Orgelkonzert in Colmar 2005

Lothar Graap (* 1933)

1. Fantasia A-(E)S (Hommage à Albert Schweitzer)

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)

2. “Allein Gott in der Höh sei Ehr BWV 663

Johann Gottfried Walther (1684 – 1748)

Concerto h-moll nach Vivaldi

3. Allegro 4. Adagio 5. Allegro

Dick Troost (* 1949)

6. – 11. Partita über “Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“ (Choral mit 5 Variationen, Rainer Noll gewidmet)

Johann Ludwig Krebs (1713 – 1780)

12. Fantasia à gusto italiano in F

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847)

Sonate Nr. 2 c-moll op. 65,2

13. Grave-Adagio 14. Allegro maestoso e vivace 15. Fuga

 

Rainer Noll an der Silbermannorgel (1732) in St. Matthieu, Colmar (Elsaß), am 24. Juli 2005 (Live-Mitschnitt)

(Live-Situation: Die Orgel konnte vor dem Konzert nicht mehr gestimmt werden, da der Schlüssel zum Orgelgehäuse unauffindbar war) Aufnahme: Eckard Gandela – Tontechnik und Covergestaltung: Rainer Noll

25 Jahre Konzerte zu Bachs Todestag in St. Martin Kelsterbach (1977-2002)

Im August 1972, dreiundzwanzigjährig, trat Rainer Noll sein Amt als Kantor an St. Martin in Kelsterbach bei Frankfurt/Main an, bis dahin noch Student in Hamburg. 1977, gleich nach seinem A-Examen in Frankfurt, startete er hier die Reihe der Konzerte zu Bachs Todestag, jeweils am oder um den 28. Juli (Bachs Todestag). Zunächst waren es reine Orgelkonzerte auf der 1970 von Förster & Nicolaus (Lich) erbauten „idealen Bach-Orgel in idealer Akustik“ (so Noll). Werke aller Gattungen des Bachschen Orgelschaffens interpretierte Noll hier in der ihm eigenen beseelt-atmenden Weise, wie er sie bei seinen Forschungen über Albert Schweitzer kennengelernt hatte. Aber auch Kompositionen von Bach-Söhnen, Bach-Schülern und der weiteren Bach-Familie standen auf dem Programm, bis hin zu Uraufführungen von verschiedensten Bearbeitungen über die Tonfolge B-A-C-H, die Noll bei Kurt Fiebig (1908 – 1988), Harald Heilmann (* 1924) und dem französischen Komponisten Gaëtan Santa Maria (* 1957) in Auftrag gegeben hatte.

Dank städtischer finanzieller Unterstützung kam später eine stattliche Zahl Bach-Kantaten und Instrumentalkonzerte hinzu, aufgeführt mit namhaften Solisten, den „Idsteiner Vokalisten“ und dem „Heidelberger Kantatenorchester“ in einer eigenständigen Interpretation, die das Beste aus historischer und traditioneller Aufführungspraxis zu vereinigen sucht.

Die Konzerte werden inzwischen von einem zahlreichen Publikum aus einem Einzugsgebiet von ca. 100 km Umkreis besucht.

Die gesamte Reihe dieser Konzerte ist in Tonaufzeichnungen dokumentiert, und es spricht für ihr Niveau, dass in einer Live-Edition eine Folge von CDs daraus entstanden ist.

Eckard B. Gandela

Meine 30jährige Tätigkeit an St.Martin Kelsterbach (1972 – 2002)

Meine 30jährige Tätigkeit an St.Martin Kelsterbach (1972 – 2002)

Mein Schwerpunkt war und ist gerade die künstlerische Arbeit. Diese versuchte ich immer im Rahmen der Kelsterbacher Möglichkeiten zu intensivieren, so weit dies nur irgend ging (durch Qualität, und nicht Quantität). Stets hielt ich meinen künstlerischen Anspruch aufrecht, auch wenn es oft schwierig war, und dies ist in Zeiten kultureller Verflachung besonders wichtig.

1977 hatte ich mein A-Examen abgelegt und startete gleich mit einer ganzen Reihe von Konzerten, darunter das längst zur Tradition gewordene Konzert zu Bachs Todestag, dessen 25. wir am 28. Juli 2002 begingen (siehe dazu beil. Text von Eckard Gandela sowie die Rede von Dr. Werner Ball zu meinem 25jährigen Dienstjubiläum). – Diese Bach-Konzerte begannen als reine Orgelkonzerte, in denen ich alle Gattungen des Bachschen Orgelschaffens vorstellte. Erst dank städtischer finanzieller Mittel wurden auch Ensemble-Aufführungen mit hochrangigen Solisten, dem „Heidelberger Kantatenorchester“ und den „Idsteiner Vokalisten“, die ich seit 1995 projektweise leite, möglich. Erst diese städtische Unterstützung ermöglichte mir ein anspruchsvolles Tätigwerden als Dirigent. Eine weitere finanzielle Hilfe bietet der 1998 von mir gegründete Förderkreis.

Auch andere Anlässe wurden musikalisch ausgestaltet in Konzerten, musikalischen Andachten und Kantatengottesdiensten mit der Kantorei St. Martin, so der Todestag von Albert Schweitzer, die Passionszeit und Karfreitag, der Reformationstag, der Bußtag oder der Totensonntag, die Advents- und Weihnachtszeit mit manchmal mehreren Veranstaltungen (am 7. Dezember 2002 musizierten wir die 20. „Abendmusik zum Weihnachtsmarkt“). Dazwischen fanden verschiedene Konzerte statt, z.B. mit Gastchören (Sulzbacher Kantorei, Alsfelder Vokalensemble, Dillenburger Kantorei, Rundfunk- und Fernsehchor St. Petersburg – jetzt „Stimmen der Newa“), oder auch mit Gastorganisten aus Deutschland, Holland, der Tschechischen Republik, Israel, England, Japan und den USA. Hierbei, und natürlich auch bei meinen anderen Konzerten, bewährte sich immer wieder die besondere Akustik und die klanglich herausragende Orgel der Martinskirche, die im Oktober 2002 mit einer Setzeranlage optimal aufgerüstet wurde. Ich selbst spielte und dirigierte natürlich auch außerhalb Konzerte in mehreren europäischen Ländern und den USA. Dazu kamen noch Vorträge, Veröffentlichungen in Fachzeitschriften sowie das Ordnen und Katalogisieren des gesamten musikalischen Nachlasses von Albert Schweitzer, das sich über Jahre hinzog und für das ich eine Freistellung für wissenschaftliches Arbeiten erhielt. Als künstlerischer Leiter der „Airport Chapel Concerts“ des Flughafens Frankfurt nahm ich sofort die Gelegenheit wahr, mit Konzerten ins unmittelbare Umfeld zu gehen (1981/82, in Zusammenarbeit mit Flughafenpfarrer Lindenmeyer).

Selten wiederholte sich ein Werk in den Programmen meiner Konzerte, jedes Programm wurde ganz neu erarbeitet. Mein Repertoire umfasst Musik mehrerer Jahrhunderte. Dabei war mir auch immer besonders wichtig, dass das Schaffen der Gegenwart vertreten war. Namhafte Komponisten aus Deutschland, Holland und Frankreich widmeten mir sogar Werke für Uraufführungen und reisten dazu meist persönlich an.

Besonderen Wert lege ich auf die Gestaltung der Programme sowie der Programmhefte, in die ich möglichst den neuesten Stand der musikwissenschaftlichen Forschung einbeziehe (persönliche Kontakte zu führenden Forschern wie z.B. Ton Koopman, Christoph Wolff und Albert Clement waren dem nur förderlich).

Inzwischen haben sich musikalische Schwerpunkte herauskristallisiert, zu denen das stets zahlreiche und sehr interessierte Publikum aus ca. 100 km Umkreis und weiter anreist. Sein Publikum sollte man allerdings auch pflegen, und dies tue ich durch persönliche Einladungen und sonstige möglichst persönliche Kontaktpflege. Dazu habe ich über Jahre eine Interessentenkartei aufgebaut, die ich ständig aktualisiere und verwalte. Auch eine intensive Medienarbeit sei hier erwähnt.

