Musik zur Todesstunde Jesu in St. Martin – zwischen Tradition und Wagnis

(erschienen am 4.4.2008 in Kelsterbach Aktuell)

Kontrastreich und weit gespannt war der Bogen der diesjährigen „Meditation zur Todesstunde Jesu“. Bachs noch suchendes Jugendwerk „Ach Herr, mich armen Sünder“ aus der erst vor einigen Jahren aufgefundenen Neumeister-Sammlung eröffnete die Meditationsmusik. Darauf folgten Arien aus „Requiem“ bzw. „Stabat Mater“ von Dvo?ák, Pergolesi, Fauré und Rossini, dessen „Agnus Dei“ aus der „Petite Messe Solenelle“ die Meditation beschloss – mit opernhafter Dramatik vorgetragen von der Mezzosopranistin Simone Garnier, begleitet von dem hervorragenden russischen Akkordeonisten Alexandre Bytchkov aus St. Petersburg.

Im Zentrum standen drei Werke von Lothar Graap zu dessen 75. Geburtstag in diesem Jahr: ganz schlicht im Gegensatz zu den romantischen Gesängen überraschte Simone Garnier mit zwei geistlichen Liedern „Fürwahr, er trug unsere Krankheit“ und „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Diese umrahmten die 14 Stationen des „Kreuzweges“ für Orgel nach im Programmheft zu findenden Graphiken von Katharina Volbers und Texten von Arnim Juhre, rezitiert von Pfr. Joachim Bremer. Die in völligem Kontrast zum Rest des Programmes stehende zeitgenössische Musik forderte vom Hörer große Offenheit, sich auf neue und ungewohnte Klänge einzulassen und sich von der Klangmalerei der Orgel inspirieren zu lassen: der Tod Jesu wurde nicht ästethisch „genossen“, sonder grausig-wahr erlebt. Kunst wird hier zum herausfordernden Kommunikationsmedium. Man mag dazu stehen wie man will: gut ist, dass Kantor Rainer Noll überhaupt solche Musik eines lebenden Komponisten anbietet, professionell zu Gehör bringt und damit überhaupt erst zur öffentlichen Diskussion stellt.

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