Programm (2008)

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Das diesjährige 31. Bach-Konzert steht im Zeichen des Jubiläums „450 Jahre evangelisches Kelsterbach (1558 – 2008)“. Zugleich kann Kantor Rainer Noll ein persönliches Jubiläum feiern: 40 Jahre Tätigkeit als Kirchenmusiker. So werden Werke geboten, die selbst bei Bach an Glanz und Festlichkeit kaum zu überbieten sind. Steht die Kantate „Ein feste Burg ist unser Gott“ BWV 80 für das Reformationsereignis, so soll die Kantate „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ BWV 137 mit ihrem heute ökumenisch gebrauchten Choral das Verbindende und Konfessionsübergreifende repräsentieren und im gemeinsamen Lobpreis die Trennung überwinden helfen.

Von Bach sind vier Ouvertüren (Suiten) für Orchester überliefert. Ob er weitere komponiert hat, bleibt Spekulation. Es handelt sich eigentlich um Orchestersuiten, also eine Folge von stilisierten Tanzsätzen. Als Einleitung ist diesen eine ausladende Ouvertüre nach französischem Vorbild in feierlich-punktiertem Rhythmus und mit fugiertem Mittelteil vorangestellt, die schließlich als pars pro toto dem Ganzen seinen Namen gab. Mit der Form dieser Folge von Tanzsätzen bewegt Bach sich ganz in traditionellen Bahnen, während er mit seinen Solo-Konzerten zum Wegbereiter dieser neuen Gattung wurde.

Wann genau diese Suiten (Ouvertüren) entstanden sind – ob schon in Bachs Jahren als Hofkapellmeister zu Köthen (1717 – 1723) oder danach in Leipzig – muss offen bleiben. Sie sind uns bei sehr geringem autographen Anteil nur in späteren Abschriften, und auch da nicht als Partitur, sondern nur als Einzelstimmenmaterial, überliefert. Die Quellenlage der Suite D-dur BWV 1069 ist so spärlich, dass man sie erst für echt hielt, als man die Weihnachtskantate „Unser Mund sei voll Lachens“ BWV 110 entdeckte, deren Einleitungssatz eine Umarbeitung der Ouvertüre ist (Hinzufügung von Trompeten und Pauken, Choreinbau in den fugierten Mittelteil). Diese Kantate wurde am 1. Weihnachtstag des Jahres 1725 aufgeführt. So wagte der Verlag Peters diese Suite erst 1881 zu drucken, nachdem die drei ersten schon 1853 erschienen waren.

Wozu Bach diese Festmusiken brauchte, ist ungewiss. Sicher dürfte lediglich sein, dass er sie wieder aufführte, als er 1729 für über zehn Jahre das studentische Collegium Musicum übernahm, das 1701 von Georg Philipp Telemann gegründet worden war. Man nannte es von da an das „Bachische“ Collegium.

1736 vermerkt Mizlers „Musikalische Bibliothek“ dazu: „Die Glieder, so diese Musikalischen Concerten ausmachen, bestehen mehrerentheils aus den allhier Herrn Studirenden, und sind immer gute Musici unter ihnen, so daß öffters, wie bekandt, nach der Zeit berühmte Virtuosen aus ihnen erwachsen.“ Da es überdies „jedem Musico vergönnet [war], sich in diesen Musikalischen Concerten öffentlich hören zu lassen“, hatte Bach den zusätzlichen Reiz, mit reisenden Virtuosen von internationalem Format zusammenzuarbeiten. Lobend wird auch das Publikum erwähnt: „…und sind auch mehrerentheils solche Zuhörer vorhanden, die den Werth eines geschickten Musici zu beurtheilen wissen.“ Hier liegt der Keim für ein in Deutschland sich entwickelndes öffentliches Konzertleben.