Fast alle Konzerte seit meinem Amtsantritt (1972) sind als Tondokumente in bester Klangqualität aufgezeichnet, was eine Seltenheit sein dürfte. Hierfür habe ich mir eine hochwertige Aufnahmeausrüstung sowie ein Tonstudio zugelegt, so dass bisher über zehn CDs aus diesem Fundus veröffentlicht werden konnten, die ich tontechnisch und teils gestalterisch selbst betreue. Es handelt sich ausschließlich um Live-Aufnahmen, die somit wie nichts anderes meine bisherige Arbeit sowohl als Organist wie als Dirigent dokumentieren.

Wer wirklich künstlerisch arbeitet, der tut dies in völliger Selbstvergessenheit und ohne zu fragen in totaler Hingabe, einzig im Hinblick auf die Freude an der Vollkommenheit des Ergebnisses, womit er sein Publikum beglückt, erhebt und bessert.

Daneben gründete ich 1990 die „Torhauskonzerte“, die einmal jährlich im „Erbacher Hof“ in Wiesbaden-Nordenstadt, dem mittelalterlichen Bauernhof meiner Vorfahren, stattfinden und deren 10. Elmar Gunsch moderierte. Dort finden auch seit 2000 musikalische Weinproben statt.

Rainer Noll

Pfarrer Wolfgang Lichtenthaeler (10. April 1934 – 21. Januar 2014) zum 80. Geburtstag

von Rainer Noll (März/April 2014)

Heute, am 10. April 2014, wäre Pfr. Wolfgang Lichtenthaeler, Ehrenbürger der Stadt Kelsterbach, 80 Jahre alt geworden. Er ist am 21. Januar d. J. verstorben, sozusagen kurz bevor meine eigene Dienstzeit als Kantor an St. Martin in Kelsterbach sich nach fast 42 Jahren dem Ende zuneigt – ein Zusammentreffen, das mich berührt hat.

Ohne ihn wäre mein Leben anders verlaufen – anders: ob besser oder schlechter, sei dahingestellt, man kann die Begegnung aber getrost schicksalhaft nennen. So will ich mit diesen Zeilen seiner gedenken im Sinne des lateinischen Sprichwortes „de mortuis nihil nisi bene“, das sicher einem Menschen angemessen erscheint, der die lateinische Sprache liebte (einmal las er mir nach einem anstrengenden Konzert in Frankfurt nachts um 3 Uhr im Pfarrhaus lautmalerische Verse von Ovid zur Entspannung beim Tee, seinem bevorzugten Getränk, vor). Ja, er verstieg sich sogar zu der überspitzten und sicher nicht wörtlich gemeinten Äußerung, dass der Mensch erst bei Latein begänne.

„De mortuis nihil nisi bene“: meist wird das Wort falsch verstanden als „über die Toten (soll man) nichts, es sei denn nur Gutes (sagen)“. Aber wenn schon Latein, dann richtig: „bene“ ist hier adverbial, die Art und Weise betreffend, und meint „auf gute, bzw. angemessene Weise“. Dies bedeutet mehr als „nur Gutes sagen“, denn es schließt auch kritische Worte nicht aus, wenn sie wohlwollend und die Würde des Toten, der sich nicht mehr verteidigen kann, nicht verletzend gesagt werden. In diesem Sinne will ich versuchen, unsere Begegnung und Beziehung zu würdigen. Und wieder ist es, wie schon in meinen Nachrufen für Pastor Reinhold Becker und Pfr. Max Beck (siehe http://www.erbacher-hof.de/reinhold-becker und http://www.erbacher-hof.de/max_beck), unmöglich, über ihn zu reden ohne zugleich über mich selbst.

Zu seinem 75. Geburtstag am 10. April 2009 sandte ich ihm einen Brief, der eigentlich in komprimierter Weise alles Wesentliche sagt (siehe unten, hier erstmals veröffentlicht). Dieser Geburtstag war genau an Karfreitag, als meine Passionsmusiken zu Karfreitag in St. Martin sich gerade zum 30. Mal jährten (1979 – 2009). Ich nahm dies zum Anlass, alle vorhandenen Live-Mitschnitte dieser Musiken zu bearbeiten und auf CD zu brennen, was eine große Arbeit bedeutete. Sie gelang, und ich legte die ca. 20 CDs dem Brief bei als Geburtstagsgeschenk. Die meisten enthielten ja seine Stimme bei den Lesungen, die er in den Passionsmusiken von 1979 bis 1999 hielt. Er rief mich später an und bedankte sich herzlich. Er nannte diese CDs eine „Sensation“, er könne die Musik jetzt besser würdigen als damals als durch die eigene Beteiligung Abgelenkter. Sie machten sogar schon die Runde in seinem Bekanntenkreis außerhalb Kelsterbachs, wo sie mit großer Begeisterung gehört würden. – Zum 80. Geburtstag nun dieser Text:


Es war im März 1972. Ich studierte damals in Hamburg Klavier als Hauptfach, nachdem ich das Kirchenmusikstudium dort vorerst mit der C-Prüfung abgeschlossen und hinter mir gelassen hatte (wobei die C-Prüfung in Hamburg seinerzeit etwa dem Anspruch von B in Hessen entsprach). Nun war ich in den Frühjahrsferien bei meinen Eltern in Nordenstadt. Ein Schüler von mir (Günter Bär) wusste von einer neuen Orgel in Frankfurt-Niederrad, zu der wir fuhren, und die wir enttäuscht verließen. Aber man hatte uns dort gesagt, dass in der Martinskirche in Kelsterbach, das sozusagen auf dem Heimweg lag, eine wirklich gelungene neue Orgel zu finden sei. Im Pfarrbüro empfing uns schon damals die Sekretärin Helga Rehwagen, die noch Jahrzehnte dort wirkte, und schickte uns zum Pfarrer ins „Sälchen“ hinter der Kirche, wo die Frauenhilfe Kaffee trank (es muss also ein Mittwoch gewesen sein – heute noch trinkt die Frauenhilfe mittwochs Kaffee). Nur den Pfarrer konnten wir nicht finden, wir sahen nur weißhaarige Frauenköpfe in der Runde. Wie ein Schock wirke es auf uns, als sich plötzlich ein relativ junger Mann (damals 37) mit den Worten „ei hier isser doch!“ erhob, dessen prächtiger weißer Haarschopf sich in nichts von dem der alten Damen unterschied. Er führte uns in die Kirche. Ich spielte Bachs D-Dur-Präludium auswendig (wie schon 1967 in Siena bei Germani) und war hin und weg von der Klangschönheit der Orgel, die mich an den Klang der großen Michaelis-Orgel in Hamburg erinnerte, wo ich zuvor konzertiert hatte („Liebe auf den ersten Klang“ wurde einmal ein Zeitungsinterview darüber betitelt). Aber nicht nur ich war hin und weg: auch der Pfarrer war es von meinem Spiel, erwartete mich unten mit vor Staunen offenem Mund und bot mir auf der Stelle das Kantorenamt an, das gerade vakant sei. Nun blieb mir der Mund offen stehen vor Überraschung. Dies war ja keine Entscheidung für einen Moment, zumal ich schon für das Sommersemester in Hamburg eingeschrieben war. „Wir warten auf Sie,“ sagte der Pfarrer und hielt Wort: am 1. August 1972 trat ich das Kantorenamt an St. Martin als Dreiundzwanzigjähriger an. Als dritter Hauptamtlicher auf dieser B-Stelle nach Lore Hübner und Sieglinde Hohn, obwohl ich ja erst die C-Prüfung für das Nebenamt hatte (wäre bei heutiger Bürokratie nicht mehr möglich und war es auch damals nur dank der unglaublichen Raffinesse des Pfarrers). Und obwohl sich zuvor schon einige hauptamtliche Kantoren und Kantorinnen beworben hatten (wie ich erst viel später erfahren habe, darunter z.B. auch die früh verstorbene Dr. Christine Finkbeiner, Frau des  Frankfurter Organisten und Komponisten Reinhold Finkbeiner, 1929 – 2010). Natürlich wurde auch mein geringes Alter kritisiert – dazu Lichtenthaeler weise: „Das gibt sich von selbst und wird mit jedem Tag besser!“ – wie recht er hatte (auch, wenn inzwischen ein Wendepunkt erreicht ist, an dem sich diese Aussage langsam ins Gegenteil kehrt)!

