Musicalisches Opfer BWV 1079

„Musicalisches Opfer“ BWV 1079 –

Vortrag zum jährlichen, 35. Bachkonzert

zu Bachs Todestag (28.7.) am 29.7.2012 in St. Martin Kelsterbach

mit Solisten des „Main-Barock-Orchesters“

von Rainer Noll

… während des Konzertes …

Friedrich II. von Preußen (1712 – 1786)

Sonate e-moll für Traversflöte und Basso continuo

Grave – Allegro assai – Presto

Meine sehr verehrten Damen und Herren, von dieser galanten Musik wurden Sie soeben hier begrüßt, und ich begrüße hier im Gegenzug ganz herzlich die Solisten des heutigen Abends. –

Es war ein wahrhaft königlicher Gruß, denn kein Geringerer als Preußens König Friedrich II. hat diese Musik komponiert. Ich denke, man muss lange suchen, einen König zu finden, der neben seinen Regierungsgeschäften – und denen widmete er sich akribisch! – persönlich als Flötist mit seinem Orchester musizierte und darüber hinaus noch über 120 solcher Sonaten zu Papier gebracht hat, dazu noch 4 Flötenkonzerte mit Orchester. Um dies alles zu schaffen, stand er um 4 Uhr auf und ging um Mitternacht zu Bett. Welch eine Begabung! Ein wahrer Musensohn … denkt man.

Ein wenig Zeit müssen wir uns noch für ihn nehmen, denn wir feiern einen runden Geburtstag.

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Würde – Krieg – Waffen: Gedankensplitter zu Pfingsten 2022

Improvisation über ein aktuelles Thema

Ein Essay von Rainer Noll

Das Grundgesetz der BRD beginnt mit den Worten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Letztens hörte ich den Satz:

Der Mensch hat diese Würde aus sich heraus.

Das konnte ich nicht so stehenlassen. Was hat denn „der Mensch“ schon „aus sich heraus“? Ohne diese „Würde“ ist er nicht mehr als ein intelligentes Tier. Hat er sie „aus sich heraus“ – oder was gibt ihm eigentlich diese Würde? Diese im Grundgesetz verankerte Würde geht doch wesentlich auf unsere jüdisch-christliche Tradition zurück, auch wenn dies von Atheisten geleugnet werden mag und mancher sie eher von Kant abgeleitet sieht (aber steht Kant nicht selbst schon in dieser Tradition?). Es ist doch diese Metapher der Gottesebenbildlichkeit in der alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte und der damit gegebenen Gotteskindschaft, die allen Menschen erst diese Würde einpflanzt – von selbst hätten wir sie nicht. Niemand, auch der Atheist nicht, verdankt sich sich selbst: wir alle sind Geschaffene und damit Geschöpfe aus einem unergründlichen gemeinsamen Urgrund (egal wie man den nennt). Wir wurden nicht gefragt und haben nichts dazugetan, als wir ins Leben traten, und wir werden auch nicht gefragt, wenn wir dieses wieder verlassen müssen. Alles, was wir haben, haben wir empfangen, wirklich alles, und deshalb betont Paulus immer wieder, dass wir uns nichts rühmen können außer dessen, von dem wir empfangen haben – auch unsere Würde. Luthers letzte Worte sollen ja gewesen sein: „Wir sind Bettler, das ist wahr“ – Habenichtse! „Würde – Krieg – Waffen: Gedankensplitter zu Pfingsten 2022“ weiterlesen

Die Gewitter-Kerze – eine kurze Geschichte von Ursache und Wirkung

Essay zu Pfingsten 2020 von Rainer Noll

Wer kennt eine „Gewitter-Kerze“? Mir ist sie in unseren hessischen Gebreiten noch nie begegnet. Bei uns weiß man dagegen, was ein „Gewitter-Oos“ ist (eigentlich „Gewitter-Aas“ mit mehrdeutiger etymologischer Herkunft): das ist eine zänkische Frau, mit der nicht gut Kirschen essen ist.