Musiziert wurde im Zimmermannschen Kaffeehaus, auf dem Programm standen weltliche Vokal- und Instrumentalwerke aller Art. Im Sommer fanden die Konzerte im Wirtsgarten statt, jeden Mittwoch um 16 Uhr. Im Winter spielte man im Kaffeehaus, regulär freitags von 20 bis 22 Uhr, zu Messezeiten sogar zweimal wöchentlich, dienstags und freitags. Insgesamt zeichnete Bach hier für mehr als fünfhundert zweistündige Programme verantwortlich. „Zur Bürde des Kantorats standen diese Nebenbeschäftigungen im reziprok proportionalen Verhältnis: je weniger Interesse Bach an der Weiterentwicklung der Kirchenmusik und ihres Repertoires hatte, desto mehr schienen ihn die weltlichen Verpflichtungen anzuziehen.“ (Karl Böhmer, Programmheft der Wiesbadener Bachwochen 1995, S. 32)

Es war Mendelssohn, der die vier Ouvertüren 1838 im Leipziger Gewandhaus erstmals seit Bachs Tod aufführte (1829 hatte er erstmals wieder die Matthäuspassion in Berlin dirigiert, als Zwanzigjähriger!). Als Einundzwanzigjähriger spielte er dem über achtzigjährigen Goethe im Mai 1830 aus der D-dur-Ouvertüre BWV 1068 auf dem Klavier vor. Goethe bemerkte dazu, „es gehe darin so pompös und vornehm zu, dass man ordentlich die Reihe geputzter Leute, die von einer großen Treppe heruntersteigen, vor sich sehe“ (Brief Mendelssohns vom 22.6.1830 an Zelter).

Albert Schweitzer schreibt zu den Ouvertüren: „In den Tanzweisen dieser Suiten ist ein Stück einer versunkenen Welt von Grazie und Eleganz in unsere Zeit hinübergerettet. (…). Der Reiz dieser Stücke beruht in der Vollendung, mit der Kraft und Anmut sich in ihnen durchdringen.“ („J. S. Bach“, Wiesbaden 1960, S. 354)

Vom 11. Juni 1724 bis 25. März 1725 arbeitete Bach an seinem zweiten Leipziger Kantatenjahrgang mit der fast wöchentlichen Lieferung einer Kantate, der er jeweils ein Gesangbuchlied zugrunde legte. Mit dieser selbst gewählten Aufgabe ließ Bach sich auf das ehrgeizigste und umfassendste Großprojekt seines Lebens ein. Bach stand in der wohl produktivsten Phase seines gesamten Kantatenschaffens. Der Bach-Forscher Friedhelm Krummacher beginnt sein Buch „Bachs Zyklus der Choralkantaten“ (Göttingen 1995, S. 7) mit den zusammenfassenden Worten: „Der Vorsatz Johann Sebastian Bachs, einen ganzen Jahrgang seiner Kantaten der Bearbeitung protestantischer Kirchenlieder zu widmen, bildet das wohl umfassendste Projekt im Werk des Komponisten. Denn singulär blieb nicht nur im Œuvre Bachs, sondern in der Musikgeschichte überhaupt ein solcher Zyklus, der eine vergleichbare Aufgabe zu lösen unternimmt. Ganze Jahrgänge von Kantaten schrieben gewiss auch Bachs Zeitgenossen, und zwar in größerer Zahl als er selbst. Niemand aber verpflichtete sich derart dem Plan, das tradierte Choralgut mit aktuellen Verfahren zu verarbeiten und dabei kompositorische Aktualität mit höchster Qualität zu paaren.“

Die Kantaten des heutigen Abends zählen zu den Choralkantaten, gehören aber nicht dem erwähnten Zyklus an, da sie später entstanden sind. Sie verwirklichen dennoch dieselbe Idee.

Die Kantate „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ BWV 137 wurde zum 12. Sonntag nach Trinitatis geschrieben und am 19. August 1725 aufgeführt. Sie basiert sowohl im Text als auch in der Melodie ganz auf dem bekannten, heute ökumenisch gebrauchten gleichnamigen Choral. Die Strophen werden unverändert ohne betrachtende Zwischentexte (wie etwa in BWV 80 durch zusätzliche Rezitative und Arien) verwendet, mit nur einer metrischen Umformung in Strophe 4: „denke dran“ statt „denke daran“, was eine energische Betonung bewirkt. Auch ist die Melodie in allen Sätzen mehr oder weniger deutlich präsent. Strophe 1 erklingt in strahlender Pracht mit der Melodie im Sopran; die sonst polyphon aufgelockerten anderen Vokalstimmen vereinigen sich nur bei den Worten „Kommet zu Hauf, Psalter und Harfen, wacht auf“ zu homophoner Einmütigkeit mit dem Sopran. In Strophe 2, vom Countertenor vorgetragen, hört man in der begleitenden Solovioline den Flügelschlag der Fittiche des Adlers (Bach hat diesen Satz unverändert als Choralbearbeitung für Orgel mit dem Titel „Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter“ in die sechs „Schübler-Choräle“ übernommen). In Strophe 3 hebt Bach durch die Molltonart und herbere Vorhaltsharmonik des ganzen Satzes die „Not“, verstärkt durch langgezogene Chromatik auf dieses kurze Wort, hervor. In Strophe 4 wird verdeutlicht, „was der Allmächtige kann“, indem Dur und Moll gleichzeitig erklingen (das eigentlich Unmögliche): über Gesang und Basso continuo in a-moll spielt die Oboe den Choral in der parallelen Durtonart C-dur. Strophe 5 bildet, durch selbständige Trompetenführung zur Siebenstimmigkeit erweitert, den prächtigen Abschluss.