Zu sehr günstigen Konditionen erhielt ich die Wohnung im Kindergarten, die idealer nicht sein konnte, da man hier Tag und Nacht üben kann, ohne zu stören. Ein Klavier konnte ich mir anfangs jedoch noch nicht leisten, denn ich erhielt einen sehr geringen Lohn, wofür mich aber die Begeisterung für die wunderbare Orgel mehr als entschädigte, die ich heute noch liebe wie am ersten Tag.

Nun musste ich wieder Kirchenmusik studieren und wollte zunächst ganz bescheiden die B-Prüfung an der Kirchenmusikschule in Frankfurt nachholen … und fiel bei der Aufnahmeprüfung durch (tat nicht „fromm“ genug). Darauf ging ich direkt zur Staatlichen Hochschule für Musik zum A-Studium … und wurde sofort aufgenommen. Dort legte ich 1977 die A-Prüfung ab, wodurch ich plötzlich für die B-Stelle an St. Martin überqualifiziert war, während ich die Jahre zuvor zumindest auf dem Papier als „unterqualifiziert“ galt (Gott sei Dank nur den Prüfungspapieren nach!). Diese „Papiere“, ohne die man in unserer Gesellschaft „nichts“ ist, waren mir so egal, dass ich fast auf das Weiterstudium verzichtet hätte und wie durch ein Wunder diesen Abschluss hinter mich brachte, den ich für mich nicht gebraucht hätte, um zu wissen, was ich konnte (dafür wurde mir in der Hochschule bewusst, was man dort alles nicht lernte und deshalb so schnell wie möglich da raus musste – Nikolaus Harnoncourt äußert sich oft ähnlich). Aber der Pfarrer drängte mich zu dieser formalen Erfüllung (wofür ich ihm dankbar bin, denn ohne sie kann man können, was man will, es zählt heute nichts – selbst ein Bach wäre unter diesen Bedingungen heute nichts: er hatte weder Studium noch Abschluss auf dem Papier!).

Meine liturgiewissenschaftliche Staatsexamensarbeit über „Die Entwicklung des Eucharistischen Hochgebetes“ ließ er bei seinem Buchbinder als Buch in geringer Auflage binden.

Einmal hatte ich beim Studium in Frankfurt mein Portemonnaie mit 200 DM (ca. 1/3 meines Monatseinkommens) verloren – der Pfarrer ersetzte mir sofort und ungebeten den großen Verlust aus der „Portokasse“!

Er selbst war immer, ob dienstlich oder privat, äußerst korrekt (und oft teuer) gekleidet, von klassisch bis manchmal auch auffallend exzentrisch, aber meine bescheidene Kleidung passte ihm nicht. So fuhr er mit mir zum Einkleiden ganz nach der damaligen Mode nach Mainz und Frankfurt: bunte Hemden und Krawatten, dazu passende Jacken, enge Hosen mit breitem Bund und weitem Schlag, Schuhe mit hohen Absätzen usw. – aber zahlen musste ich natürlich selbst, es kostete mich fast zwei Monatseinkommen, ja, allein die Pelzmütze aus sibirischem Biber fraß einen Monatslohn, aber sie ist heute noch wie neu (Qualität!).

Gleich im zweiten Jahr meiner Tätigkeit ließ er auf meinen Wunsch das gerade Orgelpedal gegen ein radiales auswechseln, das meiner „Germani-Pedaltechnik“ sehr entgegen kam – und er ließ es die Frauenhilfe bezahlen. Überhaupt legte er immer Wert darauf, dass jeder „gutes Handwerkszeug“ hatte, denn er sei ja selber „Handwerker“ (er war auch gelernter Schlosser).

Er nannte es eine „Spielwiese“, die er mir neben dem Studium in Kelsterbach bieten wollte. Denn er dachte, dass ich danach andere Wege ginge und ihm nicht in die Quere kommen würde. Schützend hielt er seine Hand über mich, was manchmal einer „Schutzhaft“ gleichkam und mich isoliert und (zu meinem Glück damals!) blind für die niederziehende Realität meiner unmittelbaren Umgebung und damit frei und ungehemmt in meinem künstlerischen Elan machte (er war sich immerhin dessen bewusst, was er tat – manchmal zahlt man für die Kunst mit geradezu notwendigem Realitätsverlust). Nie wurde ich in diesen ersten fünf Jahren (und leider auch später kaum) zum Kirchenvorstand eingeladen (man muss fast sagen „vorgelassen“), damit die grundverschiedenen Welten sich nicht gar zu hart im Raume stießen. Dem Kirchenvorstand erzählte er: „So en Künstler is für uns wie so e fremd Dier, dem mir besser aus’m Wech gehe!“ (er sprach „mänzerisch“ und war auch im Mainzer Carneval aktiv). Er selbst schätzte meine Kunst, war sich aber immer bewusst, dass sie nicht recht zur Umgebung passte (in der er ja selbst eigentlich ein „Exot“ war – Solidargemeinschaft eigener Art!). Primitive Angriffe aus dem Kirchenvorstand ließ er einfach abblitzen oder verteidigte mich, was die Kirchenvorsteher gegen mich aufbrachte – denn gegen ihn waren sie letztlich machtlos. Diesbezüglich sagte mir einmal ein älterer Kirchenvorsteher (ich nenne bewusst keine Namen – viele sind längst tot) in einem der seltenen offenen Momente bildhaft: „Wenn wir den ,Schwarzkittel‘ vor uns haben, dann gehen wir automatisch auf die Knie – das ist bei uns einfach drin von Jugend an.“ Der Pfarrer wusste sehr wohl, weshalb er die Kirchenvorstandssitzungen nur im „Schwarzkittel“ (priesterliches schwarzes Gewand mit weißem Kragen, das er auch bis zuletzt bei offiziellen Anlässen trug, siehe Fotos) und streng hierarchischer Sitzordnung abhielt!

Ein harmloses Beispiel solcher Angriffe, wie sie öfter vorkamen, eigentlich zum Schmunzeln, wenn es nicht zu traurig wäre: Gleich in meinem ersten Ostergottesdienst 1973 spielte ich Bachs D-Dur-Präludium (ein Osterstück par excellence). Als ich an die erregenden Schlusstakte mit Doppelpedal und fast Regerschen Akkordballungen kam, stand ein alter Kirchenvorsteher, sich sicherlich nicht leichtfertig in seine Verantwortung nehmend, auf und wandte sich besorgt und um noch größeres Unheil abzuwenden an den vorne auf der Seitenbank lauschenden Pfarrer: „Jetzt wird’s aber Zeit, dass Sie einschreiten – der macht ja die ganze Orgel kaputt!“  Offenbar nichts so Ungewöhnliches und nicht neu für mich: 1967 spielte ich César Francks a-moll-Choral in einem Konzert in Delkenheim, worauf mir auch der dortige Kirchenvorstand das Spielen auf „unserer“ Orgel aus gleichem Grund verbot, so „modern“ erschien ihnen die Harmonik! – In meinem Antrittsgottesdienst 1964 in Nordenstadt bekamen nach eigener Aussage einige fromme Frauen „fast einen Herzinfarkt“, so elementar wirkte damals noch Bachs d-moll-Toccata auf schlichte Gemüter (und wie dann erst zur Bach-Zeit!). Der Kirchenvorstand ließ sogleich die Register Mixtur und Trompete lahmlegen vom Orgelbauer, damit ich nicht mehr so „dramatisch“ spielen konnte! Eigenhändig machte ich das rückgängig…

