnten wir gleich den Strick nehmen.

Hier ist es interessant, einige Äußerungen von Viktor Erich Frankl (1905 – 1997), dem Begründer der „Logotherapie“ als der „dritten Wiener Richtung der Psychotherapie“ (nach der Psychoanalyse Siegmund Freuds und der Individualpsychologie Alfred Adlers) zur Kenntnis zu nehmen: „Wir leben im Zeitalter eines um sich greifenden Sinnlosigkeitsgefühls.“ (S. 30) „Tatsächlich sind wir heute nicht mehr wie zur Zeit von Freud mit einer sexuellen, sondern mit einer existentiellen Frustration konfrontiert. Und der typische Patient von heute leidet nicht mehr so sehr wie zur Zeit von Adler an einem Minderwertigkeitsgefühl, sondern an einem abgründigen Sinnlosigkeitsgefühl, das mit einem Leeregefühl vergesellschaftet ist – weshalb ich von einem existentiellen Vakuum spreche.“ (S. 11) „Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinkte, was er muss, und im Gegensatz zum Menschen von gestern sagen dem Menschen von heute keine Traditionen mehr, was er soll. Nun, weder wissend, was er muss, noch wissend, was er soll, scheint er oftmals nicht mehr recht zu wissen, was er im Grunde will. So will er denn nur das, was die anderen tun – Konformismus! Oder aber er tut nur das, was die anderen wollen – von ihm wollen – Totalitarismus.“ (S. 13)

Ein überraschendes Untersuchungsergebnis, das Frankl berichtet: „(…) es zeigte sich (…), dass unter den  Besuchern des berühmten Wiener Praters, also eines Vergnügungsparks, der objektivierte Pegel existentieller Frustration signifikant höher war als in der Wiener Durchschnittsbevölkerung (…). Mit anderen Worten, der Mensch, der so besonders auf Genuss und Vergnügen aus ist, erweist sich letzten Endes als einer, der hinsichtlich seines Willens zum Sinn, also (…) in seinem ,primären‘ Anliegen, frustriert geblieben war.“ (S. 18f, alle Zitate aus „Das Leiden am sinnlosen Leben“ von V. E. Frankl)

II.

Der kulturelle Überbau hat hauptsächlich den Zweck, dieses Sinnlosigkeitsgefühl zu überbrücken und die positive Hormonausschüttung zu aktivieren (so auch die Kunst).

[Zwischenbemerkung, um hier Missverständnissen vorzubeugen: ich sage nicht, wie die Reduktionisten, dass Geist und Seele „nur“, bzw. „nichts als“ hormonelle oder neuronale Reaktionen „sind“ – das Hormonelle ist gleichsam die materielle Seite eines seelisch-geistigen Vorganges, wie die materiellen Hände eines Pianisten zwar die materiellen Tasten bedienen, aber nicht die Musik machen – es handelt sich um komplementäre Vorgänge.]

Religion ist dabei ein Haupt-Faktor – und am erfolgreichsten, weil zwar nicht beweisbar, aber dafür auch nicht widerlegbar – es geht um eine Gewissheit: Glaube, der durchaus seine Berechtigung hat und „Sinn machen“ kann!

Der Theologe Paul Tillich sagt: „Religiös sein bedeutet, leidenschaftlich nach dem Sinn unseres Lebens zu fragen.“ („Die verlorene Dimension“, Stuttgart, 1969, S. 9)

Unter der Rubrik „Mayers Weltwirtschaft“ schreibt der Volkswirt Thomas Mayer, Professor an der Universität Witten/Herdecke, im Artikel „Es ist gut, an Gott zu glauben“ in der FAZ.NET am 23.12.2016: „Wer nun nur an das irdische Leben glaubt, lebt fragil. Denn wenn er es verliert, ist es für immer weg. Das erzeugt Verlustangst. Deshalb verdrängt man den Gedanken an den Tod, was aber auch nicht weiterhilft, denn irgendwann kann man dem nicht mehr entgehen. Wer dagegen an ein Leben nach dem Tod glaubt, kann sich mit der Aussicht auf ein zweites Leben trösten, wenn er das irdische verliert. Das macht ihn gegen Druck und Stöße robust. Und wer daran glaubt, dass das Leben nach dem Tod viel schöner ist als das irdische, erfreut sich an Druck und Stößen.“ Zuvor hatte er definiert: „Fragil ist, was unter Druck oder Stoß in tausend Stücke geht und nicht zu reparieren ist.“ Dabei gerät die Sinnfrage in eine ernsthafte Krise. Der Verlust des Jenseits mit seiner ausgleichenden Gerechtigkeit bringt den Menschen unter den fatalen Druck, das Leben im Hier und Jetzt bis ins Letzte ausleben und auskosten, alles „herausholen“ zu müssen – es gibt kein anderes. Dies führt zu einer „Ich-Alles-Sofort-Mentalität“, wie sie bei einer Wohlstandsjugend, die kaum äußeren Verzicht und Entbehrungen zu ertragen hatte, zu beobachten ist: ich will alles, und zwar sofort, ehe es zu spät ist, ehe ich etwas versäume in diesem Leben. So sinkt die Frustrationsschwelle und der Frust kann unerträglich werden.

III.

Unsere Seele bedarf eines Schutzes gegen die Kälte des Seins ebenso, wie unsere Kleidung uns gegen die Kälte der Witterung schützt (zumindest in unseren Breitengraden). Kein Tier wird so nackt und bedürftig geboren wie der Mensch, aber kein Mensch käme auf die Idee, deshalb auf wärmende Kleider zu verzichten mit dem Argument, es sei nur eine Illusion, die uns schützende Kleidung und Haus über die tatsächliche Temperatur der Welt vorgaukeln. Dies hieße, den wärmenden Schutz abzulehnen, um uns über die Kälte in der Welt nichts vorzumachen, nur weil wir nackt geboren wurden – alles andere sei die Wirklichkeit verfälschende Illusion (so ähnlich erscheint mir manchmal die Argumentation Friedrich Nietzsches). Niemand schämt sich seiner Kleidung als Kälteschutz (Scham empfinden wir in unserer Zivilisation eher ohne Kleidung) – so braucht sich auch niemand seiner Religion zu schämen. Auch hier gilt das fundamentale Wort Nietzsches, auf das ich später zurückkommen werde: „Der Wert für das Leben entscheidet zuletzt.“

 

Weil das bei Menschen aller Kulturen so ist, haben auch alle Völker Religion hervorgebracht als Krücke bei der Wanderung durch die Abgründe des Seins, als Seins-Erklärung. Und natürlich sind wir uns auch gegenseitig „Krücken“, deren wir uns ebenfalls nicht zu schämen brauchen – hier zeigt sich die Bedürftigkeit des Menschen. Es geht nicht darum, vor diesen Abgründen die Augen zu schließen und sie nicht sehen zu wollen, sondern sich so „gehalten“, „rückgebunden“ zu fühlen, dass wir ihren Anblick nicht scheuen müssen (lat. religare = zurückbinden bzw. religari = sich zurückbinden, aber auch religere = rücksichtsvoll beachten: beides schwingt in der religio mit!).