1. CoroLobe den Herren, den mächtigen König der Ehren,
Meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.
Kommet zu Hauf,
Psalter und Harfen, wacht auf!
Lasset die Musicam hören.
2. Aria
(Countertenor)
Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
Der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
Der dich erhält,
Wie es dir selber gefällt;
Hast du nicht dieses verspüret?
3. Aria (Duetto)
(Sopran, Bass)
Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet,
Der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet;
In wieviel Not
Hat nicht der gnädige Gott
Über dir Flügel gebreitet!
4. Aria
(Tenor)
Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet,
Der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet;
Denke dran,
Was der Allmächtige kann,
Der dir mit Liebe begegnet.
5. ChoralLobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen!
Alles, was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen!
Er ist dein Licht,
Seele, vergiss es ja nicht;
Lobende, schließe mit Amen!

Die Kantate „Ein feste Burg ist unser Gott“ BWV 80 geht auf eine 1715 in Weimar komponierte Oculi-Kantate „Alles, was von Gott geboren“ (BWV 80a) zurück, die Bach zwischen 1727 und 1731 in Leipzig zu einer Reformations-Kantate umgestaltet hat, eventuell zum Reformationsfest 1730, da in Leipzig das Jahr der 200. Wiederkehr der Überreichung der Augsburger Konfession gefeiert wurde. Wann Bach später den schlichten einleitenden Choralsatz durch einen neuen gewaltigen Eingangschor ersetzte, wissen wir nicht. Über diesen schreibt der Bach-Forscher Alfred Dürr: „Der Eingangschor ist wohl der Höhepunkt des Bachschen vokalen Choralschaffens.“ („Die Kantaten J. S. Bachs“, Kassel 1981, S. 578) Die Sänger führen eine jeweils zeilenweise fugierte Choralmotette nach Pachelbelschem Muster aus, während in den instrumentalen Außenstimmen die Choralmelodie im Kanon erklingt, d. h. also, sie umspannt im wörtlichen Sinn den gesamten Tonraum als Symbol für Gottes allumfassende Herrschaft im ganzen Kosmos. Der 2. Satz (der ursprüngliche Eingangssatz der Weimarer Fassung) folgt dem Affekt der Zeile „Es streit‘ für uns der rechte Mann“: die Streicher spielen unisono eine Tumult- und Kampfmusik, während der Sopran, umspielt von der Oboe, die 2. Strophe vorträgt und der Bass dazu kommentiert „Alles, was von Gott geboren, ist zum Siegen auserkoren“ (Anspielung auf 1. Joh. 5,4: „Alles, was von Gott geboren, überwindet die Welt“). Die 3. Choralstrophe wird von allen Sängern unisono gesungen (Symbol der „festen Burg“), während ein Heer von Teufeln wild, aber letztlich machtlos dagegen anstürmt. In völligem Gegensatz dazu stehen die umgebenden Arien Nr. 4 und 7 mit ihrer innigen Lieblichkeit und Empfindungstiefe, wobei in der letzten Arie bei den Worten „es [das gläubige Herz] bleibet unbesiegt und kann die Feinde schlagen“ die Musik noch einmal kämpferisch wird. Die Kantate schließt mit der 4. Strophe „Das Wort sie sollen lassen stahn“, einfach und ohne Schnörkel wie Luthers Aussage. „Luthertum und Mystik: das war das Glaubensbekenntnis, das der Thomaskantor am Reformationsfeste ablegte.“ (Albert Schweitzer in „J. S. Bach“, Wiesbaden 1960, S. 586)