Ich war quasi des Pfarrers „Geschöpf“ und bis zu jener A-Prüfung eigentlich nur als „Kantor von seinen Gnaden“ und zu seiner Freude angestellt (wie Künstler früher an Adelshöfen). Das sollte sich nach der A-Prüfung, die mich zumindest anstellungsmäßig von ihm unabhängig machte, ändern (auch erhielt ich nun besseren Lohn, der mich aber ebenso wenig interessierte wie diese „Prüfungspapiere“). Denn befreit von der Hochschule legte ich gleich mit einzelnen Konzerten und Konzertreihen los, die ja fast alle noch bis heute bestehen (damals von einigen Musikvereinen, die im Jahr nur ein Konzert zustande brachten, als „Konkurrenz“ beneidet und angefeindet). Damit stieg auch mein Ansehen, besonders außerhalb Kelsterbachs, was sich auch in steigenden Besucherzahlen von auswärtigen Konzertgästen zeigte (von Kirchenvorstehern, die nie in die Konzerte kamen, hörte ich dann: „Was haben denn die Auswärtigen hier zu suchen, das sind doch unsere Veranstaltungen.“ Einmal allerdings ereilte mich unvorhersehbares Lob bei der Bekanntgabe meiner Konzerttermine: „Bravo! Da haben wir doch was, um die Christuskirche [Nachbargemeinde] zu übertrumpfen!“). Hier gerieten dann doch des Pfarrers ehrlicher Stolz auf den Kantor einerseits und andererseits Eitelkeit und Eifersucht in inneren Konflikt (unausgesprochen galt „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“). Wie mir versichert wurde, gab es in Sitzungen solche und ähnliche Äußerungen von Kirchenvorstehern: „Der Noll darf uns hier nicht zu groß werden, dem müssen wir die Flügel stutzen, bevor er abhebt.“ … was ihnen in Kelsterbach gelungen ist. Der Pfarrer hielt sich zurück, aber widersprach solchen Tendenzen nicht mehr, wodurch er sie passiv und indirekt gedeihen ließ – es war nun leider willkommener Wind auf seine Mühlen. Statt sich meine Erfolge auf die eigene Fahne zu schreiben, ließ man in der Gemeinde meine Bemühungen einfach ins Leere laufen (ein Kirchenvorsteher sagte einmal richtig, man ließe mich „am ausgestreckten Arm verhungern“). Nun prallten also doch noch die verschiedenen Welten zunehmend aufeinander – nur jetzt war die „schützende Hand“ bewusst abgezogen und die Dinge stießen sich desto härter im Raum (aus „Liebe“ sei „Hassliebe“ geworden, wurde gesagt).

Dem Verhältnis abträglich war auch meine Position als stellvertretender Vorsitzender der Mitarbeitervertretung des Dekanats ab 1979 (später sogar Vorsitzender), zumal ich nun amtlich gegen manchmal zu willkürliche Selbstherrlichkeit des Pfarrers gegenüber anderen Mitarbeiter vorgehen musste. Wieder versuchte mich ein alter Kirchenvorsteher in der Konfliktsituation wohlwollend aufzuklären: „Warum kriechen Sie dem nicht einfach hinten rein? Wir machen’s doch auch so und haben unsere Ruhe!“

Und dem allem zum Trotz hielt ich zäh an meinem musikalischen Anspruch fest, wenngleich meinem künstlerischen Elan das Leben zunehmend schwer gemacht wurde (später, 2003, dann noch durch die fast ungewollt, weil dilettantische „feindliche Übernahme“ ins Dekanat mit fast einjährigem Tauziehen per Anwalt um lähmende, vollkommen unkünstlerische Prozenteinteilungen der Arbeit, aber das wäre ein anderes Kapitel – immerhin hätte ein Pfr. Lichtenthaeler sowas nicht mit einem Mitarbeiter machen lassen: er stellte sich nach außen immer mit allen Mitteln vor seine Leute, auch wenn er intern „seine Hühner lieber selber sengte“, wie eine Mitarbeiterin einmal treffend sagte, eben fast wie bei einem absoluten Herrscher).

Bei all dem blieb in meinem Fall doch im Hintergrund immer die Achtung selbst in heftigem Streit (möge mancher Übereifer von beiden Seiten vergeben sein!), da er wusste, wen er vor sich hatte, aber er zeigte sie nicht mehr nach außen. Auch achtete er immer die Kompetenz des Kantors, redete in musikalische Fragen nicht hinein und verwies immer auf die alleinige Zuständigkeit des Kantors dafür (was nach ihm leider nicht mehr immer der Fall war).

Wie man mir ebenfalls glaubhaft versicherte, soll er mich in der Chronik der Martinsgemeinde, die ich selbst wohl nicht einsehen darf, als einzigen nur in höchsten Tönen lobend erwähnt haben, was manch einem (der dies aber lesen darf) gar nicht schmeckt.

Die Lieder erhielt ich immer vier Wochen voraus. Das Lied nach der Predigt durfte ich nach Belieben streichen, wenn ich dafür ein passendes Musikstück anzubieten hatte. Dazu schrieb ich dann immer einen kurzen erläuternden Text, den er ohne Abstriche wörtlich verlas (in letzter Zeit, ca. 2001-03, wurde dagegen sogar die Abkündigung des Nachspiels mit den Lebensdaten des jeweiligen Komponisten verweigert mit der Begründung, der Gottesdienst sei kein Konzert, wofür bei mir auch nie die geringste Tendenz vorlag!).

Bekannt war auch sein schlagfertiger, hintertgründig-schwarzer Humor, mit dem nicht jeder zurecht kam. Ein Beispiel: Bei Regen war ich auf dem Weg zum Gottesdienst ausgerutscht, gestürzt und hatte mich mit dem Schirm knapp neben dem Auge blutend verletzt. Als er mich so sah, sagte er ohne eine Sekunde zu überlegen: „Jetzt weiß ich, was wir heute singen: O Haupt, voll Blut und Wunden.“

Wolfgang Lichtenthaeler war Pfarrer an St. Martin von 1964 bis 1999. Gemeindeaufbau war bei ihm fast im wörtlichen Sinn eine vorbildliche Bautätigkeit, wofür er immer (wie, bleibt sein Geheimnis) zum richtigen Zeitpunkt die nötigen Mittel auftrieb. Als ca. 1998 der damals neue Landeskirchenmusikdirektor Michael Graf Münster bei mir in Kelsterbach seinen Antrittsbesuch machte, fiel diesem besonders „der für die EKHN untypische gepflegte Zustand aller Gebäude“ auf. Um nur einiges zu nennen: Kindergarten, Modernisierung des Pfarrhauses, das noch sehr lange nur mit Kohleöfen beheizt wurde, Haus Festeburg, Renovierung der Kirche, Schwesternstation, die Erweiterung des Geläuts auf fünf Glocken und nicht zuletzt eben die Förster & Nicolaus-Orgel von 1970, über die ich ausführlich schrieb (siehe http://www.erbacher-hof.de/orgel/kelsterbach/StMartin) – am 1. März 2014 ist nun auch der Erbauer der Orgel, Orgelbaumeister Manfred Nicolaus (geb. 1924), in Lich verstorben (bei der Planung öffnete der Pfarrer ganz bewusst eine Flasche Auslese und stieß mit Herrn Nicolaus an mit den Worten: „Ich verstehe nichts von Orgeln, aber wie dieser Wein soll die neue Orgel klingen.“).

Dieser Orgelartikel erschien dann zuerst in „Der Martinsbote“, Juli/August/September 2012, später auch etwas abgeändert in „Ars Organi“ (2/2013), wobei die Redaktion den Namen Lichtenthaeler, warum auch immer, gestrichen hatte. Ich sorgte dafür, dass er wieder aufgenommen wurde. Wieder rief er bei mir an, um sich zu bedanken. Sehr überschwänglich nannte er meinen Text „die schönste Liebeserklärung, die mir in Kelsterbach gemacht wurde“.

Er wusste, was er an „unserer“ Orgel hatte. Lange nach seiner Pensionierung kam er einmal zurück von Freiberg in Sachsen, wo er die berühmte Silbermann-Orgel gehört hatte, und schilderte mir pointiert seinen Klangeindruck: „Unne brummt’s, owwe klingelt’s, un in de Midd nix – da brauche mir uns nit zu verstecke.“ Ich stimme voll zu.