Das gipfelt in der Liebe jeder Art, die, selbst wenn sie „Illusion“ sein sollte, doch eine reale und positive Kraft des Lebens sein kann (Vorschlag: neueste Form einer Liebeserklärung: „Willst Du meine ,Krücke‘ sein?“). Ja selbst das Gegenteil, wenn wir uns hassen und bekriegen, wirkt vorübergehend „sinnstiftend“ und hilft über die Leere: nieder mit dem anderen, dem Bösen, dem Feind (wehe, wenn er verschwindet: es entsteht Sinnvakuum, wenn wir nicht in versöhnlicher Friedfertigkeit einen höheren Sinn finden)!

Ohne die Täuschungen der geschlechtlichen Liebe wäre allerdings der Fortbestand der Menschheit gefährdet, denn wer hätte bei illusionsloser Betrachtung noch Lust sich zu paaren (dies fragte sich kürzlich auch Henryk M. Broder in einer Talkshow … und wollte ins Kloster gehen). Die Illusion sexueller Attraktivität überlistet uns selbst unter oft widrigen Konstellationen zur Weitergabe des Lebens, ohne uns zu fragen.

Schopenhauer hält die Liebe (bzw. Verliebtheit) gar für einen „Trick der Natur, den Individu­en persönliches Glück vorzugaukeln, um nach Erfüllung des Zwecks das Trugbild im Nebel zerfließen zu lassen“. (Zit. nach Rückert, G.-R./Lengsfeld, W./Henke, W.: Partnerwahl, S. 13)

IV.

Also hat das Ganze in erster Linie ein Ziel: das Leben muss weitergehen, selbst wenn es noch so beschissen ist – allerdings für das Individuum nur insofern, als es der Weitergabe von Leben dient. Nach Erfüllung dieser Aufgabe ist ja unser Körper zum Absterben bestimmt, weil nutzlos für das Ziel der Selbstreproduktion, in der sich irgendwie unser (Weiter-)Lebenswille manifestiert – eine Art „Ersatzbefriedigung“ für die unerfüllbare Sehnsucht nach ewigem Leben, die uns über die eigene Vergänglichkeit hinwegzutrösten versucht. Das Leben selbst muss weitergehen, während wir vergehen (all dies auch Schopenhauersches Gedankengut). Man darf (und soll!) da aber nicht fragen: warum eigentlich? Mit dieser Frage ist man schon auf dem Glatteis des Seins.

Da ist also ein geheimnisvoller Wille zum Leben, dessen Teil wir sind und der alles durchdringt, dem wir bedingungslos zu gehorchen haben laut Albert Schweitzer, und deshalb kommt er zu seiner „Ehrfurcht vor dem Leben“ vor dem großen geheimnisvollen (Über-)Lebens-Willen des Seins, woraus er seine Ethik entwickelt, wie wir noch sehen werden. Punkt. Alles Weitere ist unelementare Spekulation bis hin zur vergewaltigenden Interpretation der geheimnisvollen Welt-Wirklichkeit aus Sehnsucht nach Sinn (Frankl spricht vom „Willen zum Sinn“). So weit war also auch schon Schweitzer, auch wenn er es nicht so drastisch ausgedrückt hat, um nicht zu schockieren.

Auch unsere „Wahrheiten“ brauchen wir, um zu überleben. Das brachte mir Nietzsche schmerzlich schon bei, als ich nicht ohne innere Erschütterung mit 14 las: „Wahrheit ist die Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Wert für das Leben entscheidet zuletzt.“ (Nachgelassene Fragmente April-Juni 1885) Ich dagegen suchte damals eine „objektive Wahrheit“, die „absolute“ Gültigkeit hat, selbst auf dem entferntesten Planeten, auf dem nie Leben existierte, also völlig unabhängig von unserer Meinung, Ansicht oder Gefühlslage. Eine Wahrheit also, in der ich als der Denkende gar nicht vorkomme. Diese Art von Wahrheit ähnelt eher physikalischen und mathematischen Gesetzen, die soweit wir wissen im uns bekannten Universum überall gelten (vielleicht abgesehen von der Singularität Schwarzer Löcher, von der wir noch nicht genug wissen). Aber wie wir heute auch wissen, ist da nicht Gesetz gleich Gesetz, sondern die Rahmenbedingungen, d.h. z.B. die Messmethode und die Versuchsanordnung selbst, bedingen das Ergebnis und müssen als Voraussetzung genannt werden, was nichts anderes heißt, als dass doch wieder der Messende selbst in das Messergebnis eingeht und sich gar nicht ganz raushalten kann (speziell in der Quantenphysik – bereits die Messung verändert das zu Messende).

Vielleicht habe ich mich deshalb nach dem Abitur für ein Studium der Physik, Astronomie und Mathematik entschieden, um dann doch wieder zur Musik zurückzufinden. Wie enttäuscht war ich, dass es in den ersten Gymnasialjahren noch keinen Physikunterricht gab und Mathematik fast nur „Rechnen“ bedeutete, hatte ich mich doch schon zuvor mit Trigonometrie sowie physikalischen und astronomischen Problemen beschäftig! Ich blühte auf, als endlich mathematische Beweisführungen durch logisches Denken gefragt waren. Getrieben von der Suche nach „Wahrheit“, besuchte ich im ersten Semester in Mainz, endlich befreit von der Enge des Schulbetriebes, neben den naturwissenschaftlichen Fächern theologische (Herbert Braun), philosophische (Hans Sachsse, der neben Chemie ökologische Naturphilosophie las und dem ich Jahre später noch privat begegnete, Fritz-Joachim von Rintelen, der über Goethe sprach usw.) und musikpsychologische (Albert Wellek) und andere Vorlesungen. Als ich dann fast zusammenbrach, musste mir mein Arzt klarmachen, dass ein solches „Studium Universale“ heute für einen Einzelnen völlig unmöglich zu leisten sei – ich musste mich bescheiden, ohne von den großen Fragen abzulassen.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“: Diese Bitte des Vaterunsers schließt für mich auch ein „Unsere tägliche Illusion gibt uns heute“, oder positiver gewendet „Vision“, denn auch das gehört zum „täglichen Brot“, ohne das wir nicht überleben können.

Wie habe ich doch schon vor Jahren über Illusionen gedichtet:

„Es lebt die höchste Kunst von ihnen,

Mit Illusion will sie uns dienen.