Einige Forscher meinen, die Trompeten- und Paukenstimmen seien vom Wilhelm Friedemann Bach (1710 – 1784), Bachs ältestem Sohn, hinzukomponiert worden (so Alfred Dürr), da sie nur in seinen Abschriften aus der Zeit nach des Vaters Tod überliefert sind. Dies ist nicht unwahrscheinlich, führten wir doch im Bach-Konzert des letzten Jahres „Jauchzet Gott in allen Landen“ BWV 51 in Friedemanns Fassung mit hinzukomponierter 2. Trompete und Pauke auf. Der Bach-Forscher Friedhelm Krummacher hält dagegen: „Der zusätzliche Bläserpart, der im Kopfsatz eine eigentümliche Brechung der strengen Struktur bewirkt, erreicht in Versus III (Satz 5) eine bemerkenswerte Qualität. Er fungiert als eigene Schicht im Ritornell und erhält in rhythmisch intrikatem Einsatz (T. 7-9 etc.) einen obligaten Charakter, wie man ihn von Musikern der Generation W. Fr. Bachs kaum erwartet.“ („Bachs Zyklus der Choralkantaten“, Göttingen 1995, Fußnote 87, S. 91/92) Für Bachs spätere Autorschaft der Trompetenstimmen spricht auch, dass er selbst in den beiden D-dur-Ouvertüren BWV 1068 und 1069 Trompeten und Pauken erst nachträglich hinzugefügt hat. Oder fühlte sich Friedemann gerade dadurch zu gleichem Tun autorisiert?

Erstmals nach Bachs Tod führte Theodor Mosewius (1788 – 1858) diese Kantate 1835 mit der Singakademie in Breslau wieder auf, nachdem sie 1821 als erste Bachkantate überhaupt nach Bachs Tod bei Breitkopf & Härtel in Leipzig gedruckt worden war (zu Bachs Lebzeiten ist als einzige nur die Ratswahlkantate „Gott ist mein König“ BWV 71 im Druck erschienen!). 1829 schrieb Karl Friedrich Zelter (1758 – 1832), seit 1800 Leiter der Berliner Singakademie, an Goethe, dass sie dies Werk unter die Ladenhüter klassieren müssten. Und dies, obwohl Johann Friedrich Rochlitz (1769 – 1842), Leiter der von Breitkopf & Härtel 1798 begründeten „Allgemeinen musikalischen Zeitung“, dieser Edition in einer 1822 veröffentlichten Analyse („eine Meisterleistung ästhetischer Kritik“ urteilt Schweitzer) den Weg bereiten wollte. Es dauerte nach ihrer Wiederentdeckung viele Jahrzehnte, teils fast ein Jahrhundert, bis Bachs Werke neben denen Händels Anerkennung fanden.

1. CoroEin feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns itzt hat betroffen.
Der alte böse Feind,
Mit Ernst er’s jetzt meint,
Groß Macht und viel List
Sein grausam Rüstung ist,
Auf Erd ist nicht seinsgleichen.
2. Aria
(Sopran, Bass)
Alles, was von Gott geboren,
Ist zum Siegen auserkoren.
Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren.
Es streit‘ vor uns der rechte Mann,
Den Gott selbst hat erkoren.
Wer bei Christi Blutpanier
In der Taufe Treu geschworen,
Siegt im Geiste für und für.
Fragst du, wer er ist?
Er heißt Jesus Christ,
Der Herre Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott,
Das Feld muss er behalten.
Alles, was von Gott geboren,
Ist zum Siegen auserkoren.
3. Recitativo
(Bass)
Erwäge doch, Kind Gottes, die so große Liebe,
Da Jesus sich
Mit seinem Blute dir verschriebe,
Wormit er dich
Zum Kriege wider Satans Heer und wider Welt, und Sünde
Geworben hat!
Gib nicht in deiner Seele
Dem Satan und den Lastern statt!
Lass nicht dein Herz,
Den Himmel Gottes auf der Erden,
Zur Wüste werden!
Bereue deine Schuld mit Schmerz,
Dass Christi Geist mit dir sich fest verbinde!
4. Aria
(Sopran)
Komm in mein Herzenshaus,
Herr Jesu, mein Verlangen!
Treib Welt und Satan aus
Und lass dein Bild in mir erneuert prangen!
Weg, schnöder Sündengraus!
5. ChoralUnd wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollten uns verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
Wie saur er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht, er ist gericht‘,
Ein Wörtlein kann ihn fällen.
6. Recitativo
(Tenor)
So stehe dann bei Christi blutgefärbten Fahne,
O Seele, fest
Und glaube, dass dein Haupt dich nicht verlässt,
Ja, dass sein Sieg
Auch dir den Weg zu deiner Krone bahne!
Tritt freudig an den Krieg!
Wirst du nur Gottes Wort
So hören als bewahren,
So wird der Feind gezwungen auszufahren,
Dein Heiland bleibt dein Hort!
7. Aria (Duetto)
(Countertenor, Tenor)
Wie selig sind doch die, die Gott im Munde tragen,
Doch selger ist das Herz, das ihn im Glauben trägt!
Es bleibet unbesiegt und kann die Feinde schlagen
Und wird zuletzt gekrönt, wenn es den Tod erlegt.
8. ChoralDas Wort sie sollen lassen stahn
Und kein‘ Dank dazu haben.
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie uns den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib,
Lass fahren dahin,
Sie haben’s kein‘ Gewinn;
Das Reich muss uns doch bleiben.