Da ist die Bekanntschaft mit einer Gewitter-Kerze wesentlich angenehmer. Doch dazu muss man nach Bayern. Am besten gleich nach Bad Bayersoien im Pfaffenwinkel (unweit von Oberammergau). Dort verbrachte ich seit 1997 immer wieder schöne Urlaube. Bei Anni und Georg Meier wohnte ich in einem heimeligen Zimmerchen mit Seeblick. Mit bombigem Frühstück zahlte ich zuerst 12,50 DM/Tag, zuletzt 14,50 €. 2013 starb plötzlich Herr Meier und 2015 im Spätsommer die Anni, nachdem ich im Frühling noch ihr Gast gewesen war, ganz liebe Menschen, beide erst in den 60ern.

Durch Anni Meier lernte ich die Gewitter-Kerze kennen. Sie wurde im Keller aufbewahrt und war schwarz. Geweiht worden musste sie sein von einem Priester, und zwar an Mariae Lichtmess (2. Februar), sonst sei sie wirkungslos.

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Enfant terrible: Hommage à Reinhold Finkbeiner (1929 – 2010) zum 90.

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Musikfreunde und Bekannte,

noch ehe dieses Jahr (2019) zu ende geht (in die „Rauhnächte“ zw. Weihnachten und Dreikönig passt es gut), will ich des 90. Geburtstages (er wäre bereits am 6.8.19 gewesen) eines der ungewöhnlichsten, für manche auch unmöglichsten Menschen der Kirchenmusikszene als Zeitzeuge gedenken:

Komponist Reinhold Finkbeiner (1929 – 2010)

Wer ihn nicht (mehr) persönlich kannte, möge die folgenden Zeilen als hoffentlich amüsante Erzählung lesen.

Wer sich vorab einen Überblick über sein Leben verschaffen möchte, kann dies hier tun:

https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhold_Finkbeiner

Ich würdige diesen schöpferischen Komponisten mit einer weiteren Live-Aufnahme seiner 1954 komponierten Toccata und Fuge, von mir gespielt im Konzert am 4.4.1976, zugleich ein Dokument der nicht mehr existierenden Walcker-Orgel von 1965 der heute als Jugendzentrum umgenutzten St. Peterskirche in der Frankfurter Bleichstraße:

https://youtu.be/eSv18PXSRmk

Besondere Authentizität erhält diese Aufnahme dadurch, dass der Meister mir höchstpersönlich blätterte und registrierte.

Eine aufnahmetechnisch bessere Live-Aufnahme von 1974 ist hier auf der von mir geplanten Steinmeyer-Orgel in Wiesbaden-Bierstadt zu hören, ebenfalls vom Komponisten „abgesegnet“:

https://youtu.be/zX4RCUZlZIs

Das Werk zählt zu den schwierigsten, die ich je gespielt habe. „Enfant terrible: Hommage à Reinhold Finkbeiner (1929 – 2010) zum 90.“ weiterlesen

Weihnachtsrundmail: Zu Erich Kästner „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“

Zu Erich Kästner: „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“

Weihnachtsrundmail

 Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde,

was gibt es unter der Sonne (und sogar unter dem Mond) an Wesentlichem, das nicht schon gesagt, mehrfach wiederholt und manchmal als „neu“ angepriesen, aber ebenso oft auch vergessen worden wäre?

Besseres und Neueres als in meiner Weihnachtsrundmail von 2012 kann auch ich nicht sagen, und so erlaube ich mir, diese Gedanken von vor sieben Jahren noch einmal zu wiederholen, da sie nie ihre Aktualität verlieren werden.

Bereits im letzten Jahrhundert widmete Erich Kästner (1899-1974) Weihnachten ein Gedicht mit etwas anderen, dissonanteren Tönen, als man sie heute oft in der vom Münchener Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf beklagten Infantilisierung, Bildungsferne und der Verkündigung eines „Kuschelgottes zum Aufwärmen“ und einer „Wellness-Religion zum Wohlfühlen“ vernimmt: „Weihnachtsrundmail: Zu Erich Kästner „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag““ weiterlesen