Sie zu pflegen ist Kultur

Contra Primitivnatur.“

Soweit meine spontane Antwort, die ich schon einigen in Kurzfassung mitgeteilt hatte.

V.

Noch einmal zurück zum Willen zum Leben. Einige östliche Religionen, so der Buddhismus und in Anlehnung daran auch Schopenhauer, sehen darin die Wurzel allen Leides und wollen ihn überwinden, indem sie ihn zum Absterben bringen bis hin zum völlig willenlosen Aufgehen im Nirwana, dabei aber die letzte Konsequenz, den Freitod, vermeidend. Hieraus erwächst eine lebensverneinende Ethik der bloßen Vermeidung von Leid, nicht aber der tätigen Hilfe aus dem Leid heraus, auch wenn von Mitleid die Rede ist, das aber tatenlos bleibt.

Nach Schweitzer sollen wir aber diesem Willen bedingungslos folgen, und daraus leitet er eine lebensbejahende Ethik der helfenden Tat ab – wie, werden wir noch sehen. Auch der Pianist Arthur Rubinstein fand nach einem missglückten Suizidversuch in jungen Jahren zur Haltung einer bedingungslosen Liebe zum Leben, und er erfuhr, dass das Leben diese Liebe dann erwidert und zurückgibt.

Aber müssen wir diesem Willen „bedingungslos“ folgen? Jedenfalls nicht so wie die Tiere, denn der Mensch ist das einzige Lebewesen, das die Möglichkeit zum Freitod hat. Ob es sich dabei immer um eine pathologische Erscheinung handelt und wie das ethisch zu beurteilen ist, will ich hier mal offen lassen. Im „statistischen Normalfall“ gilt: In mir erkenne ich als Elementarstes den Willen zum Leben, der sich dann in verschiedensten Facetten unterschiedlich ausgeprägt entfalten kann. Auch außerhalb von mir treffe ich überall auf diesen (Über-)Lebenswillen. Also lautet nach Schweitzer der elementarste Satz meines Bewusstseins: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

Dies beobachten wir in der Natur, solange es Leben auf der Erde gibt: ein Lebewesen lebt auf Kosten des anderen, d.h. fressen und gefressen werden, wobei nur einer überlebt dank des Gefressenen, von dem der Überlebende sich ernährt. Der logische Schluss daraus könnte sein: Du oder ich, einer bleibt auf der Strecke, Rücksicht gibt es nicht, der Stärkere setzt sich durch. Dies ist das Gesetz der Natur. Allerdings tötet kein anderes Lebewesen außer dem Menschen mehr anderes Leben, als gerade zum eigenen Überleben nötig ist – nur der Mensch metzelt Tiere wie Artgenossen massenweise nieder. Am Ende steht dann Nietzsches „Übermensch“, der sich aus den Ketten aller moralischer Verknechtung befreit hat und seinen Willen zum Leben triumphierend auslebt (und dessen Gegenteil dabei Nietzsche selbst verkörperte – Schweitzer: „Der Trank, den Nietzsche bietet, besteht nur aus Schaum.“ K III 1+2, S. 338).

Doch in uns regt sich ein „Sittengesetz“, wie schon Immanuel Kant sagte, das sich unbewusst dagegen wehrt – intuitiv wissen wir um Gut und Böse. In uns erleben wir einen ethischen Willen, der anders ist als Natur und Welt, frei von der Welt, um positiv verändernd auf sie einwirken zu können. Schweitzer nennt dies auch Offenbarung Gottes in uns als ethische Persönlichkeit, wenn er statt philosophisch religiös spricht, und er zieht diese Art der Offenbarung der rein historischen der Bibel vor. Ethisch sein heißt, anders sein als die Welt. Den ethischen Gott, der sich in uns offenbart, finden wir nicht in der Welt und dem Weltgeschehen außerhalb von uns – im Unterschied zu den östlichen Religionen verzichtet deshalb das Christentum auf Weltdeutung zugunsten der Ethik.  So konstatiert Schweitzer: „Logisches Denken  über das Wesen der Welt kann nicht zum Ethischen gelangen.“ (ChrW, S. 55) Später auf Seite 60: „Die höchste Erkenntnis ist, dass alles, was uns umgibt, Geheimnis ist. Kein Wissen und kein Hoffen kann unserem Leben Halt und Richtung geben.“

Am 27. November 2016 sendete das ZDF unter dem Titel „Herrschaft der Zahlen – Ist alles vermessbar?“ ein Gespräch des Philosophen Richard David Precht mit dem u.a. aus der Sendereihe „Alpha Centauri“ bekannten Astrophysikprofessor und Philosophen Harald Lesch, der in München lehrt. Darin bestätigt er als heutiger Naturwissenschaftler diese Aussagen Schweitzers. Nachdem die frühen griechischen Naturphilosophen sich in der Ordnung des „Kosmos“ als einem stabilen Urgrund zu begreifen suchten, kam es zum totalen Bruch, (Lesch:) „als Sokrates sagte ,ich kümmere mich überhaupt nicht um diese Dinge‘, denn kein Baum und keine Mathematik kann mir sagen, was ich tun soll. Und ich bin mir ganz sicher, dass ethische Fragestellungen in keiner Weise durch irgendeine Art von Mathematisierung begründbar sind, sondern das eine sind Messwerte, und das andere sind Werte, nach denen wir leben. Das sind zwei fundamental verschiedene Welten.“ Ebenso der Wiener Physiker Herbert Pietschmann in der am 22.12.2016 auf „bibel-tv“ ausgestrahlten Sendung „Die Akte Galilei – Wissenschft und Glaube“: „Philosophie stellt diejenigen Fragen, die nicht gestellt zu haben die Erfolgsbedingung des wissenschaftlichen Verfahrens war. D.h. mit Galilei und bis heute ist es so, dass bei der Naturwissenschaft (…) gewisse Fragen ausgeblendet werden müssen; und dazu gehören vor allem die Fragen nach dem Wesen der Natur und nach dem Sinn der Natur und dem Sinn des eigenen Lebens. Diese Fragen können grundsätzlich nicht wissenschaftlich beantwortet werden.“