Johann Sebastian Bach wurde am 21. März 1685 in Eisenach geboren. 1703 – 07 Organist in Arnstadt. 1707 – 08 Organist an St. Blasius in Mühlhausen. 1708 – 17 Hoforganist, Cembalist und Violinist (seit 1714 auch Hofkonzertmeister) in Weimar. 1717 – 23 Hofkapellmeister in Köthen. Ab 1723 Kantor der Thomaskirche und „Kirchenmusikdirektor“ der Stadt Leipzig, wo er am 28. Juli 1750 starb.

Rainer Noll

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Zu den Solisten:

 

Eva Lebherz-Valentin, Sopran

Musikstudium an der Musikhochschule in Frankfurt am Main, absolviert in den Fächern Klavier und Oboe. Anschließend Gesangsausbildung bei Michael Valentin. Seit 1988 in Heidelberg, wo sie von ihrer Konzerttätigkeit im In- und Ausland lebt. Neben dem allgemein bekannten Repertoire (von Bachs Passionen bis Haydns „Schöpfung“ und Verdis „Requiem“) befasst sie sich ausgiebig mit der Musik des 16. und 17. Jahrhunderts sowie der Zeitgenössischen Musik.

Zahlreiche CD-Produktionen mit außergewöhnlichen Programmen aus Mittelalter, Renaissance, Klassik und Moderne sowie Live-Konzertmitschnitte, auch von Hörfunk und Fernsehen, zeugen von ihrem untrügerischen musikalischen Stilgefühl.

 

Markus Koch, Countertenor

Gesangsausbildung bei John Porter und Marie P. Hallard (Musikhochschule Heidelberg) sowie Richard Levitt (Scola Cantorum Basel). Meisterkurse bei James Bowman und Paul Esswood. 2001 Sieger des Faches „Oratorium“ beim Wettbewerb des Hessischen Rundfunks und des Peters-Verlages in der Alten Oper Frankfurt.

Rege Konzerttätigkeit an bedeutenden Musikzentren mit namhaften Ensembles und Dirigenten.

 

Georg Poplutz, Tenor

Nach dem Ersten Staatsexamen für Schulmusik und Englisch in Münster und Dortmund im Winter 2002/03 Gesangsstudium bei Prof. Berthold Possemeyer an der Musikhochschule in Frankfurt am Main, im Sommer 2005 erfolgreich beendet. Aufbaustudium bei Prof. Christoph Prégardien an der Kölner Musikhochschule, im Oktober 2007 mit dem Konzertexamen abgeschlossen.

Konzertengagements im Oratorienfach an bedeutenden Musikzentren in Europa, Asien und Afrika, dabei Zusammenarbeit mit namhaften Ensembles und Dirigenten. Liederabende u.a. mit seinen Klavierpartnern Isabel von Bernstorff und Hilko Dumno. Im Johann Rosenmüller Ensemble Leipzig unter Arno Paduch sowie mit Cantus Cölln unter der Leitung von Konrad Junghänel widmet er sich in Konzert und Rundfunk der Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts.

2004 erhielt er eine Solistenempfehlung des VDKC (Verband Deutscher Konzert Chöre) und wurde bis 2007 durch „Yehudi Menuhin LiveMusicNow“ gefördert.

 

Erik Frithjof, Bass,

studierte zunächst in seiner Heimatstadt München Theaterwissenschaft, dann in Düsseldorf Gesang an der Robert-Schumann-Hochschule. Weitere Impulse erhielt er in Meisterkursen bei Julia Varady und Werner Hollweg.