Er war eine dominierende Persönlichkeit. Und er war auch ein „bunter Vogel“ (oft sogar direkt durch auffallende Kleidung), eine unverkennbare Farbe in der oft tristen Landschaft. Manchmal ging er auch bis an die Grenze der Legalität – immer unter der Frage „cui bono?“, „wem nützt es?“ Leider gibt es immer weniger solcher Menschen, denn eine immer enger geschraubte Normierung, Überwachung (heute auch digital bis in die Privatsphäre) und Bürokratie lässt in Politik und Kirche fast nur noch allen spießigen und kleinlichen Kriterien genügende Stromlinientypen hochkommen, die so langweilig sind, dass sie einfach gegen nichts, aber auch gar nichts verstoßen können, auch nicht, wo es nötig ist, z. B. um Anstoß zu erregen um anzuregen, wie Jesus selbst es tat (und gerade deshalb so viel falsch machen und wirkungslos bleiben!), und deren einzige Farbe grau ist – Medaillen, die immer zwei Seiten haben müssten, hier aber nur eine haben, und die oft nicht mal geprägt. Aber keine Verklärung: Leicht ist es allerdings nicht, mit solchen geprägten Persönlichkeiten zu leben und zu arbeiten (einer seiner Söhne sagte einmal: „Wenn mein Vater ein Zimmer betritt, dann ist das Zimmer voll“). Aber aus der Distanz, nicht als gelebte, sondern erzählte Geschichte, wird daraus etwas wie erlebte Literatur, oft so unglaublich, wie sie sich kein Schriftsteller ausdenken könnte. Hier wäre noch viel von Pfr. Lichtenthaeler zu erzählen, wie es heute nur weniges zu erleben gibt (und wenn ich es immer wieder erzähle in gewissen Kreisen, fasziniert es die Menschen, eben weil man nicht mehr unmittelbar betroffen ist).

Er residierte in dem stattlichen Pfarrhaus wie ein Fürstbischof in seinem Schloss (wozu auch sein prächtiger Siegelring passte), das er mit den kostbarsten Kunstschätzen angefüllt hatte, wie man sie sich selbst mit einem Pfarrergehalt kaum leisten konnte. Man konnte sich kaum vorstellen, dass er es je verlassen würde. Als einer seiner Söhne Theologie studierte, befürchteten alle, dass er so etwas wie eine „Familiendynastie“ mit seinem Sohn als Nachfolger einrichten wollte. Aber gerade hier zeigte er für alle unerwartet wahre Größe: nach seiner Emeritierung hat er sich nie mehr in Belange der Martinsgemeinde eingemischt, und dies, obwohl er in Kelsterbach wohnen blieb und ein Haus im Gebiet der Nachbargemeinde bezog. Lange genug hatte er selbst anfangs unter der Tyrannei seines Vorgängers gelitten, und das wollte er aus eigener Erfahrung seinem Nachfolger ersparen – und hielt Wort.

Nie war ihm ein Gottesdienst zu viel. Jahrelang betreute er die Friedensgemeinde mit und hielt selbst dort zusätzlich alle Gottesdienste und Kirchenvorstandssitzungen. In meinen ersten Jahren (es waren bestimmt fast 10 Jahre) fand zusätzlich zum Sonntagsgottesdienst jeden Mittwoch eine Andacht statt, später nur noch in der Advents- und Passionszeit (regelmäßig von mir musikalisch ausgestaltet). Im laufenden Jahr entfielen dann erstmals die Passionsandachten wegen der Vakanzzeit.. Eine kaum zu überschätzende Stütze war ihm allerdings bis zuletzt seine fähige Ganztagssekretärin Helga Rehwagen, die alles im Griff hatte.

Am Palmsonntag, dem 24. März 2013, hielt er als Vertreter seinen letzten Gottesdienst in St. Martin, wo er nur noch selten predigte (dagegen häufig im Dekanat). An der Liturgie wurde in seiner Amtszeit nie ein Jota geändert, und auch diesen Gottesdienst musste ich nach „seiner“ alten Ordnung spielen, wie ich es früher 27 Jahre lang getan hatte (so lange überschnitt sich unsere Dienstzeit). Diese Predigt ging einem unter die Haut, denn er sprach über die unausweichliche Gewissheit des Todes, besonders seines eigenen … und ließ eine leise Sehnsucht danach und Neugier darauf durchklingen (nur, wenn er seine Frau dahinten sitzen sähe, wolle er gern noch ein bisschen bleiben).

Bereits schwer von Krankheit gezeichnet, besuchte es das Bach-Konzert am 28. Juli 2013 und saß oben im „Halbmond“, wie er die rundbogenförmige rückseitige Emporennische nannte. Dies war auch zugleich mein letztes Bach-Konzert, das 36. in dieser Reihe (1977 – 2013). Später schickte ich ihm die CD dieses Konzertes mit besten Genesungswünschen und der Bemerkung, sein Besuch habe das Konzert „geadelt“.

Mit seiner Frau Berber (Pfarrerin und Tochter des Mainzer Theologieprofessors Eugen Ludwig Rapp und einer holländischen Mutter) besuchte er die Christmette in St. Martin um 22 Uhr an Heiligabend 2013. Am Ausgang hörte ich die letzten Worte, die er in diesem Leben zu mir sprach: „Das Bach-Konzert war ganz, ganz großartig.


(hier folgt mein Brief zum 75. Geburtstag von Pfr. Wolfgang Lichtenthaeler am 10. April, dem Karfreitag des Jahres 2009):

Sehr geehrter, lieber Herr Pfr. Lichtenthaeler,

zu Ihrem 75. Geburtstag möchte ich Ihnen herzlich gratulieren, und zwar wie es dem besonderen Tag angemessen ist. Am Karfreitag Geburtstag haben: da kann man wirklich nicht sagen „Alle Jahre wieder…“. Bisher hatten Sie das erst zweimal im Leben, 1936 und 1998. Das nächste Mal wird es 2020 sein. Also durchhalten, sonst müssen Sie bis 2093 oder gar 2099 warten!In meinem Alter (und von Alter muss ich ja nun wahrlich schon reden) fängt man wie der alte Bach an, zu sichten, zu sammeln, zu sichern und zu sehen, was bleibt (vielleicht!!). Dies ist eine mühsame Arbeit (die letzten Wochen gab es wenig Schlaf), und als ein Zwischenergebnis lege ich Ihnen als erstem zum Geburtstag an diesem Karfreitag alle in St. Martin stattgefundenen Karfreitagsmusiken der letzten 30 Jahre vor (nicht jedes Jahr fand anfänglich eine statt), davon 20 Jahre immerhin im Zusammenwirken mit Ihnen. Es sind Dokumente, die in dieser Geballtheit zumindest bezeugen, dass da spirituell und kulturell nicht nichts war, um es einmal bescheiden auszudrücken. Ich gebe zu, ich war beim jetzigen (zwangsweisen) Durchhören selbst von dem Ergebnis überrascht, manchmal bewegt. Allein die Summe dieser Karfreitagsmusiken könnte man als befriedigende (weil gelungene) Lebensleistung betrachten – etwas, das sich nur im Rückblick sagen lässt. Aber dies ist ja nur eine Teilsumme, dazu eine noch offene.Das Besondere daran ist, dass sozusagen alles „aus einer Hand“ kommt, angefangen von der Musik über die Tontechnik, die Covergestaltung, die Herstellung (Brennen und Drucken) bis hin zum Schneiden und Einlegen der Cover (das tue ich ja alles ohne jede Hilfe, und es ist ein Glück, dass ich auch dies selbst kann). So hat alles eine persönliche Note, auch in mancher Unvollkommenheit.Man kann von einer Ära sprechen, deren Grundstein Sie gelegt haben. Zum einen, indem Sie dieser Kirche u. a. eine einmalig schöne Orgel besorgten. Aber auch (und das ist mindestens ebenso wichtig), indem Sie dieser Orgel den Organisten hinzufügten, der mit ihr umgehen kann, ja mehr noch: der sie liebt (immer noch!) – auch dies mögen die Aufnahmen bezeugen. Sie taten dies auf unkonventionelle Weise, in einem heute nicht mehr vorhandenen „Freiraum“, in dem sich sicherlich Freiheit und Willkür manchmal berührt haben mögen. Aber dies ist näher am Prinzip des Lebendigen, als toter und tötender Bürokratismus, mit dem man heute Probleme lösen will, der dabei aber oft selbst Ursache der Probleme ist.Und dann wussten Sie, was Kunst ist, vor die Sie sich schützend stellen konnten, auch wenn dies manchmal einer Schutzhaft ähnelte. Aber auch dies ist besser, als der un- oder (schlimmer noch!) halbgebildeten Masse schutzlos preisgegeben und zum Fraß vorgeworfen zu sein oder sich täglich vor plebejischen Geistern immer wieder erneut rechtfertigen zu müssen (ein heutiger Zug falsch verstandener Demokratisierung, die ihre Grenzen nicht kennt und vor allem das Wesen von Kunst verkennt).Und noch was, was vielleicht das Wichtigste ist (und dies blieb auch später als Grundton stets hörbar wie ein Orgelpunkt, auch wenn sich darüber zunehmend Dissonanzen türmten wie in spannungsvoller Musik): Sie wussten bei der allerersten Begegnung an der Orgel der Martinskirche nach wenigen Minuten Orgelspiel, wen Sie vor sich hatten, und boten mir die freie Organistenstelle an, ja hielten sie mir frei, bis ich vom Klavierstudium in Hamburg frei war, sie anzutreten – zur Schande muss hier gesagt werden, dass man in Kelsterbach bis heute nicht weiß, wen man da seit fast 40 Jahren als Musiker angestellt hat … und will es auch gar nicht wissen (erst recht im Dekanat nicht, das ja seit 2003 mein Anstellungsträger ist – ich bin ja nur noch „ausgeliehen“ an die Gemeinde für 5000 € jährlich!).So nehmen Sie denn mit meinen Glückwünschen diese Anerkennung und Danksagung als Zugabe hin.