Und so kommt Schweitzer von innen heraus zu einem anderen Ergebnis, als es sich in der Natur außerhalb zeigt: Da ich nicht anders kann, als diesem geheimnisvollen, weiter nicht zu ergründenden Lebenswillen in mir Ehrfurcht entgegen zu bringen, muss ich aus innerer Notwendigkeit allem anderen Willen zum Leben außerhalb von mir ebenso begegnen und ihm die selbe Ehrfurcht erweisen als Tat der Wahrhaftigkeit. Diese ethische Konsequenz nennt er „denknotwendig“, wobei hier zwei Deutungen möglich sind: „notwendig aus dem Denken folgend“ oder „notwendig, darüber zu denken“, was bei ihm offen bleibt. Er spricht von „mystischer Ethik“ und „ethischer Mystik“ und bezeichnet sich als „Mystiker der Tat“, denn er wird eins mit diesem unergründlichen Willen in ihm, indem er ihn tätig auf seinen höchsten Wert bringt. So gelangt er zu seiner berühmten „Ehrfurcht vor dem Leben“. Diese Ethik hat es nicht nur, wie die meiste bisherige Ethik, mit dem Verhalten von Mensch zu Mensch allein zu tun, sondern mit dem Verhältnis zu allem Lebendigen, die Tiere eingeschlossen, ja sogar zu allem, was dem Leben dient (K III 1+2, S. 463). Ehrfurcht vor dem Leben hält er für das Grundprinzip aller Ethik und sogar für das ins Universelle erweiterte Liebesgebot Jesu – er, Schweitzer, sieht sich also als Vervollkommner der Ethik Jesu und redet wie ein Prophet! Von hier aus erhält sein Handeln einen sittlichen Wert: Gut ist, Leben zu erhalten und zu fördern und auf seinen höchsten Wert zu bringen – böse ist, Leben zu vernichten und es in seiner Entwicklung zu hemmen und zu schädigen.

Der ganze Unterschied zwischen heutigem wirtschaftlichem Denken und Schweitzer wird deutlich, wenn ich diesen Satz nur etwas abwandle im Sinne der Ökonomisierung unserer Verhältnisse: „Gut ist, Leben zu erhalten und zu fördern und auf seine höchste Verwertbarkeit zu bringen.“ Und schon ist das Leben statt Subjekt nur noch nützliches Objekt, statt Zweck nur noch verwertbares Mittel! Heute kommt zur Frage, wozu wir leben, bedrohlich die Frage, wovon wir in Zukunft leben hinzu. Erhellend ist hier folgendes Wortspiel: Wenn die Schöpfung nur noch der Abschöpfung um rein wirtschaftlicher Wertschöpfung willen dient, führt dies unweigerlich zur Erschöpfung der Ressourcen.

Mit dieser Ethik ist Welt- und Lebensbejahung gegeben als Basis für einen Optimismus, der für Schweitzer keine Erkenntniskategorie, sondern eine Kategorie des auf Veränderung der Welt gerichteten Wollens ist. Er bezeichnete sich selbst als Pessimisten des Erkennens, aber als Optimisten des Wollens. Dies hört sich so einfach an, aber genau hier liegt ein großes Konfliktfeld. Hier geht es um den aus der Spannung zwischen Erkennen und Wollen entstehenden Leidensdruck, der not-wendig ist, im Leben des Einzelnen wie der Gesellschaft eine Veränderung in Gang zu bringen. Denken ist Auseinandersetzung zwischen Wollen und Erkennen. Der Glaube, der Berge versetzt, wird hier geboren, wenn das Wollen über das Erkennen triumphiert. Der Schmerz über das So-Sein der Welt, über die Unzulänglichkeiten des Bestehenden zwingt uns das Sehnen nach einer neuen Zeit, einer Vervollkommnung des Vorgefundenen auf. Diesem Schmerz kann man ausweichen, indem man seine Vorstellungen auf das Niveau des „Realen“ herabschraubt, eben so ist, „wie die Welt“, anstatt „das Sein, soweit es von uns beeinflussbar ist, auf seinen höchsten Wert zu bringen“ (KII, S. 104). Schweitzer nennt das den „armseligen Wirklichkeitssinn“, in dem wir uns dahinschleppen, statt uns daraus zu befreien (KII, S. 95). Diese „Sinnsehnsucht“ bedeutet ein Leiden an der Welt, aber kein Leiden im pathologischen Sinn, sondern ein Erleiden aus einem intakten höheren Orientierungssinn heraus. Viele andere zerbrechen an diesem Leiden, das uns das Leben aufnötigt, sie vermögen nicht das Leiden zu „leisten“. Diese Unfähigkeit zu leiden bei herabgesetzter Frustrationsschwelle ist sicher eine der Ursachen vieler Fluchterscheinungen unserer Zeit, von der Flucht ins Private bis in den Drogenrausch.

Bei diesem „Leisten“ geht es nicht, wie eine „Leistungsgesellschaft“ es versteht, um äußeren Erfolg oder Misserfolg, sondern quer dazu um Sinnerfüllung oder Verzweiflung. Hier ist eine Haltung gefordert, die sich nicht an äußerem Gewinn oder Verlust oder oberflächlicher Lust oder Unlust orientiert, sondern uns das Ringen um Sinnerfüllung oder Verzweiflung auferlegt. Durch sinnvolles Tun durchbrechen wir dieses Leiden und gelangen vom naiven zum höheren Glück. Dabei kommt es weniger darauf an, ob das Leben lust- oder leidvoll ist, als vielmehr darauf, ob es sinnvoll ist. Es gibt kaum eine noch so schmerzliche Situation, die nicht zu „leisten“ wäre, wenn sie nur sinnvoll ist (dies auch die kurzgefasste Basis der Logotherapie Frankls). Auch der Philosoph Nocolai Hartmann (1882 – 1950) bestätigt dies: „Alles Gelingen ernstlicher Bemühung, alles Lieben und Geliebtwerden, aller Anteil an menschlicher Größe, alle Hingebung an ideelle Ziele oder großes Geschehen zeigt dieselbe eindeutige Richtung der Abhängigkeit: es ist nicht sinnvoll, weil es beglückt, sondern es beglückt, weil es sinnvoll ist.“ (Kleinere Schriften, Bd. I, Berlin, 1955, S. 265) Diese sinngebende Richtung hatte Schweitzer erkannt, weshalb er an seinen Idealen festhielt: „Um besser durch die Fährnisse und Stürme des Lebens zu schiffen, hat er [der resignierende Mensch] sein Boot erleichtert. Er warf Güter aus, die er für entbehrlich hielt. Aber es war der Mundvorrat und der Wasservorrat, dessen er sich entledigte. Nun schifft er leichter dahin, aber als verschmachtender Mensch.“ (KJ, S. 57) Er wollte bewusst das Leben schwer nehmen, denn, so sagte er bereits in einer Adventspredigt des Jahres 1904, schwer sei das Lebenskampf nur für die, die kein Ziel hätten, das ihnen das Leben schwer macht. In einem 1932 beim Kölner Rundfunk gehaltenen Vortrag bezeichnete er als das größte Glück seines Lebens, dass sich sein beschwerlicher Weg des unmittelbaren und unabhängigen menschlichen Dienens voll verwirklichen ließ. Schon der Psalmist sagte über ein nicht nur langes, sondern auch erfülltes Leben: „…und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“ (Psalm 90,10) Schweitzer: „Ein Opfer, das wir bringen, kann uns froher machen als der herrlichste Glücksfall, der uns begegnet.“ (K III 1+2, S. 298) In einem im Schweitzer-Haus in Günsbach liegenden Manuskript schreibt er: „Glück hängt nicht vom Angenehmen ab. Man kann glücklich sein in unglücklichen Umständen – und umgekehrt.“

VII.

