35. Bach-Konzert in St. Martin – ein musikalisches Opfer

Die Kritik ist am 10.8.2012 in Kb. Aktuell erschienen

Rainer Noll 40 Jahre Kantor an St. Martin in Kelsterbach

Am Abend des 7. Mai im Jahre 1747 kam es in Potsdam zu einer denkwürdigen Begegnung. Der „alte Bach“ (62), wie er damals schon genannt wurde, traf den jungen Friedrich II. von Preußen (35), der selbst musizierte und komponierte. Er gab Bach ein Thema, über das dieser vor seinen versammelten Hofmusikern – die besten, die damals zu haben waren – eine dreistimmige Fuge improvisierte. Um zu sehen, wie weit er das Spiel treiben könnte, wünschte Friedrich nun eine sechsstimmige Fuge – und da musste selbst ein Bach passen, hatte er doch noch nie ein solche Fuge für Cembalo auch nur geschrieben. Der König hatte Bach aufs Glatteis geführt und ihm eine Niederlage verpasst, wie er sie noch nie erlebt hatte. Bach revanchierte sich, indem er gleich nach seiner Rückkehr nach Leipzig das „königliche Thema“ nach allen Regeln seiner kontrapunktischen Kunst ausarbeitete (einschließlich der sechsstimmigen Fuge), eine versteckte Botschaft einarbeitete und dem König als „Musicalisches Opfer“ widmete.

Was dabei herauskam, konnte man im 35. Bach-Konzert in St. Martin in Kelsterbach hören, und zwar in atemberaubend makelloser Interpretation der namhaften Solisten des „Main-Barockorchesters Frankfurt“: Jörg Halubek (Professor in Linz und Stuttgart) am prächtigen Barock-Cembalo, Hans-Joachim Fuss – Traversflöte, Martin Jopp und Konstanze Winkelmann – Violine, und Christian Zincke – Viola da Gamba. Sie alle sind Mitglieder weiterer renommierter Barockensembles und musizierten auf gleich hohem Niveau, das kaum zu überbieten ist.

Eröffnet wurde das Konzert mit der Sonate e-moll für Traversflöte und Basso continuo von Friedrich II. als königliche Begrüßung (eine der über 120, die der König komponierte), und moderiert wurde es von Kantor Rainer Noll, der auch ein musikalisches Opfer brachte, indem er erstmals auf das Selbermusizieren verzichtete. Aber seine mehr als nur amüsanten Erläuterungen standen dem Niveau der Interpreten in nichts nach und zeigten eine universelle Bildung und verblüffende Beherrschung der Materie nach allen Seiten: sprachlich, historisch, musikalisch und menschlich. Noll stellte das selten als Ganzes zu hörende „Musicalische Opfer“ in die Handlung der Begegnung in Potsdam und vor den Hintergrund der damaligen Zeit, in der Bach bereits als veraltet und „Auslaufmodell“ galt. Er verstand es bravourös, die Spannung zwischen den Einzelteilen des Werkes noch zu steigern, während ohne solche Moderation diese äußerst anspruchvolle Musik dem Hörer fremd und schwer zugänglich bleibt. So erlebten die zahlreichen, wieder zum Teil von weit angereisten Besucher den Abend der Begegnung am 7. Mai 1747 in Potsdam quasi als Zeitzeugen in Kelsterbach.

Mit diesem einmaligen Konzert feierte Rainer Noll zugleich seine vierzigjährige Tätigkeit als Kantor an St. Martin in Kelsterbach (bei bereits insgesamt 44 Dienstjahren als Kirchenmusiker) – ein seltenes Jubiläum! Ansprachen von Dekan Kurt Hohmann, Bürgermeister Manfred Ockel, Stadtrat Ernst Freese, Musikausschussvorsitzender Christel van Verre und Dr. Ute Ritz-Müller für den Kirchenvorstand ehrten den Jubilar bei einem anschließenden Empfang in der Kirche. Dabei bot sich auch die Bedeutung der Zahl 40 in der Bibel für Anspielungen an: das Volk Israel zog z.B. nach der ägyptischen Knechtschaft 40 Jahre lang durch die Wüste, worauf Noll ergänzte, dass es dann aber im Gegensatz zu ihm im „gelobten Land“ angekommen sei.

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