Mit allen besten Wünschen,

Rainer Noll

Pastor Reinhold Becker (20. Juli 1932 – 4. Mai 2012) zum 80. Geburtstag

„Ich freue mich schon auf Ihren Nachruf.“ Dies sagte nicht er, sondern ich. Denn er sprach immer davon, mir den Nachruf schreiben zu wollen (sogar von Biographie war die Rede – niemand kannte mich besser und wusste mehr von mir als er, und in seinem Wissen fühlte ich mich „aufgehoben“). Er, der 17 Jahre Ältere – meinen Nachruf! Er war vielleicht der Einzige, der das mit Anstand und Würde und Inhalt hätte tun können, zumal wir bei meiner nicht geringen Gefährdung immer wieder damit rechneten, dass ich vor ihm gehen würde (er war ja bis fast zum Ende immer kerngesund, zäh und unglaublich ausdauernd – noch so um die 50 machte er fast täglich stundenlange Läufe um den Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, wo nun seine Asche und die seiner beiden Frauen ruht und wo er die meisten seiner Beerdigungen hielt, und schwamm regelmäßig 5000 m am Stück, während ich meine 1000 schaffte!). Hiermit erweise ich ihm den Dienst, den er mir versprochen hatte.

Natürlich ist diese Äußerung pure Selbstironie – wer hat schon etwas von seinem eigenen Nachruf und freut sich gar darauf? Aber diese Art von schwarzem Humor war charakteristisch für unseren Umgang, viel hatten wir so zu lachen, wo es für andere nichts zu lachen gab – ich glaube, mit niemandem habe ich mehr zusammen gelacht (dahinter steckte auch der gemeinsame Sinn für Situationskomik). Außenstehende verstanden dies oft nur schwer, wenn überhaupt.

Schon in diesen ersten Sätzen wird deutlich: es ist unmöglich, über „Becker“ (so nannten wir ihn und so will ich ihn auch hier im weiteren Text nennen, was nicht die Spur von Respektlosigkeit hat) zu reden, ohne über mich selbst zu sprechen, ich erscheine hier in ihm gespiegelt. Das eine bedingt das andere und ist allein nicht nur unvollständig, sondern auch unverständlich.

Zum Jahreswechsel 1966/67 hatte mich Kantor Peter Schumann nach Hamburg eingeladen, bei dem ich zuvor ein knappes Jahr Orgelunterricht in der Wiesbadener Lutherkirche gehabt hatte und der 1965 zur Bugenhagenkirche am Biedermannplatz (der Name trügt!) in Hamburg-Westbarmbek gewechselt war (später Kirchenmusikdirektor an Hl. Geist in Heidelberg). Schon damals konzertierte ich „nebenbei“ in der Bugenhagenkirche und im Auditorium Maximum des Pädagogischen Institutes der Universität Hamburg an Orgel und Cembalo. Reisen kannten wir in unserer bodenständigen Bauernfamilie nicht: es war meine zweite Reise nach einem Schullandheimaufenthalt in Nordhessen am Reinhardswald, und deshalb subjektiv eine „Weltreise“. Drei lutherische Pastoren unterschiedlichsten Charakters und Alters wirkten damals an Bugenhagen (heute aufgelöst, Kirche umgenutzt): Strege, Mielk und jener Becker (absteigend nach Alter geordnet). Nach kurzer Bekanntschaft auf der Straße vor seiner Wohnung neben der Kirche lud Becker mich für den Abend auf ein Glas Wein ein. Er kredenzte süßen Samos, legte eine Platte mit Chopinwalzer auf und war allein schon von der Begeisterung für diese „noblen Klänge“ wie betrunken (an denen er in der Jugend bei eigenen Versuchen am Klavier gescheitert war – auch wegen seiner hohen Ansprüche an sich selbst). Und neugierig war er, was dieser unbeholfene, komische Jüngling aus Nordenstadt bei Wiesbaden wohl für ein Mensch sei. Bis spät in die Nacht redeten wir über Gott und die Welt und haben schon damals viel gelacht – so sehr und laut, dass seine Frau Susanne, die aus Hermannstadt in Siebenbürgen stammte (gest. am Hl. Abend 1979, hinterließ ihm zwei Kinder: Christine, damals 14, und Heinrich, wenige Jahre jünger), erwachte und dem Treiben ein Ende machte. Für die Jahre danach war dies das Muster unserer Begegnung, wenn auch (meist) ohne die nächtliche Ruhestörung seiner Frau. Außerdem war ich regelmäßig sonntags nach dem Gottesdienst zum Essen eingeladen und nachmittags zum Kaffee, wann immer ich in der Nähe war (ich übte ja ausgiebig auf dem Flügel der Gemeinde).

Fast immer haben wir dabei auch Musik gehört und besprochen – je nach den „Phasen“, in denen Becker sich befand, verschiedene: Bach, Schubert, Wagner usw.. Ganz ernst wurde es trotz unseres vielen Lachens, als er seine Liebe zu Bruckner entdeckt hatte. Oft ließen wir uns dann mit anderen Gästen bei Bekannten zum Essen und anschließendem Brucknerhören einladen. Wehe, wenn jemand während dieser himmlischen Längen redete oder (fast noch schlimmer) austreten musste! Es grenzte an Fanatismus, wobei ein Wesenszug Beckers deutlich wird: was er tat, das tat er ganz, mit höchster Intensität, wenn auch der Gegenstand seines Interesses phasenweise wechselte. Aber dies machte die ungeheure Lebendigkeit seiner Person aus. Machtgehabe („Pfarr-Herrlichkeit“) und Hierarchien (wie sie schwache Charaktere brauchen, um stark aufzutreten) waren ihm denkbar fern, Großzügigkeit und Ringen um Weisheit kennzeichneten ihn.

Ganz zuletzt war es sein Puppentheater, das ihn total erfüllte und mit dem er künstlerische Erfolge feierte zusammen mit seiner zweiten Frau Milli (gest. 2008) – angesichts seiner alles andere ausblendenden Hingabe an das neue Projekt sagte sie mir: „Ich bete zu Gott, dass ich diesen Mann nicht hasse.“ Leicht war es nicht mit ihm, dafür aber interessant und anregend, eben höchst lebendig für den, der bereit und fähig war, ihn und seine Intensität auszuhalten. Er fertigte selbst die ausdruckstarken Puppen, die Milli (Malerin – sie spielte auch in dem Theaterteam mit) anmalte (er gab sie ins Puppenmuseum in Lübeck), ebenso die große Bühne mit selbst erdachten Mechanismen und Spezialeffekten, schrieb die Drehbücher und Kommentare, führte Regie und spielte selbst die Hauptrolle (er brachte es damit bis zu einem Auftritt beim NDR-Fernsehen). Die Stücke basierten alle auf Beckers hintergründigem schwarzen Humor – so z.B. waren Hitlers letzte Tage im Bunker ein zentrales Thema, wobei alle Dialoge gründlichst recherchiert waren und in seiner Darstellung zur Groteske gerieten, über die man lachen musste, obwohl es zum Weinen war. Diese tragikomische Spannung reizte ihn, und er verstand es, sie bis zur Neige auszugestalten und auszukosten. Dieser künstlerische Erfolg war die späte Erfüllung einer alten Sehnsucht.

