Bierstadt 2013

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)

1. Präludium und 2. Fuge e-moll BWV 548

3.-11. Partita über „O Gott, du frommer Gott“ BWV 767

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847)

Sonate Nr. 2 c-moll op. 65,2

12. Grave-Adagio – 13. Allegro maestoso e vivace – 14. Fuga

 

César Franck (1822 – 1890)

15. „Choral“ Nr. 2 h-moll

 

Christoph Weinhart (geb. 1958)

16. Variations Sur A.Schweitzer

(Uraufführung – Rainer Noll gewidmet)

[17. Applaus]

Aufnahme: Eckard Gandela – Gestaltung, Tontechnik, Produktion und ©: Rainer Noll


Großes Orgelkonzert mit Rainer Noll in Bierstadt

Vor über vierzig Jahren übertrug man in Bierstadt die Planung der neuen Orgel einem gerade mal Dreiundzwanzigjährigen, der unzeitgemäße Wege der Konzeption ging und auch dieses Instrument 1973 selbst mit einem großen Konzert einweihte: Rainer Noll. Zum 40jährigen Jubiläum hatte man ihn nun wieder zu einem großen Konzert eingeladen, in dem sich zeigte, dass die Gemeinde ihre ungewöhnliche Entscheidung von damals nicht nur nicht zu bereuen braucht, sondern stolz sein kann auf eine heute noch als außergewöhnlich zu bezeichnende Orgel mit verblüffend vielfältiger Klangqualität.

Orgel und Organist spielten kongenial zusammen und bewältigten bravourös den Gang durch die Jahrhunderte von Bach (großes Präludium und Fuge e-moll, Partita „O Gott, du frommer Gott“) über Mendelssohn (2. Sonate c-moll) und César Franck (2. Choral h-moll) bis hin zu einer Uraufführung der „Variations Sur A.SCHweitzer“ des renommierten Würzburger Komponisten Christoph Weinhart (geb. 1958) – galt doch das Konzert zugleich dem Gedächtnis des 48. Todestages des Theologen, Philosophen, Arztes und Organisten Albert Schweitzer, der Noll zu der Orgelkonzeption in Bierstadt inspiriert hatte. Bei diesen bewusst gewählten Werken des Barock, der deutschen und französischen Romantik bis hin zur Moderne meinte man immer wieder eine andere, genau der jeweiligen Stilepoche zugehörige Orgel zu hören, und man hätte auf eine mindestens doppelt so große Registerzahl getippt, wäre man nicht im informativen Programmblatt belehrt worden, dass es nur 21 Register sind. Hierin zeigt sich das Visionäre des Orgelentwurfes sowie die hohen Registrierkunst des Organisten. Francks h-moll-Choral z.B. kann man auch in St. Chlothilde in Paris, wo der Komponist 32 Jahre lang wirkte, kaum authentischer hören, höchstens weniger transparent als in Bierstadt, wo die Feinheiten nicht im Hall einer französischen Kathedrale untergehen. Dabei muss man in Bierstadt dank des äußerst wirksamen Jalousieschwellers auch nicht auf die groß angelegten symphonischen Effekte verzichten.

Nolls Spiel ist geprägt von unbedingtem Ausdruckswillen: es lebt, atmet beseelt, „erzählt“ spannend eine „Geschichte“, bringt den an sich starren Orgelklang durch feinsinnige Agogik und Artikulation zum „Sprechen“ und zwingt den Hörer zum Hinein-Hören in die kunstvollen Binnenstrukturen, unterstützt durch die Vermeidung jeder selbstdarstellerischer Tempoüberzogenheit (auch dies ganz im Sinne Schweitzers).

Vollends in der mitreißenden abschließenden Uraufführung der „Variations Sur A.SCHweitzer“ zeigte Noll gleichermaßen technisches Können, Ausdruck wie auch Virtuosität, die niemals nur auf äußere Effekte abzielte. Man merkte ihm die intensive Beschäftigung mit diesem hochinteressanten, äußerst schwierigen, ihm gewidmeten Werk an, das wie für die Bierstadter Orgel geschrieben schien. Er überzeugte, ja begeisterte trotz mancher klanglicher Härten der Komposition die Zuhörer durch seine Interpretation, die so rational kalkuliert wie nötig und zugleich so emotional wie möglich war.

Die leider vielen leeren Plätze in den Bankreihen der wunderschönen Kirche bei diesem außergewöhnlichen, eineinhalbstündigen Jubiläumskonzertes standen in ungutem Kontrast zum Anlass sowie zu der Qualität des Programms und der geistig-emotionalen wie auch allein schon physischen Leistung des Interpreten.

Eckard B. Gandela, Frankfurt am Main

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