Nicht nur Lebensbejahung, sondern auch Lebensverneinung ist in Schweitzers Ethik enthalten, denn um anderem Leben seinen Entfaltungsraum zu lassen, muss ich mich freiwillig selbst in gewissen Grenzen zurücknehmen, d. h. ich hindere bewusst meinen Willen zum Leben um des anderen willen am zügellosen egoistischen Sichausleben (also das Gegenteil von Nietzsches „Übermensch“). Andererseits beinhaltet diese Ethik die Forderung nach Verinnerlichung, Sammlung und Selbstvervollkommnung. Hier muss auch die Musik genannt werden, die für den Organisten Schweitzer Meditation im Geiste war. Zur Selbstvervollkommnung gehört gerade, dass ich auch mein eigenes Leben auf den höchsten Wert bringen soll. Bildung ist in diesem Sinne auch immer Selbstbildung und als solche Selbstzweck – sie trägt ihren Lohn in sich selbst. Das in den synoptischen Evangelien berichtete Jesuswort „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (übrigens zitiert Jesus hier 3. Mose 19,18, das steht also bereits im Alten Testament!)  besagt Ähnliches: du sollst dich auch lieben – und wie dich selbst deinen Nächsten, aber eben nicht mehr als dich. Konsequent gilt dann auch: wer sich nicht selbst lieben kann, kann auch andere nicht lieben, sondern nur hassen „wie sich selbst“.

VIII.

Eine auf Ehrfurcht vor dem Leben gegründete Ethik führt unablässig in Konflikte: ich muss anderes Leben töten, um selbst zu überleben – ich bin dem Gesetz der Natur unterworfen, das in Spannung zu meiner inneren ethischen Überzeugung steht. Dies hat Schweitzer nicht übersehen und nennt es „Selbstentzweiung des Willens zum Leben“ – eine auf Schopenhauer zurückgehende Formulierung. Im Gegenteil: gerade diese Konflikte fachen die Glut der Ethik an. Es ist eine ausgesprochene Gesinnungs- und Verantwortungsethik: nie darf der Einzelne aus der letzten Verantwortung für sein Tun entlassen werden, dessen Notwendigkeit in jedem einzelnen Fall und immer wieder neu nach bestem Wissen und Gewissen zu erwägen ist. Nie darf Töten (oder auch nur Schädigen) routinemäßig oder gedankenlos betrieben werden, nie mehr als zum Überleben nötig. Für seine Entscheidung steht jeder für sich in voller Verantwortung. Und wenn er doch töten muss, soll er wachsam, wo immer es möglich ist, Leid vermindern und Leben retten helfen als eine Art Sühne für die zwangsweise tragisch aufgeladene Schuld des Tötenmüssens. Durch Hingabe wird er eins mit dem unendlichen Lebenswillen und damit zum „Mystiker der Tat“, indem er die Selbstentzweiung des Willens zum Leben, soweit ihm möglich ist, aufhebt. So trägt diese Ethik den Motor, Gutes zu tun, in sich selbst. Diese Ethik bietet also keine einfachen Patentlösungen, sondern hält das Gewissen ständig aufs Äußerste geschärft und sieht in Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit und Abstumpfung ihre größte Bedrohung. Also kein gutes Gewissen als Ruhekissen, denn für Schweitzer ist das gute Gewissen „eine Erfindung des Teufels“!

IX.

Soweit führte uns die Anschauung des Lebens, dessen Teil wir sind. Schweitzer nennt das Lebensanschauung.

Und nun schauen wir uns noch die Welt als Ganzes außerhalb von uns an und kommen damit zur Weltanschauung. Dahinter steht wiederum das von der jeweiligen Naturwissenschaft gelieferte Weltbild.

Natürlich muss das Weltbild auf dem neuesten Stand der Forschung sein, aber die daraus zu gewinnende Weltanschauung ist immer noch Sache des Denkens, vor allem, was die Sinnfrage betrifft. Naturwissenschaft bietet grandiose Antworten auf die Wie-Frage, beim Warum tut sie sich schon schwerer, aber bei der Sinnfrage muss sie passen (der bereits zitierte Astrophysiker Harald Lesch betont dies immer wieder).

Auch hier hat Schweitzer einen interessanten, bisher wenig beachteten Ansatz zu bieten.

Unbewusst oder bewusst besteht in uns ein Verlangen, das richtige, sinnvolle Handeln, also die Ethik und überhaupt den Sinn des Lebens, aus Welterkenntnis abzuleiten und es im Weltganzen als sinnvoll zu begreifen, wie wir es auch bei den östlichen Religionen sehen, denen Schweitzer zugesteht: „Als Denken über die Welt sind diese Religionen unschlagbar“ (ChrW, S. 54). Dies führte und führt oft dazu, dass auf dieses Weltganze ein Sinn projiziert wird, den uns eigentlich die Lebensanschauung eingeflüstert hat, und den wir nun, nach geglückter Selbsttäuschung, mit gewisser Genugtuung wieder aus unserer Erkenntnis der Welt herauszulesen meinen (Friedrich Hegel konnte noch sagen: „Umso schlimmer für die Wirklichkeit.“, wenn man ihn auf Widersprüche zwischen seinem System und der Wirklichkeit aufmerksam machte). Diese Projektion zeigt sich auch in der oft konfliktreichen und kränkenden, weil die Eitelkeit verletzenden Ablösung des zunächst geozentrischen, dann heliozentrischen Weltbildes; nach dessen Unhaltbarkeit, und nachdem der Mensch aus dem Zentrum ins x einer Formel gerollt war, deuten viele heute die Feinabstimmung der Naturgesetze und –konstanten wieder anthropozentrisch, als hätte das ganze Universum nur ein Ziel: den Menschen hervorzubringen. Diese Deutung geschieht dann etwa nach dem Schema: wie wunderbar, dass Wasser genau bei 100° kocht und nicht bei 91° oder 111° – die 100° sind ja keine Eigenschaft der Natur selbst, sondern gerade vom Menschen als Siedepunkt des Wassers festgelegt! Und dann bewundert man, dass das Wasser einem den Gefallen tut, exakt bei 100° zu kochen.