Neben seiner solistischen Tätigkeit wichtige Erfahrungen im Ensemble-Singen (Mitglied der Choralschola an der Maxkirche in Düsseldorf und im Opernchor der Grazer Oper). Als Oratorien-, Lied- und Opernsänger ist er in Konzert und Rundfunk gefragt an bedeutenden Musikzentren Europas und Japans, wo er mit namhaften Ensembles und Dirigenten zusammenwirkt, wie auch mit dem Pianisten Alexander Schmalcz als Liedbegleiter. Er arbeitet als Gesangspädagoge. In Japan gab er Meisterkurse in Liedinterpretation.

 

Rainer Noll , Dirigent

1964 – 1968 erste Organistenstelle; zunächst Physik- und Mathematikstudium in Mainz und Hamburg, dann Musikstudium in Siena (1967 bei Fernando Germani), Hamburg und Frankfurt am Main (Staatsexamen für Kirchenmusiker, u.a. bei Helmuth Rilling – Meisterkurse u.a. bei Daniel Roth); seit 1972 hauptamtlicher Kantor an St. Martin in Kelsterbach; 1979 – 1993 Gründung und Leitung der „Kantorei St. Martin“. 1981/82 künstlerischer Leiter der „Airport Chapel Concerts“ des Rhein-Main Flughafens Frankfurt. Seit dem 10. Lebensjahr intensive Beschäftigung mit Albert Schweitzer; 1973, inspiriert vom Orgelideal Schweitzers, Entwurf der neuen Orgel der Evangelischen Kirche in Wiesbaden-Bierstadt und Begründung der dortige Konzerttradition. Seit 1995 projektweise Leiter der „Idsteiner Vokalisten“, die er bereits zu vielbeachteten Höhepunkten führte. Konzerte, Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen, Vorträge und Veröffentlichungen (u. a. über Ethik und Musikauffassung Albert Schweitzers) im In- und Ausland (Europa, USA, Japan). 1982 – 1989 Katalogisierung des nachgelassenen Notenbestandes in Schweitzers Haus in Günsbach/Elsass, 1991 und 1992 die gleiche Arbeit an den von Schweitzer eingespielten Schallplatten.

Er nimmt durch das jährlich seit 31 Jahren unter seiner Leitung stattfindende „Bach-Konzert“, der „Musikalischen Meditation zur Todesstunde Jesu“ am Karfreitag sowie der vor 26 Jahren von ihm begründeten „Abendmusik zum Weihnachtsmarkt“ einen bedeutenden Platz im Kulturleben der Stadt Kelsterbach und der ganzen Region ein.

Daneben erfreuen sich die 1990 begründeten „Torhauskonzerte“ sowie die jährlichen musikalischen Weinproben im Erbacher Hof, Nolls Wohnsitz in Wiesbaden-Nordenstadt, großer Beliebtheit.

 

Junge Kammersinfoniker Hessen

Die „Jungen Sinfoniker Hessen“ (aber wegen der heutigen solistischen Besetzung der Instrumente „Kammersinfoniker“ genannt) sind seit 1989 aktiv. Den Kern des Orchesters bilden seitdem vor allem ehemalige Mitglieder der regionalen Landesjugendorchester und der Jungen Deutschen Philharmonie. Nicht alle Teilnehmer ergreifen anschließend den Beruf des Musikers, sind aber durch ihre Ausbildung und Erfahrung qualifiziert für professionelle Besetzungen wie diese. Im Laufe der Jahre waren viele Konzerte und Konzertreisen zu verzeichnen. In der Rhein-Main-Region spielt das Orchester als Partner verschiedener hochqualifizierter Chöre regelmäßig bei Veranstaltungen mit. Seit 1999 trägt es in Abstimmung mit offiziellen Einrichtungen den heutigen Namen.

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„450 Jahre evangelisches Kelsterbach“ – die turbulenten Anfänge