(siehe dazu http://beckers-welttheater.kulturserver-sh.de/)

Einige ironische Gedichte schrieb ich über Becker, die er nie krumm nahm (Selbstironie!), im Gegenteil: es gab uns wieder Anlass, herzlich darüber zu lachen. Das letzte dieser Art bezieht sich auf den Puppenspieler (Titel in Anlehnung an Theodor Storms Novelle „Pole Poppenspäler“):

Pastor Poppenspäler

Ein Pastor lebt´ in großem Frust
Und hatt´ zum Dienste nie recht Lust.
Als frei und pensioniert er war,
entdeckte er die Puppen gar:
passioniert statt pensioniert
hat er sich noch mal engagiert.
Er bastelte sich seine Welt,
> die ihn im Alter aufrecht hält.
Statt Kanzel – nun auf Puppenbühne,
wird dieser Mensch Theaterhüne.
Er packt die „großen Themen“ an,
dieser wunderliche Mann:
nichts, was er nicht verscheißern tut –
vor seinem Spott sei auf der Hut!
Doch dann gebricht es ihm an Kraft
und meint: Ich hab´ genug geschafft.
Das Alter setzt sich auf die Brust
und erdrückt ihm jede Lust.
Nur lachen kann der Kerl wie immer,
das beste Pferd wiehert nicht schlimmer.
Am Ende ist ihm alles schnuppe…
und wird selbst seine beste Puppe!

Tatsächlich hat er eine Puppe von sich selbst angefertigt (wieder Selbstironie), hier auf dem Foto zu sehen (zusammen mit Frau Milli und auch einer Puppe von ihr):

Negativ klingt in dem Gedicht seine Lust zum Dienst an. Das ist so zu verstehen: jede Predigt war ihm ein Angehen, eine Aufgabe, die von ihm Überwindung verlangte, gegen die er sich immer wieder sträubte. Aber immer wieder packte er sie auch an, und dann wieder mit ganzer Hingabe. Oft hatte er samstags Magenbeschwerden, wenn die Predigt noch nicht so war, wie er sie wollte. Oft saß er noch sonntags morgens um 4 Uhr am Schreibtisch, zerquälte sich, übersetzte neu aus dem Urtext, wälzte Kommentare, nur um noch präziser zu fassen, was der Text eigentlich aussagen (und vor allem uns sagen) will – darin stand er einem Theologieprofessor in nichts nach. Hunderte von Predigten hat er so akribisch ausgearbeitet und hielt sie dann doch frei wie aus dem Moment geboren (wie Schweitzer). Kaum je hörte ich bessere Predigten: wissenschaftlich saubere sprachliche Kunstwerke, errungen in tiefster persönlicher Durchdringung. Und das in Bugenhagen, einer Arbeitergemeinde! Er hätte an eine der Hamburger Hauptkirchen oder die Universität gehört, aber da standen ihm seine Selbstzweifel im Wege, die mindestens so groß wie seine Selbstironie waren. Hilfreich war ihm bei der Vorbereitung, dass er den Urtext, sowohl griechisch wie hebräisch, bis in die kleinste grammatische Feinheit beherrschte. Theologiestudenten führte er unentgeltlich zu glanzvollen Examina in diesen Sprachen. Seinen Kantor Peter Schumann „zwiebelte“ er (wie er es nannte) in Griechisch bis zur Graecumsreife, einfach so zum Spaß (und Spaß hatten wir drei jede Menge: der Alltag war erfüllt von manchen Streichen, die manchmal auch übers Ziel schossen – aber das führt hier zu weit und wäre ein eigenes Kapitel wert). Mich selbst unterrichtete er in Griechisch bis zu Äsopfabeln und zum Grundverständnis des Neuen Testamentes im Urtext, denn er wollte, dass er mit mir fachlich darüber sprechen konnte. Viele Stunden und Tage widmeten wir uns speziellen biblischen Themen (z.B. der Weisheit im Alten Testament, die ich besonders liebe), nutzten dazu seine reichhaltige Bibliothek, und am Ende sagte er: „So, nun wissen Sie darüber mehr als der durchschnittliche Theologiestudent.“ Er selbst hat seine theologischen Examina mit Bestnoten absolviert, und ihm wurde die Promotion angeboten …, doch er selbst hielt sich für zu gering dafür, so hoch war seine Achtung davor und überhöht sein eigener Maßstab, den er an sich anlegte – ein Jammer.

Als er später Pastor in Kiel war, fragte ich einmal nach seinen Hamburger Predigten und wollte anregen, man sollte sie vielleicht als Taschenbuch herausgeben. Da offenbarte er mir, teils bedauernd, er habe sie alle verbrannt (fast selbstzerstörerisch), wie er auch seine gesamte umfangreiche theologische Bibliothek weggegeben hatte – in dieser Phase (es war, als er seine zweite Frau Milli kennengelernt hatte) meinte er, alles wissenschaftliche Arbeiten sei doch nur „eitles Gegockel“. Später bedauerte er das, aber hier zeigt sich wieder, wie sehr dieser hochintelligente, aber keineswegs einfache Mann von radikalen Phasenumbrüchen umgetrieben wurde.

Als ich ihn 1966 kennenlernte, stand ich noch fast zwei Jahre vor dem Abitur, das ich 1968 an Wiesbadens Gutenbergschule bestand (danach Physik- und Mathematikstudium in Mainz). Er hielt mich für einen brillanten, energiegeladenen Feuerkopf, aber auch für einen Wirrkopf, was meine idealistische, von Schweitzer geprägte Gedankenwelt betraf. Wie eine Drohung klang es: Er wolle mich einmal einer gründlichen philosophischen Durchbildung unterziehen, und dies hat er dankenswerterweise getan. Einfach so, im Alltag. So oft ich konnte, fuhr ich nach Hamburg, und er kam erstmal 1969 nach Nordenstadt, später auch regelmäßig nach Kelsterbach (dazu kamen Reisen nach Holland, ins Elsass und nach Dresden und Umgebung, sogar zum Skifahren nach Österreich – 1967 besuchten wir zusammen den Kirchentag in Hannover). Zum Sommersemester 1969 ging ich dann ganz nach Hamburg (damals noch im Physik-, Mathematik- und Astronomiestudium), bis ich 1972 meine Kantorenstelle in Kelsterbach antrat (inzwischen hatte ich zum Musikstudium gewechselt und bereits mehrmals in Hamburgs Hauptkirchen St. Michaelis, St. Nikolai und St. Petri konzertiert, danach war ich öfter im Jahr dort). Die einzige Inschrift im Erbacher Hof hier in Nordenstadt, die meine Namensinitialen trägt, hat Becker 1985 am Balkenjoch über der Garage eingekerbt.

1999 sprach er beim Konzert zu meinem 50. Geburtstag in der Barockkirche in Nordenstadt die von mir ausgesuchten Gedichte.

Allerdings gab es zwischendurch auch einige kürzere oder längere Phasen, in denen er sich ohne jede Erklärung von allen abkapselte und auf nichts reagierte – von einem auf den anderen Tag konnte das vorbei sein, als wäre nichts gewesen.