Aus Wahrhaftigkeit, diesem Zentralbegriff in seinem Denken, will Schweitzer hier gründlich aufräumen. „Wenn das Denken sich auf den Weg macht, muss es auf alles gefasst sein, auch darauf, dass es beim Nichterkennen anlangt.“ (K I, S. 78 – anders K III 1+2, S. 284 und 300, und K III 3+4, S. 26!) Wahrhaftig denkend gelangt er zu einem radikal skeptischen und pessimistischen Ergebnis, indem er sich als Agnostiker in Bezug auf die Erkenntnis des Sinnes der Welt bekennt: „Die Aussichtslosigkeit des Unternehmens, den Sinn des Lebens in dem Sinn der Welt zu begreifen, ist zunächst damit gegeben, dass in dem Weltgeschehen keine Zweckmäßigkeit offenbar wird, in die das Wirken der Menschen und der Menschheit irgendwie eingreifen könnte. Auf einem der kleineren unter den Millionen von Gestirnen leben seit einer kurzen Spanne Zeit Menschenwesen. Auf wie lange? Irgendeine Herabsetzung oder Steigerung der Temperatur der Erde, eine Achsenschwankung des Gestirns, eine Hebung des Meeresspiegels oder eine Änderung in der Zusammensetzung der Atmosphäre kann ihrem Dasein ein Ende setzen. Oder die Erde selber fällt wie so manches andere Gestirn irgendeiner kosmischen Katastrophe zum Opfer. Was wir für die Erde bedeuten, wissen wir nicht. Wie viel weniger dürfen wir uns dann anmaßen, dem unendlichen Universum einen auf uns zielenden oder durch unsere Existenz erklärbaren Sinn beilegen zu wollen!“ (K II, S. 293, siehe auch K III 1+2, S. 167ff, 235ff und 307 ff) Mit diesem Eingeständnis glaubt Schweitzer so etwas wie eine kopernikanische Wende im abendländischen Denken herbeizuführen: „Ich glaube der erste im abendländischen Denken zu sein, der dieses niederschmetternde Ergebnis des Erkennens anzuerkennen wagt und in Bezug auf unser Wissen von der Welt absolut skeptisch ist, ohne damit zugleich auf Welt- und Lebensbejahung und Ethik zu verzichten. Resignation in Bezug auf das Erkennen der Welt ist für mich nicht der rettungslose Fall in einen Skeptizismus, der uns wie ein steuerloses Wrack in dem Leben dahintreiben lässt. Ich sehe darin die Wahrhaftigkeitsleistung, die wir wagen müssen, um von da aus zu der wertvollen Weltanschauung, die uns vorschwebt, zu gelangen. Alle Weltanschauung, die nicht von der Resignation des Erkennens ausgeht, ist gekünstelt und erdichtet, denn sie beruht auf einer unzulässigen Deutung der Welt.“ (K II, S. 86f) Resignation in Bezug auf Welterkenntnis ist für ihn die „Vorhalle zur Ethik“. Deshalb fordert Schweitzer den Verzicht auf jederlei Bindung der Ethik an eine Deutung der Welt (religiös gesprochen heißt das bei ihm „anders sein als, bzw. frei sein von der Welt“). Allein aus der Lebensanschauung soll die Ethik ihre Kraft beziehen und wahrhaftig, und damit freier und tüchtiger als zuvor für ihre Aufgabe werden, die Welt positiv zu verändern. So verzichtet er auf ein in sich geschlossenes, weil gekünsteltes philosophisches System: Er ergab sich aus Wahrhaftigkeit resignierend und zugleich innerlich triumphierend darein, den Dom unvollendet lassen zu müssen. Nur den Chor brachte er fertig. In diesem aber feierte er lebendigen und unaufhörlichen Gottesdienst (s. K II, S. 335). „Denn unser Wissen ist Stückwerk,“ heißt es schon bei Paulus im 1. Korintherbrief 13, 9.

X.

Der Verzicht auf das Denken, eigenes Denken, das elementar sein soll, und das diesbezügliche Versagen der Philosophie gilt Schweitzer als Hauptursache des Niederganges der Kultur. „Fast wurde Philosophie zur Geschichte der Philosophie. Der schöpferische Geist hatte sie verlassen (…). Auf Hochschulen spielte sie noch eine Rolle; aber der Welt hatte sie nichts mehr zu sagen.“ (K I, S. 20) Sie unterhielt keine Elementarphilosophie, die zur Popularphilosophie werden konnte. Was versteht Schweitzer darunter? Nicht „eine für den Gebrauch der Menge hergestellte, vereinfachte und dementsprechend verschlechterte Übersicht“ über die von der „Fachphilosophie“ gesichteten und auf eine kommende Weltanschauung zugeschnittenen Ergebnisse der Einzelwissenschaften. Popularphilosophie entsteht für ihn daraus, „dass Philosophie auf die elementaren, innerlichen Fragen, die die Einzelnen und die Menge denken oder denken sollen, eingeht, sie in umfassenderem und vollendeterem Denken vertieft und sie so der Allgemeinheit zurückgibt.“ (K I, S. 20f) Also das, was ich gerade hier versuche! „Elementar ist das Denken, das von den fundamentalen Fragen des Verhältnisses des Menschen zur Welt, des Sinnes des Lebens und des Wesens des Guten ausgeht. In unmittelbarer Weise steht es mit dem sich in jedem Menschen regenden Denken in Verbindung. Es geht auf es ein und erweitert und vertieft es.“ (LD, S. 186)

„Es wird unbegreiflich bleiben, dass unser durch Errungenschaften des Wissens und Könnens so groß dastehendes Geschlecht geistig so herunterkommen konnte, auf das Denken zu verzichten.“ (LD, S. 184) „Fortgeschrittenstes Wissen verträgt sich jetzt mit gedankenlosester Weltanschauung.“ (K I, S. 58) „Verzicht auf Denken ist geistige Bankrotterklärung.“ (LD, S. 184)

Wie bitte: Verzicht auf „Denken“, wo doch gerade das eigenständige Denken in unserer durch die Aufklärung geprägten westlichen Welt und in der schulischen Erziehung angeblich so hoch im Kurs steht? Lange habe ich gebraucht, das zu verstehen.

Mit „Denken“ meint Schweitzer nämlich kein auf mathematisch-logische und abstrakt-funktionale Kausalität reduziertes Denken, das den Denkenden selbst ausschließt, so, als ob dieser betrachtend neben sich und der Welt als Objekt stünde, statt sich als Subjekt in ihr zu erleben – eigenes Denken muss also für Schweitzer subjektiv-verbindlich sein. Denn Denken ist für ihn die Auseinandersetzung all dessen, was sich in mir an Wollen, d. h. auch an Gefühlen, überhaupt regt, mit all dem,  was ich außerhalb von mir von der Welt erkenne. Vernunft ist für Schweitzer ein in die Tiefe der Dinge gehender und die Gesamtheit der Dinge umfassender, in das Gebiet des Willens hinübergreifender Verstand (s. StrPr, S.119). Sein Denken ist im wahrsten Sinne des Wortes ganzheitlich, zugespitzt: er denkt mit Hirn, Herz und Hand.