Der erste lutherische Pfarrer in Kelsterbach hieß Joachim Holzhausen, stammte aus Gudensberg bei Kassel und war einer der ersten Studenten an der 1527 vom Landgrafen Philipp dem Großmütigen gegründeten lutherischen Universität zu Marburg. Als er am 4. August 1558 seinen Dienst in dem Ysenburg-Ronneburgschen Bauern- und Wildhubendorf Kelsterbach im damaligen Reichsforst Dreieich antrat, war das Bekenntnis der Untertanen weder ein freiwilliges noch persönliches, wie wir es in heutigen demokratischen Verhältnissen für selbstverständlich nehmen – es gründete jedenfalls nicht in der „Freiheit eines Christenmenschen“. Damals galt der Grundsatz: cuius regio, eius religio (= wessen die Herrschaft, dessen die Religion). Das heißt, die Untertanen hatten die Religion ihres jeweiligen Landesvaters anzunehmen oder mussten notfalls auszuwandern. Religion war nicht Sache des Einzelnen, allenfalls der Obrigkeit, der die Staatsraison wenig Spielraum ließ. Der damalige Landesherr, Anton I., Graf von Ysenburg-Ronneburg (1501 – 1560), zugleich „Landesbischof“ entsprechend Luthers Notverordnung, bekannte sich bereits 1533 als einer der Ersten zur Reformation. Der bedeutende Prediger Erasmus Alberus (~ 1500 – 1553), ein Schüler Luthers, betrieb die Reformation im Gebiet Dreieich (von ihm stammen bekannte Gesangbuchlieder, wie u.a. „Ihr lieben Christen, freut euch nun“ und „Steht auf, ihr lieben Kinderlein“ EG 6 und 442). Spät erst wurde Kelsterbach lutherisch, da es erst nach einigen Querelen aus dem zum Frankfurter Bartholomäus-Stift gehörenden kurmainzischen Gesamtkirchspiel Schwanheim, dessen Filialort es war, herausgelöst werden musste. Spätestens 1560 (eventuell früher) hatte Kelsterbach ein erstes eigenes Kirchlein. Zuvor hatte eine im Volksmund „Merzkirche“ genannte Martinskirche aus fränkischer Zeit, mainaufwärts im Freien gelegen (heute Industriegelände), fast 800 Jahre lang als Kultstätte des Kirchspiels gedient. Sie war als Steinbruch benutzt und schon bis Ende des 17. Jahrhunderts abgebrochen worden.

Wechselte das Bekenntnis des Landesherren, so mussten es ihm die Untertanen gleich tun, zu denen auch die Pfarrer gehörten. Diese waren aber nicht immer dazu bereit (prominentestes Opfer solchen Wechsels dürfte wohl Paul Gerhardt in Berlin gewesen sein, dem wir dichterisch vollendete Gesangbuchlieder, die ihresgleichen suchen, verdanken, als bekanntestes „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“). So wurde gleich der erste evangelische Pfarrer Kelsterbachs wegen seines lutherischen Bekenntnisses nach einem Jahr aus dem Amt gejagt und zog bettelnd umher, da sein Landesherr reformiert geworden war. Dies Schicksal traf auch gleich zwei seiner Nachfolger.

Der seit 1565 (mit Amtssitz später im 1566 – 1587 erbauten Kelsterbacher Schloss) regierende Graf Wolfgang von Ysenburg (1533 – 1597), anfangs lutherisch, hing seit 1583 zunehmend aus ungeklärten Gründen der calvinistisch-reformierten Lehre an und wandelte seine Pfarreien entsprechend um. So wurde auch der vierte lutherische Kelsterbacher Pfarrer Laurentius Seidenbächer 1586 seines Amtes enthoben.

Sein reformierter Nachfolger, Johannes Nobisius, musste 1598 außer Landes. Grund: Nachdem Graf Wolfgang am 20. Dezember 1597 in Kelsterbach gestorben war, fiel das Gebiet an seinen streng lutherischen Bruder Heinrich. Nobisius war nicht bereit, sich zum Luthertum zu bekehren, wie es der neue Landesherr von ihm verlangte.

Eine Darmstädter Kostenrechnung von 1580/84 weist deshalb nicht weniger als 31 stellenlos gewordene Pfarrer als Gabenempfänger auf! Da diese im Gegensatz zu ihren katholischen Priesterkollegen meist Familie hatten, wurde das Elend noch vergrößert.

Im Jahre 1600, kurz vor seinem Tod im folgenden Jahr, verkaufte der hochverschuldete und kinderlose Graf Heinrich das Territorium an den Landgrafen Ludwig den V. von Hessen-Darmstadt und sicherte somit auch in Kelsterbach die lutherische Tradition für die kommenden Zeiten – sein Vetter und rechtmäßiger Erbe Wolfgang Ernst von Ysenburg-Birstein (1560 – 1633) hätte wieder die reformierte Lehre eingeführt, und das wollte Heinrich um jeden Preis verhindern.