Nie gab es nur „Geschwätz“ zwischen uns, um die Leere auszufüllen oder Zeit totzuschlagen, überall wurde „philosophiert“, und zwar nicht hochtrabend akademisch, sondern immer elementar, d.h. von den alltäglichen Problemen und Erlebnissen ausgehend und diese fragend ausleuchtend – ganz im sokratischen Sinn. Langeweile kannten wir nie. Voraussetzung war eine absolute Wahrheitsliebe ohne alle Denkverbote, und die ist bei den meisten Menschen leider nicht gegeben. Diese Wahrheitsliebe (radikale Wahrhaftigkeit) darf auch nicht vor sich selbst halt machen, sie kann, wenn sie radikal genug ist, sogar selbstzersetzende Züge annehmen. Nur ein Mensch, der sich im Letzten irgendwie gehalten und bejaht weiß, d.h. mit sich im Innersten im Lot ist (trotz allen Leidens am Leben), kann das überhaupt aushalten und sich dem aussetzen. Stundenlange Gespräche haben wir geführt, oft auch bis zu 3 Stunden am Telefon (fast täglich – auch mitten in der Nacht, wenn es sich ergab). Wenn er Besuch oder etwa Jugendkreis hatte (zu dem er die Jugendlichen stets in seine Wohnung einlud), konnte es vorkommen, dass er auf meinen Anruf nur mit „später!“ antwortete und auflegte – nach mehreren solcher Versuche hatte er dann schließlich alle Zeit, wenn der letzte Gast gegangen war, und wenn es 2 Uhr nachts war. Endlose Spaziergänge hier oder in der Umgebung Hamburgs (z.B. Alsterwanderweg) dienten uns zum Gedankenaustausch. Mit einem privaten Kanu (der Theologe und Psychotherapeut Dr. Gerhard Bartning, bei dem ich einige Zeit wohnte, hatte es uns großzügig zur freien Verfügung gestellt) paddelten wir oft mehrmals die Woche auf der Alster, ebenso auf dem Möllner und Ratzeburger See.

Außer der Durchdringung von Alltagsfragen und -erlebnissen widmeten wir uns u. a. der Literatur, Lebensläufen großer Persönlichkeiten, biologischen und physikalischen Evolutionstheorien und Weltenstehungsmodellen, kurz: den großen Welträtseln und der Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält (hierzu las Becker bis zuletzt die neuesten Bücher, wobei wir uns gegenseitig Empfehlungen gaben – immer wieder gegenseitige Ergänzung und Anregung) und nicht zuletzt der Musik. Einen wahren Erkenntnissprung brachten für mich die gemeinsam besuchten Vortrags- und Diskussionsabende in der Hauptkirche St. Jacobi über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion mit namhaften Wissenschaftlern. Einmal saßen wir z.B. danach bei Hauptpastor Heidelbach vom „Michel“ zusammen mit den Referenten des Abends, dem berühmten Neurochirurgen Prof. Rudolf Kautzky und dem großen Physiker Prof. Pasqual Jordan, um bis in die Morgenstunden privat weiterzudiskutieren (was wir eigentlich immer ausgiebig taten).

Immer wieder betonte er, dass er die großen Dichter und Denker erst durch mich wirklich verstehen gelernt hat. Theoretisch hatte er sie längst studiert, aber „aufs Fleisch“ sei alles erst durch mein Erleben, das ich immer wieder in aller Offenheit und ohne jedes Tabu in unsere Gespräche eingebracht habe, gekommen. Er sagte, dass er bei mir (durch Teilnahme an meinem Leben, meiner Biographie, die er ja schreiben wollte) „erlebte“, wovon die anderen nur abstrakt reden. Es gab Fälle, da konnte ich eine Emotion oder einen Seelenzustand (oder wie man das nennen will) in mir „ansetzen“ wie eine Bakterienkultur auf einem Nährboden und dann beobachten, was sich daraus entwickelt (wozu eine große Offenheit und Erlebnisfähigkeit gehören). Das Ergebnis wurde aber erst klar im Dialog mit Becker, der durch seine Neugier und sein Fragen meine Beobachtungsfähigkeit motivierte und sensibilisierte.

Bis zuletzt las er auch Biographien und beschäftigte sich mit Lebensläufen der großen Dichter und Philosophen. So rief er noch euphorisch im letzten Jahr an: „Die haben fast alle gelitten wie die Schweine – wie Sie. Und immer wieder muss ich irgendwo denken: wie Noll. Bei allen finde ich Sie irgendwie wieder, und wenn Sie mir nicht durch Ihr Leben und Denken die Augen geöffnet hätten, verstünde ich gar nicht, worum es geht.“ Hier mag der Leser dieser Zeilen verwundert sein: Sie haben richtig gelesen, mit Becker siezte ich mich bis zuletzt trotz über 40 Jahre Freundschaft (nur bei so gewahrter Distanz war eine rückhaltlose Offenheit zwischen uns möglich – und auch persönliches Leiden wurde nicht schamhaft verdrängt, den Helden spielten wir aus Wahrhaftigkeit nie voreinander). Mit „leiden“ meinte er auch meine Situation im Leben und fragte immer wieder: „Wie halten Sie das eigentlich aus, woher nehmen Sie die Kraft, in solcher Umgebung ein solches Niveau über Jahrzehnte zu halten?“ Meine „Umgebung“ kriegt das nicht einmal mit. Diese Andeutung soll genügen.

Umgekehrt war er der kritischste und anregendste Leser meiner Texte und ein unerbittlicher Grammatiker. „Schreiben Sie, das ist Ihre Zukunft“, feuerte er mich immer wieder an, er kenne kaum jemanden mit einer größeren Einheit von Erlebnisfähigkeit, reichem Innenleben und Intelligenz – ich muss dieses Blankozutrauen noch einlösen und sehe es als Verpflichtung.

In der Musik war es ähnlich. Schon immer war er ein großer Musikliebhaber. Er spielte Laute (wie Luther) und sang dazu. Einmal sogar übernahm er die Tenorrezitative einer Bachkantate unter Schumanns Leitung neben gestandenen Profisängern. Bei Orgelkonzerten hat er mir als Registrant gelegentlich ausgezeichnet assistiert (so zuletzt 1999 in der Schlosskapelle zu Schmalkalden beim von Prof. Dr. Klaus Slapnicar inszenierten „Synästheticum“, wozu er auch ein kurzes Lutherpuppenspiel beitrug). Aber das verfeinerte Hören, d.h. hören, ob eine Musik nur heruntergespielt wird (und sei das noch so beeindruckend virtuos), oder ob sie mit Seele und Ausdruck erfüllt ist, das habe er mir zu verdanken. Mit großer Hingabe hörte er fast alle meine Interpretationen, wenn nicht immer live, so doch als Mitschnitt (er war immer der Erste, dem ich eine neue fertige CD schickte). Zuletzt sahen wir uns persönlich 2007, als wir zusammen nach Dresden in die Frauenkirche fuhren. Dort hörten wir die alltägliche Mittagsorgelmusik. Ein großer Könner spielte, es war supervirtuos und technisch makellos (kurz: das Übliche an einem solchen Ort der Massenproduktion). Und doch waren wir uns sofort einig und wunderten uns über den seelenlosen Nihilismus, der in dieser Interpretation herrschte. Becker spontan zu mir: „Sie haben mich, was das Musikhören betrifft, für alle Zeiten ,versaut‘: durch Sie lernte ich zu unterscheiden, ob es nur das ,Übliche‘, das alle bewundern, ist oder eben mehr.“ Mit „versaut“ meinte er, dass dieser vermittelte höhere Anspruch ihm unmöglich machte, das „Übliche“ so unschuldig zu genießen wie vorher.

Mit kaum einem anderen Menschen stand ich in so intensivem geistigen Austausch, rückhaltlos offen,, beide Seiten haben dabei unendlich profitiert. Alles Leben und Erleben geschah vor dem Hintergrund dieses ständigen Dialoges, der nichts aussparte, alles zu durchdringen suchte (es ist dies eigentlich die Grundhaltung eines Schriftstellers). Nichts kann dies nun ersetzen.

Seine allerletzten Worte, die ich von ihm hörte, waren: „Das sage ich Ihnen, das hier ist nun das Endspiel.“ Über die letzte große Erfahrung, den eigenen Tod, kann man mit niemandem mehr reden, es sei denn in der vorwegnehmenden Vorstellung, und das haben wir oft getan, auch angeregt durch Bachs ergreifende Musik zu diesem Thema. Zuletzt, als er noch sprechen konnte, sagte er mir: „Glauben Sie mir, das wird alles noch ganz anders in der Ewigkeit, als wir uns das so vorstellen.“ Er hat uns nun diese Erfahrung voraus, aber damit verstummt dieser einmalige Dialog in alle Ewigkeit.

Rainer Noll