Da es gerade zur Methode der Naturwissenschaft gehört, das betrachtende Subjekt so weit wie möglich auszuklammern, wurden in unserer wissenschaftsgläubigen Zeit die Bezeichnungen „subjektiv“ und „objektiv“ zu wertenden Bezeichnungen. Der Hamburger Bischof Hans-Otto Wölber äußerte 1971 während meiner Hamburger Studienzeit in einem Vortrag in St. Nikolai: „Ich weiß nicht, ob Ihnen je aufgefallen ist, dass man z.B. Objektivität für eine Tugend hält, Subjektivität aber quasi für etwas Unredliches. Wer subjektiv urteilt, scheint nicht gerecht oder nicht informiert zu sein, er scheint Scheuklappen zu haben, er gilt als engstirnig. (…) Es ist nicht einseitig, objektiv zu sein, aber es ist einseitig, subjektiv zu sein.“

Mit diesem im Zeitgeist gegebenen Vorurteil gehen wir oft an die eingangs gestellte Sinnfrage heran, wenn wir überhaupt noch an sie herangehen. So tat ich es selbst in frühester Jugend nach der erwähnten Nietzsche-Lektüre, worin jede „subjektive“ Wahrheit als, „objektiv“ betrachtet, „Illusion“ entlarvt wurde, die uns lediglich etwas vorgaukelt, damit wir beruhigt weitermarschieren wollen und sollen wie ein Pferd mit Scheuklappen, das seines Weges geht ohne zu scheuen, weil es alles, was es erschrecken könnte, nicht sieht. Dieses Verlangen nach Objektivität in allen Angelegenheiten resultiert aus dem feigen Wunsch, „aus der persönlichen Haftung für unser Subjektsein durch die Allgemeinverbindlichkeit des Objektiven entlassen werden zu können“, denn „das Allgemeinverbindliche ist oft zugleich auch das Unverbindliche“, so sagt es der Biologe Joachim Illies („Zoologie des Menschen“, München 1971, S. 86f). Schweitzer spricht von der Angst des Menschen, dass Eigenes von ihm verlangt werden könnte (siehe K I, S. 26), und weiter: „Die Angst vor dem Subjektivismus! (…) Der tiefe Subjektivismus hat den Wert des Objektiven, hat objektive Geltung.“ (siehe K III 1+2, S. 455 ). Vielleicht ist dies auch ein Grund für unser Ausweichen vor der Sinnfrage, denn es kann auf die Sinnfrage keine „objektive“, unverbindliche, persönlich nicht verpflichtende Antwort geben. Schweitzers Ethik ist eine ausgesprochene Gesinnungsethik: Ge-sinnung ist die innerliche Haltung, die sich mir als persönlich verbindlich aus dem Ringen mit der Sinnfrage ergibt.

Schweitzers Art zu denken ist also eine Herausforderung gerade an unsere Zeit. Er klammert sich als denkendes Subjekt nicht aus seinem Denken aus, sondern setzt sich als Subjekt mit all seinem Leiden und Wollen mit der Welt auseinander, um sich ihr und dem Zeitgeist schließlich sinngebend entgegenzustellen. Nur so, als persönliche Verpflichtung, lässt sich Sinn finden.

XI.

Mit dieser Denkweise Schweitzers hängt zusammen, dass Werner Picht über seine wissenschaftlichen Arbeiten schreiben kann: „Er ist in seinen gelehrten Schriften in einem Grade in persona gegenwärtig, der in der wissenschaftlichen Welt geradezu als ungebührlich gilt.“ (W. Picht: „Albert Schweitzer – Wesen und Bedeutung“, Hamburg, 1960, S. 88).

Auch mir nimmt man das manchmal übel, dieses Sich-Einbringen und wieder Herausdestillieren in Selbst-Reflektionen – ein „Wissenschaftler“ bat mich genau deshalb, ihn von der Verteilerliste meiner Rundmails zu streichen. Aber ich schäme mich dieser „Ungebührlichkeit“ nicht. Umgekehrt schrieb mir jemand kürzlich lobend: „Sie mitten drin“. Ja, genau das ist mir ganz wichtig. Immer bringe ich mich mit meinem Leben und Erleben ins Denken ein, ohne wissenschaftliche Akribie zu vernachlässigen, denn ich kann mich nur Sachen widmen, die mich irgendwie berühren – und dieses „irgend-“ muss deutlich werden in einem „-wie“. Das ist die Frucht, die daraus in mir reift, sonst dresche ich bloß leeres Stroh, das andere geschnitten und oft schon mehrfach gedroschen haben. Deshalb sprechen manche von gewissen Doktorarbeiten spöttisch als „Leichenumbettungen“ oder „Erbsenzählerei“, weil sie fast nur aus Zitaten oder Statistiken bestehen, und genau dies soll dann ihre „Wissenschaftlichkeit“ ausmachen, Hauptsache, es wurde korrekt zitiert. Schweitzer dagegen schrieb seine über 300seitige philosophische Doktorarbeit über „Die Religionsphilosophie Kants“ in rein denkerischer Auseinandersetzung bei fast völligem Verzicht auf Sekundärliteratur, da ihm der schwerfällige Bibliotheksbetrieb an der Sorbonne in Paris, wo er sich während des Schreibens aufhielt, zu lästig wurde.

Übrigens, dasselbe gilt auch für die musikalische Interpretation, die man bei allem Respekt vor dem Notentext und dem Willen des Komponisten ohne das tiefe eigene Erleben besser einem Computer überließe. Mit dem Begriff der „Werktreue“ trieb man dieses von aller Subjektivität entschlackte Musizieren als Reaktion auf romantischen Überschwang auf die Spitze. Einer meiner Musikprofessoren machte mir einmal den Vorwurf: „Sie benutzen ja die Musik nur als Vehikel für Ihre Emotionen.“ Ja, was denn sonst! Ohne Emotionen kann es eine Maschine besser.

XII.

Ich komme an den Anfang zurück. Während des Schwimmens war die Sinnfrage bedeutungslos. Danach wurde sie mir unvermittelt und dabei noch scherzhaft vor den Kopf geknallt, und dies riss augenblicklich den Schleier vor der unterbewusst schwelenden Frage herunter. Ich sah mich ihr erneut ausgeliefert und nahm hier nun den Weg über Schweitzers Denken, dessen Ansatz ich für „denk-notwendig“ halte im zweiten Sinn von „notwendig, darüber zu denken“. Ich weiß, wie naiv es ist zu wünschen, dass alle Menschen nur etwas von der ethischen Haltung eines Albert Schweitzers hätten, und dann sähe die Welt anders aus – ein frommer Wunsch … und doch wahr!