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40 Jahre Kirchenmusiker

Bereits an meiner ersten Organistenstelle in Wiesbaden-Nordenstadt (1964 – 68, damals noch Schüler) wollte ich vor Gott und den Menschen nur das Beste an Orgelmusik darbieten, dessen ich fähig war, und nahm das Amt sehr ernst. Manches Private musste so hinter der Gottesdienstvorbereitung zurückstehen. Mein Schwerpunkt war und ist die künstlerische Arbeit. Diese versuchte ich auch seit 1972 im Rahmen der Kelsterbacher Möglichkeiten zu intensivieren, so weit dies nur irgend ging – durch Qualität, nicht Quantität.

1977 spielte ich in St. Martin erstmals das Konzert zu Bachs Todestag. Diese Bach-Konzerte begannen als reine Orgelkonzerte, in denen ich alle Gattungen des Bachschen Orgelschaffens vorstellte. Erst dank städtischer finanzieller Mittel wurden auch Ensemble-Aufführungen mit hochrangigen Solisten, meist mit dem „Heidelberger Kantatenorchester“ und später den „Idsteiner Vokalisten“ möglich. Erst diese städtische Unterstützung ermöglichte mir ein anspruchsvolles Tätigwerden als Dirigent. Eine weitere finanzielle Hilfe bietet der 1998 von mir gegründete Förderkreis.

Auch andere Anlässe wurden musikalisch ausgestaltet in Konzerten, musikalischen Andachten und Kantatengottesdiensten mit der Kantorei St. Martin, so der Todestag von Albert Schweitzer, die Passionszeit und Karfreitag, der Reformationstag, der Bußtag oder der Totensonntag, die Advents- und Weihnachtszeit mit manchmal mehreren Veranstaltungen. Dazwischen fanden verschiedene Konzerte statt, z.B. mit Gastchören (Sulzbacher Kantorei, Alsfelder Vokalensemble, Dillenburger Kantorei, Rundfunk- und Fernsehchor St. Petersburg – jetzt „Stimmen der Newa“), oder auch mit Gastorganisten aus Deutschland, Holland, der Tschechischen Republik, Israel, England, Japan und den USA. Hierbei, und natürlich auch bei meinen anderen Konzerten, bewährte sich immer wieder die besondere Akustik und die klanglich herausragende Orgel der Martinskirche, die im Oktober 2002 mit einer Setzeranlage optimal aufgerüstet wurde. Ich selbst spielte und dirigierte natürlich auch außerhalb Konzerte in mehreren europäischen Ländern und den USA. Dazu kamen noch Vorträge, Veröffentlichungen in Fachzeitschriften sowie das Ordnen und Katalogisieren des gesamten musikalischen Nachlasses von Albert Schweitzer, das sich über Jahre hinzog und für das ich eine Freistellung für wissenschaftliches Arbeiten erhielt.

Als künstlerischer Leiter der „Airport Chapel Concerts“ des Flughafens Frankfurt nahm ich sofort die Gelegenheit wahr, mit Konzerten ins unmittelbare Umfeld zu gehen (1981/82, in Zusammenarbeit mit Flughafenpfarrer Lindenmeyer).

Mein Repertoire umfasst Musik mehrerer Jahrhunderte. Dabei schien mir auch immer besonders wichtig, dass das Schaffen der Gegenwart vertreten war. Namhafte Komponisten aus Deutschland, Holland und Frankreich widmeten mir sogar Werke, die ich z. T. angeregt hatte und uraufführte, und reisten dazu meist persönlich an.

Besonderen Wert lege ich auf die Gestaltung der Programme sowie der Programmhefte, in die ich möglichst den neuesten Stand der musikwissenschaftlichen Forschung einbeziehe (persönliche Kontakte zu führenden Forschern wie z.B. Ton Koopman, Christoph Wolff und Albert Clement waren dem nur förderlich).

Wer wirklich künstlerisch arbeitet, der tut dies in völliger Selbstvergessenheit und ohne zu fragen, in totaler Hingabe an das Werk wie ein spielendes Kind, einzig im Hinblick auf die Freude an der Vollkommenheit des Ergebnisses, denn nur wer das Beste gibt zur höheren Ehre Gottes (wie es etwa Bach tat), kann, statt nur zu „unterhalten“, zugleich sein Publikum beglücken und auf eine höhere Seinstufe erheben. – Wenn Jesus in seinen Reden achtmal auffordert „Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“, so gilt dies gewiss auch für die Musik.

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