Meine Darstellung hier sollte auch nur eine „Krücke“ sein, um zu eigenen, auch anderen Ergebnissen zu kommen, kurz, um zum Denken anzuregen, denn denken Sie an den saloppen Spruch des Physikers und bekannten Kabarettisten Vince Ebert: „Denken Sie selbst – sonst tun’s andere für Sie!“

Nochmals: Sinn müssen wir erarbeiten inmitten der Sinnlosigkeit und Fragwürdigkeit, die uns als Rätsel des Daseins umgibt – es sei denn, jemand ist so sehr eins mit sich und der Welt, dass die Frage gar nicht auftaucht, wie eben während des Schwimmens (soll es geben – wohl dem glücklichen Menschen). Deutlich wurde mir, dass Sinn, wenn überhaupt, eigentlich nur im Ethischen zu finden ist. Bereits in meinem Vortrag vor dem Lions-Club Mainz am 9. Dezember 2014 sagte ich: „Welch eine Größe läge in dem geistigen Fortschritt, wenn sich die Weltreligionen auf dieses Ethische als kleinsten gemeinsamen Nenner einigen könnten. Dabei könnten sie ihre jeweilige Individualität beibehalten, die sozusagen nur die Schale dieses gemeinsamen Kernes ist. Stattdessen streiten wir um das Gefäß und verschütten dabei den Inhalt.“  Wir selbst müssen mit „ganzer Seele“ dafür einstehen, was sein soll und was wir wollen und ersehnen, dass es „ist“, dass es „Wrklichkeit“ (da steckt „wirken“ drin!) wird, anstatt nur dessen Abwesenheit zu beklagen und zu konstatieren, wie negativ alles ist – es ist die Frage, was uns was wert ist, also eine Frage unserer Werte. Nur bei uns selbst können wir ansetzen, diese Werte zu verwirklichen, diese unheimliche Macht des Niederganges des Humanen zu brechen und seine Ausbreitung zu (be)hindern. Wir selbst sind das Einzige, auf das wir Einfluss haben und woran wir etwas ändern können, selbst wenn sonst nichts mehr geht. Deshalb müssen wir es tun. Was jeder einzelne beiträgt, strahlt auf das Ganze aus, auch wenn dies nicht gleich offensichtlich wird, positiv oder negativ.

Wahr ist eben auch, dass Du, lieber Leser dieser Zeilen, die Menschen und die Welt nicht ändern kannst, aber DU kannst und musst Dich entscheiden, ob Du selbst in Deinem Bereich eine Kraft des Guten und des Friedens sein willst, oder ob Du im Großen wie im Kleinen eine menschenverachtende Haltung verstärkst, die den Tod Tausender gedankenlos hinnimmt wie umgestoßene Schachfiguren (wie fast überall in den „sachlichen“ Berichten der Medien), nur weil wir hier (noch) nicht direkt betroffen sind, und der ein Menschenleben nichts gilt und der die Menschen nur Mittel für höchst zweifelhafte Zwecke sind.

XIII.

Ich bin mir bewusst, hier nichts Neues gesagt zu haben, denn es ist eigentlich von den Denkern alles schon gesagt seit der Antike. Aber „Die Menschen wurden nicht gescheit. …Und alles blieb – beim alten.“, wie schon Erich Kästner am Schluss seines Gedichtes „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“ feststellte. Schopenhauer hielt deshalb realistisch und resignierend alles Belehren für vergeblich, wie die Geschichte der Menschheit ihm zeigte. Der Idealist Schweitzer dagegen glaubte an die Wirkung seines Denkens: „Weil ich auf die Kraft der Wahrheit und des Geistes vertraue, glaube ich an die Zukunft der Menschheit. Ethische Welt- und Lebensbejahung enthält optimistisches Wollen und Hoffen unverlierbar in sich. Darum fürchtet sie sich nicht davor, die trübe Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist.“ (LD, S. 201) Ob er sie wirklich sah, „wie sie ist“, oder doch wieder nur durch die gefärbte Brille seines eigenen großen, aber dennoch beschränkten Menschengeistes, lassen wir mal offen – auch, ob wir diese Brille überhaupt jemals ablegen können (das „Ding an sich“ bleibt verborgen, um mit Kant zu reden). In einem Zeitungsausschnitt von 1986, den ich im Original besitze (leider unbekannte Quelle), schreibt Schweitzer 1963 (mit 88, also zwei Jahre vor seinem Tod) über „Die Botschaft des Friedens“ : „Wenn wir sie heute hören, dann ist sie nicht mehr in das Gewand ohnmächtiger Sehnsucht gekleidet. Ihr Ruf hat nun das Gewicht einer nie gekannten Kraft erlangt. (…) Der Frieden besitzt heute eine Macht, die stärker ist, die die stärkste Macht ist. (…) Jene Botschaft, vor zweitausend Jahren verkündet, wird in unseren Tagen verwirklicht, weil Menschen sich endlich besinnen und ihr Schicksal mehr und mehr in die eigene Hand nehmen.“ Sehen wir uns die Welt „in unseren Tagen“, zu Beginn von 2017, an, so scheinen die Tatsachen eher Schopenhauer recht zu geben.

Altes versuchte ich lediglich neu zu sagen („alter Wein in neuen Schläuchen“), weil es leider immer wieder gesagt werden muss – als bescheidene Anregung und in der Hoffnung, dass die ausgestreuten Gedanken hier und da mal auf fruchtbaren Boden fallen und dass dort neues geistiges Leben sprießt. Doch bereits Jesus gab sich in einer Predigt, die er im Boot sitzend hielt, da die Menschen das Seeufer belagerten, keinen Illusionen hin: nur etwa ein Viertel des ausgesäten Samens erreichte fruchtbares Land, denn das erste Viertel fraßen die Vögel, ein zweites landete auf Felsen, und ein drittes wurde von Dornen überwuchert und erstickt (Lukas 8,4; Markus 4,3-8; Matthäus 13,3) .  Aber der gute Boden allein garantiert noch kein Gedeihen – es braucht ebenso des förderlichen Klimas, das wir alle im eigenen Denken und Nachdenken für ein gedeihliches Miteinander schaffen müssen.


Abkürzungen der zitierten oder verwiesenen Werke Schweitzers:

K I = Kulturphilosophie 1. Teil: Verfall und Wiederaufbau der Kultur (München, 1960)

K II = Kulturphilosophie 2. Teil: Kultur und Ethik (München, 1960)

K III 1+2 = Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. Kulturphilosophie III, 2. + 3. Teil (München, 1999)

K III 3+4 = Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. Kulturphilosophie III, 3. + 4. Teil (München, 2000)

LD = Aus meinem Leben und Denken (Siebenstern-Taschenbuch, München und Hamburg, 1965)

KJ = Aus meiner Kindheit und Jugendzeit (München/Bern, 1979)

ChrW = Das Christentum und die Weltreligionen (München, 1978)

StrPr = Straßburger Predigten (München, 1966)

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